Christliche Themen für jede Altersgruppe

Aus gutem Holz geschnitzt

Es war der Stern, der den drei Weisen aus dem Morgenland die Richtung vorgab. Auch Heiner Lempp weiß, was ihm Orientierung gibt. Der Arzt aus Tübingen hat sich für einen Einsatz in einem Ebola-Krisengebiet in Afrika gemeldet. Dort erwarten ihn ungewisse Zustände. Doch dem Risiko, dem er ausgesetzt ist, sieht der 63-Jährige mit Zuversicht und Überzeugung entgegen.  

Heiner Lempp sieht seinem Einsatz mit Zuversicht entgegen. [Foto: Klaus Franke]

Drei Menschen, die gemeinsam einen großen, schweren Stein hochheben. „Sie teilen ein Fundament, das ihnen die Kraft gibt, die Last gemeinsam zu tragen. Und sie müssen sich miteinander gut abstimmen, um die Situation zu meistern“, so beschreibt es Heiner Lempp. Nachdenklich betrachtet er die hölzerne Skulptur. Eine Makonde-Schnitzerei aus Tansania, die ganz leicht in der Hand liegt. Sie erinnert den Arzt nicht nur an seinen zweijährigen Einsatz in Afrika vor 35 Jahren. Sondern er empfindet sie auch für seine gegenwärtige Aufgabe als richtungsweisend: Der Stein als Symbol für die Ebola-Epidemie, eine Last, die ein Mensch allein nicht stemmen kann.

Wenn Heiner Lempp in seiner Wohnung in Tübingen sitzt und über seine Erwartungen, Ängste und Hoffnungen spricht, dann scheinen Krisengebiete wie die in Westafrika weit weg zu sein. Zumal er sich im Wartestand befindet und sein genauer Einsatztermin und -ort noch nicht feststeht. Einen ersten Vorgeschmack, was ihn dort erwartet, erhielt der 63-Jährige jedoch bei einem Vorbereitungskurs im Missionsärztlichen Institut in Würzburg. Dort wurde sein Einsatz simuliert: mit Schutzkleidung und in einem auf 40 Grad aufgeheizten Zelt.

Die Möglichkeiten, sich medizinisch auf die Situation vorzubereiten, sind allerdings begrenzt: Es gibt keine Arzneimittel gegen das Ebola-Virus, und die medizinische Ausstattung vor Ort ist auf keinem vergleichbarem Niveau wie die in Europa. „Man muss dort mit wenig auskommen“, sagt Heiner Lempp. Wenn die Hälfte der betroffenen Patienten überlebe, sei dies eine gute Zahl.

Derzeit ist Lempp in Altersteilzeit und arbeitet an der Sonnenberg-Klinik in Stuttgart. Als das Deutsche Rote Kreuz (DRK) einen Aufruf startete und nach Ärzten suchte, die sich dazu bereit erklären, eines der Ebola-Behandlungszentren mit aufzubauen, zögerte er nicht lange. „Ich fühlte mich direkt angesprochen und aufgefordert, etwas zu tun.“ Zumal er von seinem Arbeitgeber und Kollegen Unterstützung erhielt. Und weil er, nach einem erneuten Besuch im Sommer in Tansania, spürte: „Ein Teil von mir gehört nach Afrika.“

Heiner Lempp fühlt sich für die Situation in Westafrika verantwortlich. „Die armen Länder werden bis aufs Letzte ausgebeutet; an diesen Zuständen ist auch die Weltwirtschaft mit schuld.“ Deshalb stand für ihn sofort fest, dass er sich für einen Einsatz meldet. „Wenn das Nachbarhaus brennt, würde ich ja auch rüberspringen und schauen, was ich tun kann.“ Ohnehin empfindet der Mediziner es als Privileg, konkret anpacken zu können: „In vielen anderen politischen Situationen fühlt man sich wie gelähmt und hat das Gefühl, nichts tun zu können.“

Gesellschaftspolitisches Engagement ist Heiner Lempp ohnehin nicht fremd: Der gebürtige Stuttgarter half unter anderem auch in Gammertingen, wo er bei den Mariaberger Heimen arbeitete, einen Weltladen mit aufzubauen. Und er engagierte sich beim Oikocredit Förderkreis.

Seine Familie reagierte auf seinen Entschluss zuerst mit gemischten Gefühlen. „Meine Frau sagt zu mir: ,Und ich dachte immer, wir werden miteinander alt‘“, erzählt Lempp. Doch je mehr sie sich über die Krankheit und die Umstände dort informiert habe, umso leichter sei es ihr und den beiden erwachsenen Kindern gefallen, seine Entscheidung mitzutragen und nachzuvollziehen.

Heiner Lempp fühlt sich fit und belastungsfähig. Und er sieht, bei allem Respekt vor dem gesundheitlichen Risiko seines Einsatzes, die Gefahr als „nicht groß“ an. Es könne jeden Tag passieren, dass man aus dem Leben gerissen werde, sagt er. „Wenn ich mich jetzt in ein Auto setze, weiß ich auch nicht, ob ich ankomme.“ Auch deshalb ist Heiner Lempps Lebensdevise, „immer so zu leben, dass man die wichtigen Dinge nicht verschiebt“.

Die Makonde-Schnitzerei dient Heiner Lempp als symbolischer Glücksbringer. Auch literarisch stimmt sich der Arzt auf seine Zeit in Westafrika ein. [Foto: Klaus Franke]

Sich auf die ungewohnten Begebenheiten vor Ort einzulassen, sieht er als besondere Herausforderung. Von Medizinern wie ihm müsse man erwarten, dass sie sensibel vorgehen. „Wenn dort zum Beispiel jemand an hohem Fieber erkrankt, versammelt sich die ganze Familie um ihn.“ Zu vermitteln, dass dies aus Ansteckungsgründen nicht gehe, sei eine mehr als heikle Sache. „Es ist wichtig, die Traditionen zu achten“, betont er.

Vier Wochen lang soll sein Einsatz maximal dauern – länger lässt es das Deutsche Rote Kreuz nicht zu. Nach seiner Rückkehr, so sind die Vorschriften, muss Heiner Lempp aller Voraussicht nach noch etwa drei Wochen in Quarantäne. Der Tübinger sieht auch das positiv: „Vielleicht habe dort dann Zeit, meine Tagebuchaufzeichnungen auszuwerten“, sagt er und lacht.

Auf seinem Wohnzimmertisch liegen zwei Bücher, mit denen er sich literarisch auf seinen Afrika-Einsatz vorbereitet: Albert Camus‘ Klassiker „Die Pest“ und das Werk des deutschen Philosophen Ernst Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“. Daneben die Makonde-Schnitzerei, die ihm als Glücksbringer dienen soll. „Vielleicht ist die Figur ja so etwas wie mein persönlicher ,Stern‘“, sagt Heiner Lempp.