Christliche Themen für jede Altersgruppe

Atheistische Protestanten


Nach dem britischen Brexit-Votum wird auch in Nordirland die Trennung von Großbritannien wieder offen diskutiert. Denn hier stimmte die Mehrhreit für den Verbleib in der EU. Doch anders als in Schottland ist die Lage hier komplizierter und fragiler. Die Erinnerungsmärsche am 12. Juli, bei denen die Protestanten einen Sieg über die katholischen Iren feiern, finden in erhitzter Atmosphäre statt.


Sinnbild für die Flucht: das Ruderboot auf der Bühne. (Foto: Gemeindeblatt)


Seit Jahrzehnten gehört diese Straßenkreuzung zu den konfliktreichsten in ganz Europa. Die Katholiken halten den orangenen Vorbeimarsch für eine Provokation, die Protestanten in Orange beharren darauf. Schließlich sei dies eine öffentliche Kreuzung. Seit drei Jahren ist ihnen der Durchmarsch von der Stadtverwaltung verboten. Daher versperrt nun wieder schwerbewaffnete Polizei den Weg. Die orangenen Männer bauen sich mit ihrer Fahne direkt vor der Polizeibarriere auf und bleiben friedlich stehen, eine Stunde lang. Helferinnen reichen aus einem improvisierten Wohnwagen-Camp direkt neben der Kreuzung Tee und Kaffee in Pappbechern hinüber zu den Demonstranten. „Civil Rights Camp“,  Lager für Bürgerrechte, steht auf einem Transparent. Über allem kreist ein Polizeihubschrauber.

Gegen halb neun nehmen die Männer die Schärpen ab und gehen nach Hause. Kurze Zeit später macht auch die Polizei die Kreuzung wieder frei. Man sieht sich am nächsten Abend wieder, denn da wiederholt sich das Spiel, zu besichtigen täglich außer sonntags, immer zur gleichen Zeit. Mal kommt eine Handvoll, mal kommen ein paar Tausend.

Heute war Aufmarsch Nummer 1007. Man kann all dies erklären, aber nur schwer verstehen. Manchmal kann man lesen, der nordirische Bürgerkrieg sei der letzte Konfessionskonflikt Europas gewesen, der mit Waffengewalt ausgefochten wurde. Das stimmt aber nur zum Teil. Tatsächlich definieren sich die  Parteien, die sich noch bis vor einer Generation nach dem Leben trachteten, selbst als Katholiken und Protestanten. Nach gängigem kirchlich-zivilisatorischem Verständnis sind sie aber etwas anderes.

„Viele, die sich Protestanten nennen, haben noch nie eine Kirche von innen gesehen“, sagt etwa Colin Duncan. Der gebürtige Schotte ist seit drei Jahren Pfarrer zweier Methodistengemeinden in Shankill, der traditionsreichen Protestantenhochburg im Nordwesten von Belfast. Nirgendwo in Europa wird man solche flammende Bekenntnisse zum Protestantismus hören wie hier. Doch kurioserweise schließt diese Identität christliches Gedankengut keineswegs automatisch ein, und manchmal sogar aus. „Protestantismus“ in Belfast, das ist ein gewaltiges Missverständnis, an dem auch seine kirchlichen Protagonisten mitunter verzweifeln. Fünf Minuten weiter, im Stadtteil Falls, ist alles genauso, nur auf katholisch. „Ich liebe diese Stadt, aber mir bleibt vieles fremd“, sagt Duncan.

Aus der Betstunde, zu der sich vier Menschen aus den beiden Gemeinden in seinem Wohnzimmer zusammengefunden haben, die in Shankill aufgewachsen sind, wird unverhofft eine Geschichtslektion. Peter musste sich auf der Busfahrt in die Schule immer an einer bestimmten Stelle des Schulweges ducken – nämlich dort, wo sich seit drei Jahren die Orangenen vor der Polizei aufbauen: Man sei damals automatisch in eine Schutzhaltung gegangen. Kopf nach unten, Arme darüber. Denn täglich flogen Steine gegen den Bus.

Margret eilte nachts nach Hause, bettelte schwerbewaffnete Polizisten an, sie auch nach der Sperrstunde passieren zu lassen. Neben sich sah sie Vermummte Pflastersteine sammeln und auf Polizeiautos werfen. Vor Nigels Augen ging eine Bombe hoch: Als sich die Wolke aus Staub und Ruß langsam lichtete, sah er die Toten auf der Straße liegen und die Traumatisierten schreien und zitternd umherirren. Willkommen in Shankill.

