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Ausgangssperre ohne Obdach - Hilfsangebote trotz Lockdown

Zuhause bleiben, lautet das Gebot der Stunde. Doch wie soll das gehen, wenn man kein Zuhause hat? Obdachlose Menschen haben es in Zeiten von Corona und im Lockdown trotz Hilfsangeboten noch schwerer als ohnehin schon. Ein Streifzug durch die Stuttgarter Verhältnisse.

Appell an die Autofahrer auf der B14 in Stuttgarts Innenstadt. Foto: Julian RettigAppell an die Autofahrer auf der B14 in Stuttgarts Innenstadt. Foto: Julian Rettig

Unter der verkehrsreichen Paulinenbrücke, unterhalb des Stuttgarter Cityrings, sind sie tagsüber anzutreffen: Menschen, die auf der Straße leben. Normalerweise. Seit gut einem Jahr ist „normal“ ein Wort aus der Vergangenheit. Kaum öffentliches Leben mehr. Selbst Obdachlose scheinen aus dem Stadtbild verschwunden. Aber sie sind da. Noch weniger beachtet als üblich, unsichtbar. Männer und Frauen, die Appelle wie „Bleiben Sie daheim!“ oder „Verlassen Sie Ihre Wohnung nur aus triftigen Gründen!“ wie Hohn empfinden müssen. Welches Zuhause?

Ohne Obdach im Lockdown - Groß ist die Not am Wochenende

„Momentan halten die Leute ihre Plätze geheim“, sagt Harry Pfau, Herz und Hand einer „Essens-Fairteil-Station“ im Schatten der St. Maria-Kirche mit Blick zur Paulinenbrücke. „Harrys Bude“ steht auf dem Wagen mit Kisten voller Salatköpfen und Backwaren. Bis vor einem Jahr hat der Namenspate selbst auf der Straße gelebt. Nun versorgt er Bedürftige in Kooperation mit der katholischen Kirchengemeinde Stuttgart-Süd und dem Verein Foodsharing mit dem Nötigsten.

Harry Pfau sorgt in seiner Bude für „Brot und Trost“. Foto: Julian RettigHarry sorgt in seiner Bude für „Brot und Trost“. Foto: Julian Rettig

„Brot und Trost“ heißt seine Maxime. Verteilt werden Lebensmittel, die im Müll gelandet wären, aber noch genießbar sind. „Unter der Woche gibt es genügend warmes Essen. Am Wochenende besteht ein Angebotsmangel“, erklärt Harry Pfau und rückt seine Maske zurecht. Mundnasenschutz tragen alle, die sich im Umkreis von „Harrys Bude“ aufhalten. Vereinzelt, nicht in Gruppen.

Ein Mann in intakter Kleidung fragt nach dem Gesundheitsamt. Nach einem Wortwechsel gibt Harry ihm einen Schlafsack. „Heute sind die Temperaturen in Ordnung“, sagt der Beschenkte. „Sobald mir kalt ist, gehe ich spazieren“, gibt er Auskunft. „Richtig weit, 20 bis 30 Kilometer am Tag. Überall wo ich hinkomme, sammle ich Pfandflaschen.“ Fündig wird er derzeit eher in den Weinbergen, Parkanlagen und Wäldern als in den Abfalleimern der Innenstadt.

Franziska Vogel, Leiterin Sozialamt Stadt Stuttgart. Foto: PressebildObdachlose kommen anders als Wohnungslose weder in einer Einrichtung noch privat unter, sondern leben auf der Straße. Wie vielen es so geht, ist unklar. Franziska Vogel, Leiterin des Stuttgarter Sozialamtes, gibt eine Zahl zwischen 80 bis 100 an. „Nach dem Polizeigesetz ist die Stadt Stuttgart verpflichtet, Obdachlosen eine Notunterkunft anzubieten“, erklärt sie die Rechtslage. „Die Kapazitäten reichen auch unter Corona-Bedingungen aus, weil wir schon im Herbst 2020 ein zusätzliches Gebäude bereitgestellt haben.“ Diese dritte Notunterkunft wurde notwendig, weil ein Zimmer nun mit zwei Personen belegt wird, statt wie vor der Pandemie mit vier oder fünf. So stehen in Stuttgart aktuell 102 Betten zur Verfügung. Laut Franziska Vogel liegt die Auslastung stabil bei 70 Prozent.

Und doch gibt es Betroffene, die sich ihren Schlafplatz im offenen Raum suchen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wer nicht in Stuttgart gemeldet ist, wird nur in Frostnächten beherbergt. Hundebesitzer müssten ihre Vierbeiner in einen Zwinger geben. Das tut niemand, für den sein Hund der engste Freund ist. Psychische Probleme spielen eine Rolle, ebenso Angst vor Streit, Diebstahl, Übergriffen und Ansteckung mit dem Virus. Wobei sich das Hygienekonzept, das laut Franziska Vogel im Sommer mit den freien Trägern entwickelt wurde, bewährt hat. Schnelltests helfen, die Lage zu beherrschen.

