Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf ins gelobte, heilige Land

Das Heilige Land – für viele fromme Württemberger war es Mitte des 19. Jahrhunderts das Sehnsuchtsland schlechthin. Bis zum Ersten Weltkrieg wanderten 3000 Deutsche nach Palästina aus, die meisten aus Württemberg. Sie bauten Straßen und Dörfer, gründeten Schulen und vieles mehr. Eine Ausstellung in der Leonhardskirche in Stuttgart gibt einen Einblick in das Wirken der Christen. 

Das Gipsmodell von Jerusalem zeigt auch gut die Täler, die um die Stadt herum liegen. (Foto: Landeskirchliches Archiv)

Spiele. Memorykärtchen mit Bildern aus Palästina. „Die Kaiserfahrt ins Heilige Land“ ist der Name eines anderen Spiels. Es dient dem Zweck, eine Palästina-Reise von Kaiser Wilhelm II. nachzustellen. Über Venedig nach Konstantinopel bis Haifa. Von dort nach Caesarea, Jaffa, Lydda und Jerusalem, wo der Kaiser die Erlöserkirche einweihte. „Gang durch das Heilige Land – ein Frage- und Antwortspiel zur Belehrung von Jung und Alt“ ist ein weiteres Spiel überschrieben. Bastelbögen vom Syrischen Waisenhaus und dessen Blindenanstalt. „Jetzt, wo ich diese Spiele gesehen habe, wundert es mich nicht, dass sich die Jugend im 19. Jahrhundert so gut im Heiligen Land ausgekannt hat“, sagt Jakob Eisler, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landeskirchlichen Archivs.

In diesem Jahr feiern die Bundesrepublik Deutschland und Israel, dass sie vor 50 Jahren diplomatische Beziehungen aufgenomen haben. Eisler hat deshalb die Ausstellung „Deutsche im Heiligen Land“ konzipiert. Sie zeigt, wie Deutsche, und vor allem viele Württemberger, nach Palästina auswanderten, um dort zu leben, das Land aufzubauen und auch zu missionieren. 1815 gründete der in Leonberg geborene Christoph G. J. Hoffmann die Templergesellschaft, die im weitesten Sinne dem Pietismus zugerechnet werden kann. Hoffmann kritisierte die Amtskirche und wollte neben der bestehenden Kirche ein neues Volk Gottes gründen. Um ihn und seinen Gesinnungsgenossen Georg David Hardegg (1812–1879) aus Eglosheim formierte sich eine Gruppe, die sich Jerusalemsfreunde nannte. 1859 habe es abertausende Jerusalemsfreunde im Remstal gegeben. „Der Amtskirche war der große Zulauf suspekt, sie befürchtete, dass viele Menschen nicht mehr in die Gottesdienste der Amtskirche gehen würden“, sagt Jakob Eisler. Weil er auch noch Kinder konfirmierte ohne die Amtskirche, wurde Christoph Hoffmann aus derselben ausgeschlossen, 1861 traten auch die Templer aus, eine mutige Entscheidung. „Damals hatten viele Menschen Angst davor, auszutreten.“ Wer austrat, hatte mit vielen Repressalien zu kämpfen. Und das über den Tod hinaus: Bei Beerdigungen läuteten beispielsweise keine Kirchenglocken, am Grab wurde kein Vaterunser gesprochen. Außerdem wurde jemand, der nicht zur Amtskirche gehörte, außerhalb der Friedhofsmauern begraben. Für die Angehörigen eine Zumutung. Die Abschreckung wirkte.

Von den vielen, die den Jerusalemsfreunden angehörten, wanderten in einem ersten Schwung nur 750 Menschen nach Palästina aus. Bis zum Ersten Weltkrieg sollte diese Zahl auf 3000 ansteigen, 2500 von ihnen waren Württemberger. Sie gründeten sieben Kolonien: Haifa, Jaffa, Sarona, Wilhelma, Betlehem-Galiläa, Waldheim und Mea Sche‘arim. Sie gründeten Schulen, Pilgerherbergen – so genannte Hospize – bauten Bewässerungsanlagen, brachten jüdischen Siedlern moderne Techniken der Landwirtschaft bei. Sie veredelten Orangenbäume und machten so die Jaffa-Orangen berühmt. Sie bauten Industriebetriebe und Wohnsiedlungen.