Das merkwürdigste Bauwerk dieser Stadt ist eine riesige Mauer aus Beton und Eisengestänge entlang der Convay Road. Sie ist bis zu acht Meter hoch und einen guten Kilometer lang. Fast auf ganzer Länge sind Graffitis aufgemalt, und jeden Tag halten Touristen-Taxis, damit Besucher sich auf der Mauer verewigen können. Die prominentesten Signaturen wurden in Metall gefasst. „Strength and wisdom are not opposing values“, also: „Stärke und Weisheit schließen sich nicht aus“ hinterließ zum Beispiel Bill Clinton, und der Dalai Lama empfahl: „Open your arms to change, but don’t let go of your values“: „Seid offen für Veränderung, aber verliert eure Werte nicht.“

Der Betonkoloss trägt den Namen „peace wall“ – Friedensmauer. Es gibt an die 100 davon in der ganzen Stadt mit einer Gesamtlänge von 21 Kilometern, aber dieser Abschnitt ist der bekannteste. Die „peace walls“ trennen protestantische von katholischen Wohnvierteln, hier den Shankill-Bezirk von den Falls. Es gibt Durchgänge wie am Lanark Way, martialische Sicherheitsschleusen aus Stahl, die jeden Abend geschlossen werden.

Ein Spaziergang durch diesen Teil der Stadt ist, jedenfalls für Auswärtige, ein wunderliches Erlebnis. Die bescheidenen Arbeiterhäuser aus rotem Klinkerstein, die Trostlosigkeit von großen Brachflächen, die Geschäfte, deren Läden ganztags geschlossen sind, überhaupt die ganzen sozialen Probleme sind hüben wie drüben die gleichen. Doch in Shankill weht über Armut und Arbeitslosigkeit der Union Jack, in Falls die grün-weiß-orangene Fahne Irlands.

Mehr als das: Die Shankill Road ist ein einziges Statement. Eine Erinnerungsstätte ist an die andere gereiht: Einmal ist es nur eine Metallplakette für die Opfer eines Bombenanschlags, ein anderes Mal ein kleiner Memorial Park, in dessen Mitte ein Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg steht. Dieser Krieg spielt für die Identität der protestantischen Nordiren eine enorme Rolle: Nur ein Zehntel von rund 760 Freiwilligen aus Shankill überlebte den Krieg, was die Nachfahren besondere Blutsbande zu England verspüren lässt. In der freipresbyterianischen Martyrs Memorial Church in Ost-Belfast hat Pfarrer Ian Brown sogar aus Polystyrolschaum ein Relief der Schlacht an der Somme nachgebaut. Die katholischen Iren dagegen kannten den Krieg mit wenigen Ausnahmen nur vom Hörensagen.

In der Shankill Road wirbt „Phil’s Barbershop“, ein Friseur, in den Farben Großbritanniens. Berühmt sind die großflächigen Wandmalereien, etwa das Porträt von Wilhelm von Oranien oder Huldigungen an paramilitärische Organisationen wie das „Red Hand Command“. Auf der katholischen Seite dominieren republikanisch-nationale Bildmotive.  

Die „peace walls“ waren als Provisorium gedacht, um in der Anfangsphase des Friedensprozesses Hitzköpfe auf beiden Seiten in Schach zu halten. Sie sollen, das war die Idee, potenziellen Scharfschützen, Bombenwerfern oder sonstigen Kriminellen den Zugang ins Nachbarviertel erschweren. Das ist kurios, weil die Mauern nicht sehr lang sind. Man kann sie völlig unkontrolliert umgehen, denn Belfast ist längst keine Zwingburg mehr mit Polizeibarrikaden und Armeeposten an allen Kreuzungen. Trotzdem, so haben neue Befragungen ergeben, wollen 80 Prozent der Anwohner, dass die Mauern bleiben. Elisabeth, Walter, Mark – alle, die hier in einem Hinterzimmer der presbyterianischen Westkirk mitten in Shankill zusammengekommen sind, sagen, dass sie sich mit der Mauer sicherer fühlen. „Es ist ein Gefühl“, versucht Dave Clawson, der seit fünf Jahren Pfarrer an der Westkirk ist, zu erklären: „Die Leute spüren noch eine Gefahr.“ Provisorien sind manchmal langlebig.  

