Christliche Themen für jede Altersgruppe

Aus der Traum

Wie offen darf die katholische Kirche sein? Bischof Gebhard Fürst zeigte am 25. März in Ravensburg unmissverständlich die Grenzen der Ökumene auf: Eine generelle Einladung zum Abendmahl an die evangelischen Christen sei derzeit nicht möglich. Der Unmut über die Absage ist groß, denn in Ravensburg hatten Gläubige beider Konfessionen schon Tatsachen geschaffen.

Die Pfarrer beider Konfes­sionen und der Oberbürgermeister halten 2017 die „Ravensburger Erklärung“ stolz in den ­Händen. Jetzt ist das Papier nichts mehr wert. (Foto: Christoph Leopold)


Schon eine Stunde vor Beginn des seit langem eingeforderten Vor-Ort-Termins des Bischofs der Diözese Rottenburg-Stuttgart hatten sich engagierte Christen vor dem Waaghaus in der seit Jahrhunderten von paritätischem Miteinander geprägten Stadt versammelt. Schnell war der Schwörsaal mit 400 Gästen besetzt, rund 70 Interessierte mussten abgewiesen werden. Einziger Diskussionspunkt: die „Ravensburger Erklärung“, initiiert von der Arbeitsgruppe „Kirche lädt ein“ und am 8. Oktober 2017 feierlich vom katholischen Pfarrer Hermann Riedle, vom evangelischen Pfarrer Martin Henzler-Hermann sowie von Oberbürgermeister Daniel Rapp und Kirchengemeinderäten beider Konfessionen unterzeichnet. Mit ihrer „gemeinsamen herzlichen“ Einladung zu Kommunion und Abendmahl hatte die Erklärung für großes Aufsehen gesorgt – aber auch für heftigen Gegenwind aus dem Rottenburger Ordinariat.

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So musste am 19. Oktober 2018 ein Erinnerungsfest abgesagt werden, weil in der „Schwäbischen Zeitung“ an diesem Tag folgender Widerruf erschienen war: „Bischof Fürst hat mir, Pfarrer Riedle, die Rechtsgrundlage der Katholischen Kirche dargelegt, die eine Zulassung eines evangelischen Christen zur Eucharistie nur im Einzelfall vorsieht. Eine offene Einladung an alle ist (noch) nicht möglich.“ Isolde Leopold und Carola Bichelmaier von „Kirche lädt ein“ schilderten im Schwörsaal, wie nach dem „Ravensburger Konzil“ 2013 evangelische und katholische Christen mit verschiedenen Aktionen Schritte in Richtung „Abendmahl für alle“ gewagt hatten.

Dann trat Bischof Fürst ans Rednerpult – für ihn „kein einfacher Gang“, wie er später im Gespräch erklärte. Er räumte ein, dass der Prozess, der zur Rücknahme der „Ravensburger Erklärung“ geführt hatte, „suboptimal und holprig gelaufen“ sei. Er bedauerte zudem, dass durch die Aktion das ökumenische Miteinander gelitten habe. Allerdings betonte er auch sein ökumenisches Engagement – unter anderem ablesbar an der neuen Regelung zur Teilnahme von protestantischen Ehepartnern an der katholischen Kommunion, an der er maßgeblich beteiligt gewesen sei.

In Sachen „Einladung zum Abendmahl“ fand der Bischof klare Worte – wobei er eher von der Theologie her argumentierte als vom Kirchenrecht. Während nach katholischer Lehre Wein und Brot in den Leib Christi verwandelt werden und verwandelt bleiben, sei in der lutherischen Kirche die Realpräsenz zwar während der Abendmahlsfeier gegeben, aber danach nicht mehr. In der katholischen Kirche würden anschließend die gewandelten Hostien im Tabernakel aufbewahrt, Christus bleibe also gegenwärtig. Bei den Evangelischen werde nach der Feier mit Brot und Wein umgegangen, „als wenn nichts gewesen wäre“. Hier erhoffe er sich von der evangelischen Kirche mehr von Ehrfurcht getragene Sensibilität. Ohnehin wünsche er sich, dass gegenseitig mehr Wertschätzung entwickelt werde. Bischof Fürst: „Ich glaube, dass wir uns noch nicht gegenseitig als Bereicherung erleben.“

Nun sollte an diesem Abend auch ein Austausch zwischen Bischof und Auditorium möglich sein. Allerdings waren keine direkten Fragen gestattet, was schon im Vorfeld auf Unverständnis gestoßen war. Stattdessen wurden die Fragen eingesammelt, von Mediatoren vorsortiert und dann vom Bischof beantwortet.

