Christliche Themen für jede Altersgruppe

Appartement im Kirchturm

Der Wohnraum in Städten wird immer knapper, insbesondere für seltene und bedrohte Tierarten wie Dohlen, Falken, Fledermäuse, Schleiereulen und Mauersegler. Helfen soll die Aktion „Lebensraum Kirchturm“, an der sich zwischenzeitlich über 200 Gotteshäuser im Land beteiligen – darunter ist auch die Stephanuskirche in Stuttgart-Bad Cannstatt. 



Jörg Faber kümmert sich um die Vögel und steigt den Kirchturm hoch. (Foto: Markus Heffner)



Seit 2014 hängen die Nistkästen nun schon in dem markanten Glockenturm, einem Campanile, der frei neben der Stephanuskirche steht und mit seinen 30 Metern alles in dem Wohngebiet im Norden der Landeshauptstadt überragt. Gleich im ersten Jahr waren prompt einige Mauersegler eingezogen, was weniger mit dem Instinkt oder den guten Augen der Vögel zu tun hatte, als mit einem alten Trick, über den Jörg Faber in einem Buch gelesen hat, wie er erzählt. Mit Hilfe eines CD-Players, der direkt hinter den Kästen angebracht war, ließ der Vogelfreund in einer Endlosschleife weithin hörbar die durchdringenden „sriih-sriih“-Rufe der Mauersegler laufen. „Das hat wunderbar funktioniert“, erzählt Faber, der daher auch dieses Frühjahr auf diese bewährte Methode vertraut hat.

Der Anstoß, aus dem Kirchturm einen Lebensraum für Vögel zu machen, war seinerzeit sozusagen von oben gekommen. Der Dekan von Bad Cannstatt und Pfarrer an der dortigen Stadtkirche, Eckart Schultz-Berg, hatte bei einem Besuch in der benachbarten Stephanusgemeinde der schönen Aussicht wegen den Wunsch geäußert, hoch auf den Kirchturm zu steigen. Oben angekommen habe er sich umgeschaut und nach einer Weile gefragt, ob man hier nicht etwas für Vögel machen könne, erzählt Jörg Faber, der seinerzeit den Dekan nach oben begleitet hatte.

Gefragt, getan: Nach einem entsprechenden Antrag im Kirchengemeinderat, dem dieser einvernehmlich zustimmte, machte sich Jörg Faber ans Werk und baute in Heimarbeit die Nistkästen, die ihren Platz nun ganz oben im Turm haben.

Ganz unten am Eingang hängt seither eine Plakette, auf die der Mesner und Hausmeister der Stephanusgemeinde mit schöner Regelmäßigkeit von Kirchenbesuchern angesprochen wird. „Ich werde oft gefragt, was es damit auf sich hat und warum das Schild da hängt“, sagt Heiko Blanke, der bei diesen Gelegenheiten dann von den Mauerseglern erzählt, die neuerdings über dem Kirchturm kreisen und von unten an ihrer typischen sichelförmigen Gestalt zu erkennen sind. „Es ist doch schön, wenn man den Vögeln unter die Flügel greifen kann“, sagt er.

Das findet insbesondere auch der Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg. Der zeichnet alle Kirchen im Land mit einer solchen Plakette und einer Urkunde aus, die ihren Turm für Falken, Fledermäuse, Schleiereulen, Dohlen oder Mauersegler öffnen und so „dringend benötigten Wohn- und Lebensraum für diese bedrohten Arten schaffen“, wie Hannes Huber vom Nabu erklärt.

Gestartet wurde die bundesweite Aktion zusammen mit dem Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen bereits im Jahr 2007, zwischenzeitlich tragen landesweit 202 Kirchen das Schild mit der Aufschrift: „Lebensraum Kirchturm“. Eine beachtliche Zahl, die Baden-Württemberg mit großem Abstand zum bundesweiten Spitzenreiter macht. In ganz Deutschland wurden bisher knapp 900 Kirchen für ihr Engagement im Bereich Artenschutz ausgezeichnet.

Immer mehr Kirchengemeinden im Land machen sich um seltene Tierarten verdient, was auch dringend notwendig ist, wie der Nabu-Sprecher Hannes Huber betont. In den verbauten Städten würden die Tiere kaum noch Nischen für den Nestbau finden. „Vor allem durch Sanierungen fallen immer mehr Lebensräume weg“, erklärt Huber. Bei Wärmedämmungen beispielsweise, wenn Gebäude neu verkleidet werden, fehlt es hinterher meist an wertvollen Vorsprüngen und Lücken. „Kirchtürme sind für viele Arten zu ganz wichtigen Rückzugsräumen geworden“, betont Huber.

In der Amanduskirche in Freiberg-Beihingen nistet ein Falke, im Turm der evangelischen Kirche in Ottenheim brüten seit vielen Jahren schon Schleiereulen, in der Kirchengemeinde Obersulm im Landkreis Heilbronn sind Bienen in den Kirchturm eingezogen und in Neckarweihingen, einem Teilort von Ludwigsburg, kreisen zwischenzeitlich bis zu 20 Dohlenpaare um den Turm der evangelischen Laurentiuskirche.