Die politisch aufgeladene Konfessionalisierung Nordirlands hat zu dem für Nordeuropa ungewöhnlichen Phänomen einer – formal – ungebrochenen Kirchlichkeit geführt. Nordiren lassen ihre Kinder taufen, heiraten kirchlich, wollen ihre Toten vom Pfarrer bestatten lassen. Die Kirchendichte in einem Arbeiterviertel wie Shankill ist unfassbar: Ungefähr 40 Gemeinschaften laden in ihre meist bescheidenen Kirchen und Gemeindehäuser ein, Anglikaner sind darunter und Presbyterianer, Methodisten und Baptisten, allerlei Freikirchen und „viele andere Gruppen, die sich protestantisch fühlen“, sagt Methodistenpfarrer Duncan diplomatisch.

Keines der Gebäude ist im Reiseführer verzeichnet – zumeist sind es Arbeiterbetsäle aus dem 19. Jahrhundert oder Zweckbauten mit Turnhallenanmutung. Eine Gemeinde mit 300 Mitgliedern zählt schon zu den Größeren. Wer Kirche zuerst als Einladung definiert, kann hier schon mal irritiert sein: Die John Knox Memorial Church der Free Presbyterian Church zum Beispiel sieht mit ihren hohen Zäunen eher aus wie Festung, deren Zweck es vor allem ist, bestehende und künftige Bedrohung fernzuhalten. Sie ist ein Symbol für das Lebensgefühl  nordirischer Protestanten, die sich durch das Karfreitagsabkommen, das die gleichberechtigte Teilhabe der Katholiken regelt, übervorteilt fühlen.

„Das Abkommen ist wie ein trojanisches Pferd“, fasst Pfarrer Clawson die Stimmung in seiner Teestube zusammen: „Für viele ist die Lage hoffnungslos.“ Es fehlt an Schulen, es fehlt an Arbeit. Viele Läden in der Shankill Road sind zu, das Viertel verliert seit Jahrzehnten an Bevölkerung.

Dabei gilt die 350?000-Einwohnerstadt Belfast als Boomtown: Ganze Stadtviertel sind neu entstanden, die Innenstadt mit ihrer legendären Dichte an Pubs hat sich längst aus der Lähmung befreit. Das neue Titanic Museum ist zum architektonischen Wahrzeichen der Stadt geworden. Und dann wurde hier auch noch die Fernseh-Serie „Games of Thrones“ gedreht, was ganz besondere touristische Impulse freigesetzt hat.

Über all das können sich Leute wie Billy Scott freuen, die mit ihren Black Taxis individuelle Touristenführungen zu den Brennpunkten von Belfast anbieten. Billy sprudelt über vor Anek­doten, die aber nicht immer leicht zu verstehen sind, denn Nordiren sprechen schnell und eigenwillig. Eine von Billys Sottisen geht so: Drei grobschlächtige Kerle halten nachts einen Fremden auf. „Bist du Katholik oder Protestant?“ Antwort: „Atheist!“ Zweite Frage: „Bist du katholischer Atheist oder protestantischer?“ Die Geschichte ist nur von außen gesehen ein Witz, denn der Typus des konfessionsgebundenen Atheisten gehört in Belfast tatsächlich zum Stadtbild.

Das Karfreitagsabkommen lässt die Frage einer Wiedervereinigung der beiden Irlands offen. Die wichtigste Bedingung wäre die mehrheitliche Zustimmung der Nordiren, die vor Jahrzehnten noch undenkbar war. Doch der Anteil der Katholiken ist von rund 30 Prozent im Jahr 1971 auf derzeit etwa 44 Prozent der Bevölkerung gewachsen, vor allem durch deren vergleichsweise hohe Kinderzahl, dieweil der protestantische Anteil von 70 auf rund 48 Prozent abnahm.

Eine katholisch-republikanische Mehr­heit ist in demographischer Sicht – für die meisten Protestanten eine unvorstellbare Perspektive. „Die Wiedervereinigung Irlands ist unabdingbar“, sagte jüngst Pfarrer Bill Shaw von der Versöhnungsinitiative „trust174“, in einer Fernseh-Doku: „Schon allein deswegen, weil sich die britische Regierung zu wenig um uns kümmert“.

Man möchte lieber nicht darüber spekulieren, was in einem solchen Fall in Nordirland passieren könnte – denn es ist kaum vorstellbar, dass in dieser noch immer tief verletzten und gespaltenen Gesellschaft sich alle jener Haltung anschließen würden, die Norman Jardine, seit 40 Jahren anglikanischer Pfarrer in Belfast, so auf den Punkt bringt: „Ich bin Christ und ich bin Protestant. Aber ich würde für den Protestantismus niemals mit Kriegswaffen kämpfen.“