Christliche Themen für jede Altersgruppe

Arbeiten am Gemeinwohl

Ob Kindergarten, Suchtberatung oder Kirchenmusik: Überall im Land haben Kirchen und Kommunen ständig miteinander zu tun, sind mitunter eng verflochten. Doch welche Bedeutung hat die Kirche vor Ort tatsächlich? Einige Antworten im Vorfeld der Kommunalwahlen am 26. Mai. 


Für die Kirchen ist es interessant, wer in der Kommunalpolitik entscheidet. Da hilft ein Austausch, wie beim Wahlforum in Hechingen. (Foto: Martin Janotta)


Es ist nicht ganz die berühmte „Gretchenfrage“ – „Wie hältst du’s mit der Religion?“ – die Horst Rein zu Beginn des Wahlforums im Hechinger Diasporahaus stellt. Doch so etwas wie eine Variante davon: „Wie sehen Sie die Bedeutung der Kirche in ihrer Partei, der Kommune, im Landkreis? Ist das für Sie wichtig, was die Kirche tut?“ Die Frage des Vorsitzenden des Diakonischen Bezirksausschusses im Dekanat Balingen richtet sich an sieben Hechinger Kandidaten für Gemeinderat und Kreistag. Sie sind der Einladung des Kirchenbezirks gefolgt, im kleinen Rahmen mit Vertretern aus Diakonie und Kirche zu diskutieren.

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Für den Kandidaten der SPD ist soziales Engagement bei der Kirche besser aufgehoben als bei der Kommune, wo es bürokratischer zugehe und oft die Qualitätskontrolle fehle. Der FDP-Mann sieht Diakonie als das Feld, „wo sich das Christentum beweisen kann“. Der Kandidat der Grünen hadert mit seiner katholischen Kirche, das soziale Engagement ist für ihn aber Grund, drin zu bleiben.

Für den CDU-Kandidaten gilt, dass die Stadt selbst mehr in die Kindergartenarbeit einsteigen soll, mit den kirchlichen Trägern als Vorbild. Ähnliches sagt der Vertreter der Linken, er will, dass der Sozialstaat wieder mehr von staatlichen Akteuren geprägt wird. Dennoch sagt er: „Ich find’s gut, was ihr alle macht, und wir brauchen euch auch dringend.“ Der AfD-Mann würdigt das soziale Engagement ebenfalls. Und der Kandidat der Freien Wähler äußert den Wunsch, dass Kirche und Kommunalpolitik öfter miteinander sprechen, nicht nur vor Wahlen, sondern auch zu konkreten Themen. Um die geht es in der Folge: Wohnungsnot, Kita-Gebühren und die Situation von Alleinerziehenden.

Das Wahlforum in Hechingen war das erste von vieren im Dekanat Balingen. „Für uns ist das Neuland“, sagt Horst Rein. Kirche und Diakonie im Bezirk hätten großes Interesse an den Kommunalwahlen. „Wir sind mit unseren Angeboten nah an den Menschen in Notsituationen – und Politik auf kommunaler Ebene schafft die Bedingungen ­dafür, dass diese Hilfsangebote wirken können“, sagt Rein. Suchtberatung, Schuldnerberatung, Flüchtlingsarbeit … Die Liste ist lang.

So wie in Hechingen haben Kirchen und Kommunen überall im Land viele Berührungspunkte. Selbst in Stuttgart, wo Christen nicht mehr in der Mehrheit sind, ist die Verflechtung groß. Kirchen und diakonische Träger übernehmen wichtige Aufgaben für die Landeshauptstadt, die das entsprechend fördert: Im Sozialbereich erhielten kirchliche Träger, wie die Caritas und die Evangelische Gesellschaft, 2017 17,1 Millionen Euro Zuschüsse zu Betriebskosten, dies entspricht 85 Prozent aller im Jahr 2017 gewährten Betriebskostenzuschüsse. In der Kindertagesbetreuung erhielten Kirchen und kirchennahe Träger 2018 eine städtische Förderung von rund 84,5 Millionen Euro, insgesamt gab die Stadt in diesem Bereich rund 194 Millionen Euro aus. Von den absoluten Zahlen her geringer, aber auch nicht zu unterschätzen: Kirchenmusik förderte die Stadt Stuttgart 2018 mit über 360?000 Euro, rund neun Prozent der städtischen Förderung im Musikbereich.

„Die Qualität, die Kirche etwa in der Musik oder in der Jugendarbeit in die Stadt einbringt, wird im Rathaus sehr geschätzt“, sagt Hans-Peter Ehrlich. Er kennt beide Seiten: Von 1999 bis 2013 war er Stadtdekan in Stuttgart, im Ruhestand trat er in die SPD ein und wurde 2014 in den Gemeinderat gewählt. Die Kirche sei gefragt, wo es um gesellschaftlichen Zusammenhalt, Demokratie und Menschenwürde gehe. „Diese Themen auf den Punkt zu bringen, das ist die Aufgabe der Kirche.“ Schwierig werde es, wenn Gemeindeglieder meinten, dass die Kirche als Institution sich zu aktuellen politischen Fragen äußern sollte, bei denen es nicht um Menschenwürde geht. Sinnbildlich dafür steht für Ehrlich Stuttgart 21. „Meine Aufgabe als Stadtdekan sah ich darin, dazu beizutragen, dass Gegner und Befürworter einander nicht als Feinde sehen“, erinnert er sich.

