Christliche Themen für jede Altersgruppe

Aufbauen und aufklären - Hilfe vor Ort - Fluchtursachen

Krieg, Gewalt, Armut und Naturkatastrophen – Fluchtursachen gibt es viele. Doch meist ist die Flucht nur das letzte Mittel, wenn keine Alternative mehr bleibt. Wie Fluchtursachen vor Ort wirksam bekämpft werden können, zeigen Beispiele aus kirchlicher und missionarischer Arbeit.

Syrische Kinder verfolgen die Fernsehsendung „Meine Schule“ des christlichen Senders SAT-7.
Foto: © SAT-7

Fluchtursachen bekämpfen

„Wir müssen Fluchtursachen bekämpfen“ – seit dem Beginn der großen Flüchtlingskrise 2015 zieht sich dieser Satz durch die politische Diskussion. Doch im Vergleich zur Integration bleibt die Fluchtursachenbekämpfung – als „zweite Säule“ der Flüchtlingspolitik – oft abstrakt. Warum?

„Fluchtursachen bekämpfen heißt für mich, vor Ort in den Strukturen zu sein, die Leute zu kennen und den politischen Kontext wahrzunehmen. Da fehlt es den Politikern häufig an mehreren Aspekten“, sagt Andreas Kümmerle vom Referat Mission, Ökumene und Kirchlicher Entwicklungsdienst im Oberkirchenrat in Stuttgart. „Wir haben da als Kirche den Vorteil, dass wir präsent sind mit unseren Partnern vor Ort.“ Einige erfolgreiche Beispiele solcher Partnerschaften vor Ort wollte er in einem Buch der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Einen Mitstreiter fand Kümmerle in Detlef Blöcher, für den die Beschäftigung mit dem Thema weit zurückreicht. Der promovierte Physiker hat bereits vor 40 Jahren im Erstaufnahmelager nahe seiner Heimat Eschborn viel Zeit mit Flüchtlingen aus dem Iran und Afghanistan verbracht. „Deren Geschichten haben mich so bewegt, dass ich meinen Beruf aufgegeben habe und als Missionar in den Orient gegangen bin“, sagt er heute. Später war er lange Zeit Leiter der Missionsgesellschaft DMG. Inzwischen ist er im Ruhestand, engagiert sich aber immer noch viel für Geflüchtete.

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Fluchtursachen gibt es viele. Die UNO-Flüchtlingshilfe nennt als häufigste Ursachen Krieg und Gewalt, Menschenrechtsverletzungen, Hunger sowie Klima und Umwelt. In der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951, die heute noch gilt, werden nur diejenigen als Flüchtlinge angesehen, die fürchten müssen, wegen ihrer „Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugungen“ verfolgt zu werden.

Fluchtursachen - Kirchen näher am Thema als die Politiker

Wer vor den Folgen des Klimawandels flieht, fällt ebenso wenig unter diese Definition eines Flüchtlings, wie Menschen, die der Armut entkommen wollen. Faktisch aber muss, wer Fluchtursachen bekämpfen will, auch nach Lösungen für diese Probleme suchen.

Was ist vor Ort am dringendsten? Mangelt es an Wasser? An Bildung? Je nach Fluchtursache unterscheiden sich die Methoden, sie zu bekämpfen. Drei Beispiele, die das geplante Buch enthalten wird, zeigen, welche Richtungen christliche Organisationen dabei einschlagen. Praktische Hilfe, wie die Wasserversorgung für ein Krankenhaus im Kongo aufzubauen. Hilfe zur Selbsthilfe, wenn christliche Organisationen in Malawi Lehrer ausbilden oder in Afghanistan Frauen Handarbeiten lehren. Oder ideelle Hilfe, etwa Kontakt mit Christen zu halten, die in Somalia Verfolgung ausgesetzt sind.

Viele Hilfsprojekte wagen ungewöhnliche Ansätze. Wie der christliche Fernsehsender SAT-7, der im Mittleren Osten und in Nordafrika zu sehen ist. „Mehr als 99 Prozent der Menschen im Orient haben Fernsehen – selbst in Flüchtlingslagern sind Satellitenschüsseln weit verbreitet – und viele vertrauen dessen Information. Neun von zehn Menschen haben Satelliten-TV, und dieses ist unzensiert“, schreibt Katerina Parpa von SAT-7.

2015 hat SAT-7 deshalb die Sendung „Meine Schule“ für Kinder gestartet, die wegen Krieg oder aus anderen Gründen nicht auf öffentliche Schulen gehen können. Los ging es mit 90 Sendungen von je 90 Minuten für Kindergartenkinder, Unterricht in Arabisch, Rechnen und Englisch. Im Januar 2016 folgte ein Programm für die erste Klasse, ab Dezember 2016 für die zweite Klasse, dann weitere. Die Sendungen nehmen Lehrerinnen in farbenfrohen Klassenzimmern auf. Für direkten Kontakt bietet SAT-7 wöchentlich eine Live-Sendung, bei der Schüler über das Internet Fragen an Lehrerin Grace schicken können. Die beantwortet sie umgehend mit Beispielen und Bildern. 1,5 Millionen Kinder schauten das Programm regelmäßig. Rückmeldungen an SAT-7 zeigen, dass auch Erwachsene über die Sendungen gerne mit ihren Kindern lernen.