Das wollten die Teilnehmer wissen: Können wir in einer Welt, die in Flammen aufgeht, uns über theologische Probleme aufregen? Muss das katholische Kirchenrecht nicht geändert werden, wenn es Menschen beim Abendmahl trennt – und zum Beispiel die evangelische Großmutter nicht zur Kommunion darf, wenn ihr Enkel Erstkommunion feiert? Kann es sein, dass beim Kanzeltausch die evangelischen Pfarrer von den Gaben ausgeschlossen werden? Stellt die katholische Kirche nicht das Kirchenrecht über die Botschaft, während Jesus doch umgekehrt den Menschen über das Gesetz gestellt hatte?

Es ging also um zentrale Anliegen, die aber letztlich von Fürst mit Hinweisen auf theologische Lehre, Kirchenrecht und die Bedingungen der Weltkirche beschieden wurden. Wenn die Kirche partikulare Aktionen wie in Ravensburg billige, bestehe die Gefahr der Spaltung. Und welche Visionen gibt es für die Ökumene? Wie sieht es damit in 20 Jahren aus? „Das weiß ich nicht“, sagte Bischof Gebhard Fürst offen.

Während sich manche Katholiken für die „klare Standortbestimmung“ ihres Bischofs dankbar zeigten, waren vielen der Anwesenden tief enttäuscht. Gerade die Perspektivlosigkeit in Sachen Ökumene sei entmutigend. Auch der Vorwurf der mangelnden Ehrfurcht vor dem Abendmahl ging einigen zu weit. Dessen ungeachtet, wollen manche Ravensburger Christen weiterkämpfen. Aber für mehr Schwung hat diese Veranstaltung mit Sicherheit nicht gesorgt.

 


Die Vorgeschichte

2013: Beim „Ravensburger Konzil“ der katholischen Seelsorgeeinheit Mitte sprechen sich die Teilnehmer für einen Zugang evangelischer Christen zur Eucharistie aus. Daraufhin startet die Arbeitsgruppe „Kirche lädt ein“ eine Initiative „Vom Trennen zum Teilen – Abendmahl für alle“. 

2015: Von November an wird an einem Sonntag im Monat nach dem Gottesdienst zum Zeichen der Verbundenheit eine Menschenkette von der katholischen Liebfrauenkirche aus zur evangelischen Stadtkirche gebildet.

2017: Im Reformationsjahr markiert der 8. Oktober den Höhepunkt mit der Aktion „Brot und Wein – gemeinsam an einem Tisch“. Von der Liebfrauenkirche bis zur Stadtkirche reiht sich auf 400 Metern Tisch an Tisch. Die Plätze sind alle belegt, alle Glocken läuten zum Gebet. Anschließend wird in der Stadtkirche die „Ravensburger Erklärung“ unterzeichnet.Im November wird Pfarrer Hermann Riedle nach Rottenburg einbestellt.

2018: Beim Gottesdienst zur Sichelhenke am 23. September wird in der Liebfrauenkirche eine Verlautbarung verlesen, wonach auf bischöfliche Weisung hin weder der teilnehmende evangelische Dekan Friedrich Langsam noch die anwesenden evangelischen Christen zur Kommunion eingeladen werden können. Für den 19. Oktober wird ein Erinnerungsfest mit gemeinsamem Mahl in der Stadtkirche vorbereitet. Zu diesem Tag veröffentlicht die „Schwäbische Zeitung“ eine Erklärung der katholischen Seite, wonach „eine offene Einladung an alle (noch) nicht möglich ist“. Die Initiatoren und viele Christen beider Konfessionen reagieren darauf mit einem Schweigemarsch.

 

 

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