Was Kirche für die Kommune bewirken kann, lasse sich in Stuttgart beispielhaft an drei Orten zeigen, sagt Ehrlich. Als Erstes sei da die Vesperkirche. Anfangs von der Stadt kritisch beäugt, gilt sie heute bis in die Rathausspitze als Institution, „die für eine Stadt und Stadtgesellschaft steht, die Armut zumindest wahrnimmt und nicht übersieht“.

Ein weiterer Ort ist das Hospiz. Ein Angebot in die Stadt hinaus, wo Schwerstkranke, ob aus kirchlichem Umfeld oder nicht, ihre letzte Lebenszeit verbringen können. „Das ist doch ein Projekt, das kann eigentlich nur Kirche“, sagt Ehrlich.

Schließlich der Hospitalhof als kirchlicher Bildungsort. Der sei für die Stadtgesellschaft ein begehrter Veranstaltungsort und zudem Vorzeigeprojekt für Stadtentwicklung. Schon früh im Bauprozess hatte es viele Kontakte mit der Stadt gegeben und dass das Hospitalviertel zu dem wurde, was es ist, sei in besonderer Weise dem kirchlichen Engagement zu verdanken.

Blick von der Stadt aufs Land, von Stuttgart in den Schwarzwald: Horst Schmelzle ist Pfarrer in Alpirsbach und seit 2014 Vorsitzender der Fraktion „Zukunft für Alpirsbach“ im Gemeinderat. „Klar gibt es Leute, die sagen: Der soll Pfarrer machen und nicht in die Politik gehen.“ Aber Schmelzle findet, dass sich beides gut ergänzt. Bestärkt sieht er sich unter anderem durch den biblischen Auftrag „Suchet der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7).

Das Beste für Alpirsbach zu suchen und zu finden, ist das Ziel von Horst Schmelzle. Die örtliche Situation redet er nicht schön: „Der Schwarzwald stirbt aus. Wir haben nicht viel Gewerbesteuer und die Bevölkerungszahl geht zurück.“ Den Ort voranzubringen war für Schmelzle und seine Mitstreiter – einer seiner Fraktionskollegen ist der Chef der bekannten örtlichen Brauerei – Anlass, 2014 mit einer neuen Liste namens „Zukunft für Alpirsbach“ anzutreten.

Berührungspunkte seiner Arbeit als Pfarrer und Gemeinderat sieht er wenig, höchstens beim evangelischen Kindergarten. Allgemein gelte: „Die Luft für die Kirche wird dünner. Die Bedeutung der Feuerwehr ist heute in einer Kommune größer als die der Kirche.“ Ein Viertel der Stadträte sei nicht Mitglied einer Kirche, der Bürgermeister komme zu kirchlichen Veranstaltungen, „wenn er halt eingeladen wird“. Die evangelische Kirche bringe sich vor Ort ein, etwa im Arbeitskreis Asyl. Aber dort arbeite sie eher mit den Katholiken und den Neuapostolischen zusammen, weniger mit der Kommune, sagt Schmelzle.

Wird die Luft für die Kirche überall dünner? Der Landessynodale Kai Münzing erzählt anderes. Er ist Kirchenpfleger und Geschäftsführer der Kindergartenarbeit in Dettingen an der Erms, wo die evangelische Kirchengemeinde in Sachen Kindergärten ein Monopol hat. Schon von Amts wegen hat Münzing viel mit der weltlichen Gemeinde zu tun, etwa wenn es darum geht, den Bedarf zu planen und die Gebäude zu unterhalten.

Münzing sieht die Kirche weiter als bedeutenden Akteur: „In ländlichen Regionen ist es eine Partnerschaft auf Augenhöhe, kirchliche Träger sind in den Verwaltungen als Gesprächspartner gesucht, etwa bei Sozialraumgestaltung und Nachhaltigkeit.“ Wenn er zu einer Sitzung des Gemeinderats gehe, sage der Bürgermeister, obgleich katholisch: „Jetzt kommt unser Kirchenpfleger.“ Er sieht die Kommune nicht als Gegner: „Weder die kommunale noch die kirchliche Verwaltung wünscht sich, dass Abläufe immer ­bürokratischer werden. Was Sand ins Getriebe streut, sind meistens Regeln, die weiter oben festgelegt werden, wie neue Brandschutzbestimmungen oder die Datenschutzgrundverordnung.“

Für Münzing ist das Verhältnis Kirche – Kommune vor allem Beziehungsarbeit: „Wenn wir als Kirche nicht die Chance nutzen, dort zu sein, wo die Öffentlichkeit ist, wenn sich also eine Kirchengemeinde zum Beispiel komplett aus der Kindergartenarbeit zurückzieht, dann braucht man sich über Bedeutungsverlust nicht zu wundern“, sagt er. Und nicht zuletzt: „Wer sich seiner Kirche verbunden fühlt und aus falschem Verständnis nicht zur Wahl geht, weil er denkt: ‚Das ist ja nur der Gemeinderat‘, der drängt sich wirklich selbst an den Rand.“