Elfenbeinküste, Rod Ragsdale

In der Elfenbeinküste klärt Rod Ragsdale Einheimische über Naturschutz auf.
Foto: © Thomas Lohnes, DNK/LWB, Matthew Burnett  

Bildung auch für Menschen zu gewährleisten, die von Bürgerkrieg und Vertreibung betroffen sind, ist das Ziel vieler Initiativen. Gebildete Menschen können das eigene Land und seine Wirtschaft voranbringen, sie brauchen aber eine Perspektive vor Ort. Doch wer die wirtschaftlichen Verhältnisse nachhaltig verbessern möchte, muss auch berücksichtigen, dass das naturschonend geschieht.

Wie aber kann das Leben von Dorfbewohnern und Kleinbauern verbessert werden, ohne die Umwelt zu schädigen? Indem man den Wert des Naturschutzes vermittelt. So sieht es der Verein „KuruBa“, der in der Elfenbeinküste aktiv ist. KuruBa-Vertreter erklären Einheimischen in den Regionen Warigué und Mont Tingui, warum sie Wildtiere nicht als Feinde und die Einrichtung eines Naturparks nicht als Hindernis, sondern als Chance sehen sollten. Dorfbewohner könnten als Wildhüter und Touristenführer, in Restaurants und Gästehäusern Geld verdienen.

Mehr, als mit Viehzucht und Hirseanbau. Jüngere, schreiben Rod und Angelika Ragsdale von der DMG, seien offen für solche Ideen, Ältere eher skeptisch. Aber erst durch einen Mentalitätswandel könnten die Leute es schaffen, nachhaltig aus der Armut zu kommen.

Botschaft der Rückkehrer: „Bleibt hier!“

Manche Initiative greift auch zu Mitteln, die auf den ersten Blick drastisch wirken. So das Projekt „Symbols of Hope“ der Lutherischen Kirche Christi in Nigeria. Der Gedanke: Rückkehrer, deren Flucht nach Europa gescheitert ist, besuchen Gemeindehäuser, Schulen und andere Treffpunkte. Ihre Botschaft: „Bitte bleibt hier!“

Eine junge Frau erzählt in Nigeria von ihren negativen Erfahrungen auf der Flucht.
Foto: © Thomas Lohnes, DNK/LWB, Matthew Burnett 

Eine, die ihre Geschichte erzählt, ist Happiness Ehimen. Die Eltern der jungen Frau starben an Krankheiten, weil keine Medizin da war. Happiness kratzte daraufhin rund 1100 Euro zusammen – für viele in Nigeria ein Jahresgehalt. Schlepper versprachen ihr, sie nach Europa zu bringen. Mit vielen anderen Flüchtlingen machte sie sich auf den Weg. Zahlreiche starben in der Wüste, gerieten in die Gewalt von Banden, Frauen wurden vergewaltigt. Happiness kam bis aufs Mittelmeer, in ein Schlauchboot mit 250 anderen. Sie landete in einem der berüchtigten Internierungslager in Libyen. Nur dank einer Hilfsorganisation kam sie frei. Nun ist Happiness Ehimen in Nigeria unterwegs und warnt Menschen davor, sich auf die Flucht zu machen. Wie andere Rückkehrer. Viele haben sich aus Scham nicht zu ihren Familien zurückgetraut, weil sie hohe Schulden gemacht haben. Alle sind traumatisiert. Die lutherische Kirche bietet für sie Therapien an und Ausbildungen. Und sie sollen „die eigene Geschichte erzählen, um andere abzuschrecken“, wie es ein Pfarrer vor Ort ausdrückt. Stattdessen könnten sie mit einer Ausbildung ihr eigenes Land voranbringen.

Praktisches Buch zum Thema Fluchtursachenbekämpfung

Missionrar Detlef BlöcherDiese Geschichten und viele mehr gingen bei Detlef Blöcher ein, der die Vorarbeiten für das geplante Buch „Ich war ein Fremder gewesen“ koordinierte und es mit Andreas Kümmerle herausgeben wird. Sie wollen zum einen den Menschen in Deutschland zeigen, was Kirchen und Missionswerke vor Ort in den Herkunftsländern der Flüchtlinge tun. Zum anderen wollen sie das Verständnis für Flüchtlinge hierzulande verbessern. Das Buch soll ein praktischer Ratgeber werden, sagt Detlef Blöcher. Deshalb befänden sich am Ende jedes Kapitels Fragen zum Nachdenken und am Schluss des Buches Ideen für die Gemeindearbeit. Neben vielen Beispielen von Mitarbeitern in Fluchtländern, beispielsweise auch aus Kamerun, Eritrea oder dem Südsudan, wird das Buch Bibelarbeiten von Detlef Blöcher enthalten.

 

 

Detlef Blöcher war Missionar im Orient,
langjähriger Direktor der DMG und setzt sich für Flüchtlinge ein.
Fotos: © Pressebild

So unterschiedlich die Methoden der Fluchtursachenbekämpfung sind, sie alle wollen eines erreichen: „Wo Menschen Würde finden und sich am Leben freuen, da brauchen sie nicht ihre Heimat zu verlassen“, schreibt Detlef Blöcher im Resümee seines Buches.

Würde könne durch vieles gefunden werden: durch materielle Verbesserungen, aber auch dadurch, dass man Menschen zeigt, wie wertvoll sie sind und wie sie von Gott befähigt wurden. Und vor allem, indem man im Umgang mit Geflüchteten eines nicht vergisst: „Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um von Gott geliebte Menschen.“

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