Christliche Themen für jede Altersgruppe

Aufrufe zur Besonnenheit - Zwanzig Bundestagswahlen im Rückblick

Die Wahl vom 26. September wird die zwanzigste Bundestagswahl sein. Anlass für einen Blick zurück: Wie hat das Evangelische Gemeindeblatt über vorherige Wahlen berichtet? Ein Streifzug durchs Gemeindeblatt-Archiv und die Geschichte der Bundesrepublik – bei dem auch heutigen Wahlkampf- beobachtern vieles bekannt vorkommen dürfte.

Bundestagswahl. Foto: Gerd Altmann, pixabayWahlbenachrichtigung. Foto: Gerd Altmann, pixabay

1949: Nüchternheit prägt die Artikel zur ersten Bundestagswahl im Gemeindeblatt. „Es ist unter uns viel Müdigkeit gegenüber der politischen Verantwortung. Viele haben die Hoffnung aufgegeben, daß die großen Mühen unsrer Gegenwart noch mit politischen Mitteln überwunden werden können“, heißt es im Wahlaufruf der Kirchenleitung. Dennoch hätten alle Christen die Verantwortung, sich an der Wahl zu beteiligen. Achten sollten sie darauf, Männer und Frauen zu wählen, die „in ihrem Gewissen an Gottes Gebote gebunden sind“.

1953: Nach den ersten vier Jahren identifiziert sich auch das Gemeindeblatt deutlich mehr mit dem System der jungen Bundesrepublik: „Was würden unsere Brüder und Schwestern im Osten geben, um so wie wir zur Wahlurne schreiten zu können!“, schreibt der Theologe Martin Plieninger. Und: „Wir wollen nie wieder einen Staat, der – unter irgendeinem Vorzeichen – selbstherrlich eine letzte Autorität für sich beansprucht und das ganze menschliche Leben sich unterteilt und reglementiert.“ Besonnenheit spricht aus dem Wahlaufruf der Kirchenleitung: „Achtet den Andersdenkenden und tut, was ihr könnt, zur Entgiftung unseres politischen Lebens.“

1957: Die mögliche Atombewaffnung der Bundeswehr spaltet das Land. Im Gemeindeblatt sind erneut Aufrufe zur Besonnenheit zu lesen: „Leute mit Wahlfieber gehören ins Bett“, heißt es in einem Beitrag. Was Evangelische inhaltlich besonders bewegt, zeigen Fragen des Gemeindeblatts an Bundestagsabgeordnete: Es geht um den Schutz des Sonntags, die Verbesserung des Jugendschutzes und die Mitarbeit evangelischer Christen in Parteien.

1961: Konrad Adenauer stellt sich ein letztes Mal zur Wahl, erstmals tritt Willy Brandt für die SPD an. Und das Gemeindeblatt fragt: „Verdirbt Politik den Charakter?“ Die Antwort des Autors: „Nicht mehr und nicht weniger als dies in jedem anderen Beruf geschehen kann.“ Zwar sei zu kritisieren, dass die Parteien in ihren Aussagen schlecht zu unterscheiden seien und Politiker in Wahlreden unangenehmen Fragen ausweichen oder „gar eine Halbwahrheit als Antwort geben“. Aber das liege auch daran, dass die Wähler „erwarten, daß man ihnen sagt, was sie gerne hören“.

1965: Kanzler Ludwig Erhard stellt sich erstmals zur Wahl, sein Gegner ist Willy Brandt. Viele Menschen tun sich schwer mit der Frage, wen sie wählen sollen. „Ich muss gestehen, daß diesmal das Wählen mir Not macht“, schreibt ein Kommentator im Gemeindeblatt. Sorgen macht sich das Gemeindeblatt vor allem um die Wahlbeteiligung von jungen Wählern und Frauen. Die Kolumnistin „Frau Ulrike“ schreibt an die Leserinnen: „Bedenken Sie: Ihre Wählerstimme hat das gleiche Gewicht wie die des Bundeskanzlers.“ Leserinnen mehr für Politik zu interessieren ist auch Hintergrund für eine Interview-Serie mit Kandidatinnen.