„Die Vögel sind fast schon ein Wahrzeichen unserer Gemeinde geworden“, sagt Pfarrer Olaf Digel, der die Dohlen übernommen hat, als er vor fünf Jahren in die Gemeinde kam. Erst vor wenigen Tagen hat er eine junge Dohle beobachtet, wenige Wochen alt, die unter den Rufen der Eltern neugierig über den Hof der Kirche hüpfte. „Wir haben uns an das Zusammenleben gewöhnt und großen Gefallen daran gefunden“, sagt Digel.  

Die Nabu-Plakette hängt seit 2012 an der Laurentiuskirche, just seit jenem Jahr also, in dem die Dohle der Vogel des Jahres war. Die Verleihung seinerzeit war gleichzeitig auch ein kleines Jubiläum: Der Naturschutzbund Baden-Württemberg konnte an diesem Tag zum 75. Mal eine solche Auszeichnung in der evangelischen Landeskirche vergeben.

Heute ist die Dohlenkolonie von Neckarweihingen mit ihrem guten Dutzend an Brutpaaren weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. Zusammen mit dem Steinbruch in Neckarrems und dem Wasserturm auf dem Römerhügel in Ludwigsburg bildet die Laurentiuskirche einen der Verbreitungsschwerpunkte dieser geschützten Art in Baden-Württemberg.

Der landläufige Spitzname der Dohlen, die gerne als „des Pastors schwarze Taube“ bezeichnet werden, weist dabei auf die große Bedeutung von Kirchen als Lebensraum für die Rabenvögel hin, die treue Kirchgänger sind. „Die natürlichen Nistmöglichkeiten für Dohlen, etwa Höhlen in alten Bäumen, werden immer seltener. Das macht die Erhaltung der Brutmöglichkeiten in Kirchen umso bedeutender“, betont Hannes Huber.

Die Landeskirche in Württemberg ist sich dieser Verantwortung längst bewusst, weshalb der Schutz und Erhalt der Artenvielfalt unter anderem auch in den Nachhaltigkeitsleitlinien verankert wurde. Klaus-Peter Koch, der Umweltbeauftragte der Landeskirche, betont dabei die Bewahrung der Schöpfung als ein zentrales Anliegen der Kirche.

Der Erhalt von Brutraum für gefährdete Tierarten sei ein ganz konkreter Schritt, den Kirchengemeinden gehen können, sagt er. „Die Verantwortung für Gottes Schöpfung ist fester Bestandteil unseres Auftrages. Wir sind Teil der Schöpfung Gottes und mit der Fürsorge für sie betraut“, sagt der Umweltbeauftragte, bei dem mit Monika Schäfer-Penzoldt auch eine eigene Diplom-Biologin beschäftigt ist, die sich um die Belange des Artenschutzes kümmert und regelmäßig in Kirchtürmen im ganzen Land nach geeigneten Unterschlupfen sucht. Bei der Sanierung von Kirchen werde großer Wert auf den Erhalt der Nistmöglichkeiten gelegt, betont sie. „Wir helfen, wo wir können.“

Seinen Teil beitragen will auch Jörg Faber, der daher nicht müde wird, mit Ohrstöpseln bewaffnet hoch zu den Kirchenglocken zu steigen, die alle Viertelstunde läuten. Im ersten Jahr hatten die Mauersegler das „Kirchenasyl“ noch etwas zögerlich angenommen. „Sie waren nur zum Übernachten da, es gab aber keine Brut“, erzählt Faber. Im vergangenen Jahr entdeckte der Vogelfreund dann bei einem seiner behutsamen Kontrollgänge einige Eier im Nest eines Pärchens, das seine drei Jungen dann auf dem Kirchturm großgezogen hat. „Ich hoffe sehr“, sagt Faber, „dass sich das in diesem Jahr wiederholen wird und wir wieder Nachwuchs haben.“

Nicht nur der begeisterte Hobby-Ornithologe ist fasziniert von den Kunstseglern, die fast ihr ganzes Leben in der Luft verbringen und im Fliegen sogar schlafen oder sich paaren können. Überall wo sie nisten, haben sie schnell eine große Fangemeinde, erzählt Nabu-Sprecher Hannes Huber. Wie Dohlen sind auch Mauersegler echte Kulturfolger, die in Städten und Dörfern unter den Dächern von Altbauten, in Gebäudenischen und Spalten geeignete Wohnstuben finden. Dank dieser Anpassungsfähigkeit konnten sich die Vögel in der Vergangenheit zunächst gut vermehren. Weil viele dieser Nistplätze im Zuge von Gebäudesanierungen verloren gegangen seien, so Hannes Huber, wurde der Mauersegler zwischenzeitlich auf die Vorwarnliste der „Roten Liste“ gefährdeter Brutvögel gesetzt.

Auch deshalb denkt Jörg Faber zwischenzeitlich darüber nach, in seiner Werkstatt noch weitere Familienappartements zu bauen. Platz wäre zwischen den Holzlamellen des Turms jedenfalls reichlich vorhanden. Und die bisher gemachten Erfahrungen sind durchaus vielversprechend.

„Wenn auch in diesem Jahr alles gut klappt und die Plätze alle angenommen werden, wollen wir noch mehr Kästen aufhängen“, sagt der pensionierte Feinmechaniker und Vogelfreund, der an dem Gedanken an weitere gefiederte Gäste sichtlich Gefallen findet. Auch wenn er sie dann womöglich noch öfters hochsteigen muss – jene 150 schmalen Steinstufen, die sich spiralförmig himmelwärts drehen.