Fotos aus der Ausstellung und Gegenstände erzählen Geschichten von zupackenden Männern wie Hugo Wieland aus Bodelshausen bei Mössingen. Er importierte Zement aus Heidelberg, ließ ihn über Neckar, Rhein, die Nordsee und Gibraltar nach Palästina bringen. Wieland fertigte daraus Bodenplatten, zunächst im Schachbrett-Muster, später mit Jugendstilverzierungen. Sein ehemaliges Wohnhaus in Jaffa steht heute  unter Denkmalschutz. Oder die Geschichte von Conrad Schick. Ein Schreiner aus Bitz auf der Schwäbischen Alb, der Bänkchen für Kakteen aus Olivenholz fertigte. Nebenbei war er der erste, der auf dem Tempelberg historische Ausgrabungen vornahm. Er zeichnete maßstabsgetreue Pläne von Jerusalem und baute Modelle aus Gips und Holz. Ein solches Modell hat Jakob Eisler für die Ausstellung gefunden: bei einer Familie in Genkingen. Das Modell ist nur 30 auf 30 Zentimeter groß. Doch Jakob Eisler ist ganz begeistert davon. „Man sieht darauf so gut, wie Jerusalem aus den es umgebenden Tälern emporwächst“, schwärmt der Ausstellungsmacher. Das Modell zeigt die protestantischen Einrichtungen in der Stadt, Johanniterorden, Waisenhaus, die protestantische Kirche, das Diakonissenhaus, das „Preußische Consulat“, das Hospiz der Ballei Brandenburg des Johanniterordens. Die wichtigen Gebäude sind mit einer Nummer versehen, am unteren Rand werden die Zahlen den Namen der Bauwerke zugeordnet.

In der Ausstellung in der Leonhardskirche sind noch viele weitere Exponate zu sehen. Briefbeschwerer aus Olivenholz. Pilgerurkunden, katholische wie evangelische. Glasplatten aus Jerusalem, Bücher, Spiele. Gegenstände des täglichen Bedarfs, wie Nadelmäppchen oder Haarspangen. Bilder von Stuttgarter Fotografen, die die württembergischen Siedler in Palästina fotografierten. Jakob Eisler ist beeindruckt davon, dass mehr als 560 Ausstellungsstücke zusammen gekommen sind. „Dass es so viel noch gibt, und das nach zwei Weltkriegen!“

Ein Fund hat es ihm ganz besonders angetan: 1929 drehte der Fotograf Paul Hommel einen Film  mit dem Titel „Die Deutschen Gemeinden in Palästina“. 70 Jahre lang war der Film verschollen. 20 Jahre lang hat Eisler danach gefahndet. Fündig wurde er erst im vergangenen Jahr, bei jemandem, der den Film in Bremen auf einem Flohmarkt erstanden hatte. Der Film wird dieses Jahr auch gezeigt.



Die Ausstellung „Deutsche im Heiligen Land“ ist bis 29. Mai in der Leonhardskirche zu sehen und wird als offizieller Programmpunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten beim Auswärtigen Amt gelistet. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 16 Uhr, Donnerstag bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 13 Uhr. Eröffnung ist am 14. März um 17 Uhr. Das Begleitprogramm umfasst unter anderem einen Vortrag am 18. März um 18.30 in der Leonhardskirche. Sabine Holtz spricht zum Thema „Es gibt zwei gelobte Länder in der Welt“. Der Film „Die Deutschen Gemeinden in Palästina“ ist am 25. März und am 5. Mai jeweils um 19 Uhr im Hospitalhof zu sehen, der Eintritt kostet 7 Euro.