1969: Drei Jahre hat die erste große Koalition aus Union und SPD miteinander regiert, derweil ist jenseits des Bundestags die Außerparlamentarische Opposition entstanden. Die Wahl 1969, so schreibt der Journalist Christian Schütze im Gemeindeblatt, enthalte „mehr Chancen, Kombinationsmöglichkeiten und Hinterhalte als jede bisherige, und zwar auch für den Wähler“. CDU, CSU, SPD und FDP hätten keine Koalition untereinander ausgeschlossen. Wie politisiert die Zeit ist, zeigt sich darin, dass erstmals ein Kommentar nach einer Bundestagswahl im Gemeindeblatt erscheint. Christian Schütze schreibt von der allgemeinen Erleichterung darüber, dass die rechtsextreme NPD es nicht ins Parlament geschafft hat.

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1972: Die vorgezogene Bundestagswahl nach dem gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt wird zu einer Rekord-Wahlbeteiligung von 91,2 Prozent führen. Im Gemeindeblatt kommt der Wahlkampf aber kaum vor. Lediglich vor politischer Betätigung von Pfarrern wird gewarnt: „In der Gemeinde wird eine einseitige politische Stellungnahme des Pfarrers leicht zum Anlaß genommen, sich nicht mehr mit seiner Theologie auseinanderzusetzen.“

1976: Erstmals tritt Helmut Kohl als Spitzenkandidat der Union an, im Wahlkampf gegen Helmut Schmidt und die SPD plakatiert die CDU die Parole „Freiheit statt Sozialismus“. Im Gemeindeblatt schreibt der Publizist Eberhard Stammler: „Der Wahlkampf rollt nun mit einer Vehemenz über uns hinweg, die einiges Unbehagen hinterläßt.“ Die Aufgabe der Kirchen sieht er im „nachdrücklichen Appell zu einem sachlichen Entscheidungsprozeß“. In einem Kommentar weist Oberkirchenrat Manfred Müller darauf hin, dass zwar die Entscheidung dieses Mal besonders schwerfällt, aber das hauptsächliche Gefühl Dankbarkeit sein sollte. Dafür, frei und ungehindert unter verschiedenen Parteien wählen zu können.

1980: Franz Josef Strauß tritt als Kanzlerkandidat gegen Helmut Schmidt an. Die Parteien versprechen, den Wahlkampf manierlich zu führen, es entsteht sogar ein überparteiliches Schiedsgericht. „Lobenswerte Versprechen“, schreibt das Gemeindeblatt. Doch nur wenig später klagt Christian Schütze, dass sich durch die persönlichen Angriffe auf Schmidt und Strauß „der Wahlkampf zu einer persönlichen Konfrontation entwickelt, von den vielzitierten ‚Sachfragen‘ ist nur noch am Rande die Rede“. Nach der Wahl schreibt Manfred Müller: „Wir können nur hoffen, daß wenigstens die Christen auf den verschiedenen Seiten sich bald die Hand reichen und dadurch deutlich machen: Es geht letztlich nicht um die Zukunft von Parteien, sondern um unser gemeinsames Weiterleben.“

1983: Dank der FDP ist Helmut Kohl im Vorjahr durch ein Misstrauensvotum Kanzler geworden. Mit einer vorgezogenen Bundestagswahl will er seine neue Regierung nun legitimieren lassen. Durch die Grünen erschwere sich künftig die Koalitionsbildung, schreibt Eberhard Stammler im Gemeindeblatt: „Entweder müßte sich die SPD mit der grünen Bewegung in eine Koalition einlassen (und dazu wären beide Seiten gewiß nicht bereit) oder sie müßte sich günstigstenfalls von den Grünen tolerieren lassen (und auch das ist unwahrscheinlich).“

1987: Johannes Rau tritt als Gegenkandidat Helmut Kohls an. Nach der Wahl klagt der Theologe und frühere Abgeordnete Karl-Hans Kern über die Verwendung des Begriffs „Zukunft“ im Wahlkampf. „Wenn eine Partei für sich in Anspruch nimmt, die Zukunft zu sein, dann schadet es dem Ganzen, weil sich darin eine schrecklich totalitäre Überheblichkeit ausdrückt. Christen leben in der Hoffnung auf das kommende Reich Gottes, das mit Jesus Christus schon begonnen hat; das ist unsere Zukunft.“

