Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auch Atheisten mögen Kirchen

Was macht eine Kirche zur Kirche, also zu einem besonderen Ort, zu einem Gotteshaus? Und: Was macht man mit Kirchen(gebäuden), die nicht mehr gebraucht werden? Eindeutige Antworten gibt es nicht. Aber dafür viele Impulse. Das zeigt die Debatte in der Landessynode. 




Lernende Synode: An verschiedenen Stationen konnten sich die Synodalen über Themen rund um Kirche und Verkündigung informieren. (Foto: Gemeindeblatt)


Die Frage, warum Kirchen Orte spiritueller Erfahrung sein können, kann Thomas Erne beantworten. Zunächst sei es der Raum selber, der weitet. „Das nach oben strebende Hauptschiff hebt bei jedem Besucher den Blick. Niemand, der das Ulmer Münster betritt, hat nicht an irgendeinem Punkt seinen Kopf im Nacken und staunt über das Gewölbe.“ Auf den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatten gotische Kathedralen eine besondere Wirkung. Die äußere Form sei Ausdruck einer inneren Gestimmtheit, einer „Erhebung des Gemüts über die Beschränktheit des Daseins“.

Außerdem macht der Klang die Kirche zu einem besonderen Ort. „Kirchen sind gebaut als Resonanzräume, die durch den Nachhall und das Klangvolumen das Gefühl von Weite erzeugen.“ Das Licht und die Kunst in Kirchen sind weitere Elemente, die dem Raum Kirche etwas Faszinierendes zuweisen.

Thomas Erne ist davon überzeugt: „Kirchen sind Orte der Hoffnung, die über das Faktische hinausreicht. Innerhalb der bürgerlichen Stadt ist eine Kirche wie ein Versprechen, dass Krieg und Zerstörung nicht das letzte Wort haben werden.“ Nicht zu vergessen sei, dass Kirchen „Orientierungskunstwerke“ sind. Sie orientieren eine Stadt etwa durch die Höhe der Türme. Deshalb seien Kirchen von großem öffentlichem Interesse. „Viele Menschen sind der Meinung, die Kirche müsse im Dorf gelassen werden, was nicht heißt, dass sie die Kirche auch von innen kennen.“

Was aber soll und darf eine Kirchengemeinde mit Kirchen tun, die nicht mehr gebraucht werden? Diese Frage bewegt Gemeindemitglieder, Kirchengemeinderäte und Synodale, die sich während der Synode von Experten Rat holen konnten. Gerald Wiegand, Leiter des Referats Bauberatung im Oberkirchenrat, berichtet am Beispiel der Johanneskirche in Kornwestheim, wie die Umnutzung funktionieren kann. Dort werden die Räume des aufgegebenen Gemeindehauses in die Johanneskirche integriert. Wichtig bei allen Umbaumaßnahmen: „Wir müssen den Leuten zeigen, dass das Gemeindeleben weitergeht – und nicht nur ‚tabula rasa‘ machen und dort, wo Kirchen standen, Parkplätze bauen“, sagt Wiegand.

In anderen Bundesländern sei die Umnutzung viel weiter fortgeschritten, erzählt Wiegand. Der Blick auf die nördlichen und östlichen Landeskirchen zeige nämlich oft, wie man es nicht machen solle: „Wenn eine Kirche eine Diskothek wird, finde ich das nicht gut“, sagt eine Synodale.

Von einem gelungenen Beispiel berichtet Thomas Erne. Für die katholische Kirche in der Stadtmitte von Erfurt gab es keine Gemeinde mehr. Der Kirchenraum wurde geteilt. Eine Seite dient als Gottesdienstraum, die andere als Ruhestätte für mehrere hundert Urnen. „Auf diese Weise bekommt die Kirchen wieder eine eigene Gemeinde, und zwar aus den Angehörigen der Verstorbenen und denjenigen, die einen Urnenplatz gekauft haben, aber noch am Leben sind.“ Zur Gemeinde gehören Atheisten und Christen. Einzige Bedingung für einen Urnenplatz im Kolumbarium sei, dass die Trauerfeier, die für Atheisten mit einer speziellen Liturgie für Religionslose gefeiert werde, von einem Pfarrer einer christlichen Kirche gehalten wird.

Eine solche Nutzung können sich viele vorstellen. Doch Emotionen wecken Debatten über einen Kirchenabriss. In Wendlingen wird darüber seit Monaten erbittert gestritten. Die Wendlinger Kirchengemeinderätinnen Ulrike Dietrich und Andrea Fausel erklären die Entscheidung, die Johanneskirche abreißen zu lassen, um an deren Stelle ein Gemeindezentrum zu bauen. Ein Abriss stößt in der Regel auf Widerstand. „Da muss schon was überdurchschnittlich Gutes neugebaut werden, um so einen Schritt zu rechtfertigen“, sagt ein Synodaler. Ulrike Dietrich gibt zu: Ein Abriss sei ein „unangenehmes Thema“. Es sprächen zwar die „sachlichen, fachlichen Argumente“ dafür, aber die „Sprache des Herzens“ sei eine ganz andere.

Zum Thema „Abriss“ hat der Direktor des Marburger Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart eine klare Auffassung: „Eine Kirche darf nur aufgegeben oder abgerissen werden, wenn stattdessen eine neue gebaut wird. Bei einer Aufgabe oder einem Abbruch ist der symbolische Verlust an öffentlicher Akzeptanz in der Regel höher als der wirtschaftliche Nutzen.“

Wie aber können Entscheidungen wie Abriss, Umnutzung oder Umbau gefällt werden, ohne dass sich ein Großteil der Gemeinde übergangen fühlt? Die Antwort lautet: Beteiligung. „Es geht immer darum, gemeinsam die bestmögliche Lösung zu finden“, sagt Gerald Wiegand. Baumaßnahmen bei Kirchengebäuden seien wie „Stuttgart 21 in klein“.  

Wie so ein Beteiligungsprozess aussehen kann, verdeutlicht Architekt Gerald Klahr. Gemeinsam mit den Architekten erkunden die Gemeindemitglieder den umzubauenden Raum in einer „Raumsafari“ – und entdecken bisweilen neue Elemente ihres Gebäudes. „In Ludwigsburg haben viele bei der Raumsafari das erste Mal bemerkt, dass unten im Gemeindezentrum eine Kegelbahn ist“, sagt Klahr. Nach der „Safari“ bringen die Mitglieder Ideen zur Umgestaltung ein – auch ungewöhnliche, nicht realisierbare. Am Ende des Prozesses hat der Architekt die Vorstellungen der Gemeinde, mit denen er arbeiten kann.

In der Tendenz ist eine Umnutzung besser als ein Abriss. Das sagen die Experten. Doch nicht jede Umnutzung ist sinnvoll. Eine Kirche, so Thomas Erne kann zwar durchaus zum Restaurant umgestaltet werden. Aber damit der Kirchenraum als Kirche erlebbar bleibt, muss er auch immer wieder als spiritueller Raum genutzt werden – mit einem besonderen Angebot der Kirchengemeinde am Sonntagmorgen zum Beispiel. Eine Kirche müsse geistlich beatmet werden, sonst verliere sie ihren Reiz als Schnittstelle der Transzendenz.