1990: Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl. Die Einheit und ihre Kosten sind auch im Gemeindeblatt bestimmendes Thema. Eberhard Stammler schreibt nach dem Wahlsieg der Regierung: „Die optimistischen Erwartungen, die Helmut Kohl propagiert hatte, gewannen die Oberhand, während die von seinem Gegenspieler Oskar Lafontaine verbreiteten pessimistischen Prognosen wenig Anklang fanden.“

Wahl, Auswahl. Foto: Ulrike Leone, pixabayWahl, Auswahl. Foto: Ulrike Leone, pixabay

1994: Zu Beginn des „Superwahljahrs“ mit Bundestagswahl, Europawahl und acht Landtagswahlen geht die Sorge um, dass die PDS, Nachfolge-Partei der SED, im Osten so stark wird, dass sie Einfluss auf die Regierungsbildung nehmen kann. Die Sorge bleibt unbegründet. Doch auch nach der Wiederwahl der Regierung Kohl, schreibt Gemeindeblatt-Redakteur Arnd Bäucker, bleiben große Probleme wie die Krise der Arbeitsgesellschaft, die vergessene Krise der Umwelt und die Zunahme der sozialen Gegensätze.

1998: Dieses Mal, schreibt Eberhard Stammler, seien mehr Wähler unentschlossen als sonst. Grund sei, dass die großen Parteien „keine überzeugenden Alternativen anzubieten vermögen und sich statt dessen auf einen wohl inszenierten Stimmungswahlkampf verlegen“. Die SPD mit Gerhard Schröder gewinnt am Ende die Wahl. Arnd Bäucker warnt vor zu hohen Erwartungen: „Bei einer rot-grünen Koalition, die viele aus Gründen der Sozialpolitik gewünscht haben, würden die Stimmen gestärkt, die eine deutlichere Trennung von Staat und Kirche anstreben.“

2002: CDU/CSU gehen mit Edmund Stoiber ins Rennen gegen Kanzler Schröder. Nach der Wahl kritisiert Redakteurin Petra Ziegler, dass durch die neu eingeführten TV-Duelle die Selbstinszenierung immer wichtiger wird: „Kurze Stimmungen scheinen gerade bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen den Ausschlag zu geben, auch wenn sie im Grund nicht wahlentscheidend sein dürfen.“

2005: Erstmals tritt Angela Merkel an. Das Gemeindeblatt veröffentlicht eine Wahlanalyse, die zeigt, dass evangelische Wähler hauptsächlich SPD, Katholiken hauptsächlich CDU gewählt haben. „Dass diese Milieubindung nach wie vor eine Rolle spielt, das ist eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse aus dieser Bundestagswahl“, heißt es.

2009: Vier Jahre große Koalition, nun die nächste Bundestagswahl. Das Gemeindeblatt stellt Kandidaten für die Wahl in einer Serie vor, wie Christian Lange (SPD), Pascal Kober (FDP), Beate Müller-Gemmeke (Grüne), Steffen Bilger (CDU), alle heute noch im Parlament. Bei der Wahl ist immer noch eine ausgeprägte konfessionelle Bindung bei CDU- und SPD-Wählern erkennbar.

2013: Peer Steinbrück fordert Angela Merkel heraus. Im Gemeindeblatt kommentiert Andreas Steidel vor der Wahl: „Demokratie ist ein hohes Gut, von dem sich auch Christen nicht abwenden sollten.“ Er wünscht sowohl der Bundestagswahl als auch der Kirchenwahl 2013 eine hohe Wahlbeteiligung.

2017: Im Gemeindeblatt spielt vor allem das Abschneiden der AfD eine Rolle. Für den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm ein „Weckruf für alle, denen das friedliche und solidarische Miteinander in einem weltoffenen Deutschland am Herzen liegt“. Der Theologe H. J. Körtner kritisiert, dass „bloße Ausgrenzung und Ächtung“ die AfD weiter stärken. □