„Dass es in den Notunterkünften keine Corona-Ausbrüche gab, liegt auch an dem verantwortungsvollen Umgang der Klienten mit der Situation“, sagt Peter Gerecke, Abteilungsleiter der Dienste am Menschen in Armut, Wohnungsnot und Migration bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, kurz eva.

Ob eva, Caritas, Heilsarmee, Bahnhofsmission oder andere Sozialdienste: Sie alle arbeiten derzeit unter erschwerten Bedingungen. Die Diakonie Württemberg teilt mit, dass die vom Sozialministerium versprochenen Soforthilfen nicht annähernd ausreichten, um die pandemiebedingten Mehraufwendungen der Einrichtungen auszugleichen.

Pfarrer Thomas Stuermer, Diakonie, PressebildNicht zuletzt habe die Pandemie deutlich gemacht, dass ein Internetzugang heute zur „Daseinsvorsorge“ gehört. Das sagt Pfarrer Thomas Stürmer, Abteilungsleiter im Diakonischen Werk Württemberg. Er fordert: „Es braucht in den Tagesstätten schnelles Internet, Computer und Drucker.“ Zusatzkosten auch hier.

Mit Blick auf die Betroffenen beschreibt er die Lage so: „Wir merken, dass sich im Verlauf der Pandemie die Probleme hochschaukeln und zuspitzen.“ Zunächst versuchten Betroffene, irgendwie zurechtzukommen. „Erst wenn es gar nicht mehr geht, suchen sie professionelle Hilfe.“ Die Diakonischen Bezirksstellen meldeten steigenden Bedarf. „Es kann also sein, dass die größten Belastungen noch vor uns liegen“, fürchtet Pfarrer Stürmer.

 

 30 Minuten Aufenthalt – mehr ist im Lockdown nicht möglich

Peter Gerecke von der eva sieht die größten Einschränkungen durch die Pandemie bei den persönlichen Kontakten. „Dies erschwert die Seelsorge erheblich.“ Auch wenn bei der eva dank installierter Zwischenscheiben Gespräche und Beratungen weiterlaufen. „Die Essensausgabe gestaltet sich deutlich distanzierter“, bedauert Peter Gerecke. Im Haus der Diakonie, Hauptsitz der eva, gibt es Essen zum Mitnehmen.

Die in der Fläche erweiterte Wärmestube öffnet an fünf Tagen der Woche für mehrere Stunden. „Die Aufenthaltsdauer ist auf 20 bis 30 Minuten verkürzt, da sich nur eine begrenzte Zahl an Personen gleichzeitig aufhalten kann“, erklärt der Abteilungsleiter. „Das funktioniert nach dem Prinzip: einer raus, einer rein.“

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Schließfächer, Toiletten, Duschen: All das können Obdachlose bei der eva wie auch bei der Caritas weiter nutzen. „Der logistische Aufwand ist jedoch hoch, da die Nassräume nach jedem Gebrauch desinfiziert werden und trocknen müssen“, sagt Peter Gerecke. Folglich kommen weniger Menschen zum Zug. „Toiletten! Das ist aktuell ein echtes Problem“, bestätigt Harry Pfau. Seit öffentliche Treffpunkte wie Bibliotheken, Kulturorte oder auch Kneipen zu sind, endet die Suche nach einem stillen Örtchen vor verschlossenen Türen.

Es ist nicht so, dass es für Obdachlose in der Corona-Zeit keine Versorgung gäbe. Doch vieles wurde ins Freie verlagert. Die Vesperkirche verteilt nicht in der Leonhardskirche, sondern davor zum Mitnehmen. Im Stadtteil Bad Cannstatt gibt die Heilsarmee unter der König-Karls-Brücke warme Mahlzeiten aus, die Caritas bietet Mittagessen in Zelten an. Fällt das Thermometer unter Null, tourt der Kältebus des Deutschen Roten Kreuzes, bringt Rat, Tee und Decken. Über den mit rund 121 000 Euro ausgestatteten Corona-Soforthilfe-Fonds „Mutmacher“, den die Diakonie Württemberg mit der Evangelischen Landeskirche aufgelegt hat, können die Einrichtungen auch Essensgutscheine ausgeben, einlösbar etwa in Metzgereien.

Bei „Suppoptimal“ gibt es warmes Essen. Foto: Julian RettigBei „Suppoptimal“ gibt es warmes Essen. Foto: Julian Rettig

Optimal ist das alles nicht. „Suppoptimal“ nennt die Bürgerstiftung ihr Projekt einer mobilen Theke doppeldeutig. Montiert auf ein Lastenrad ist sie seit November abwechselnd an drei Orten im Einsatz. Der Slogan „Essen für alle“ trifft den Kern der Initiative. „Unser Anliegen ist es, Stigmatisierung zu vermeiden“, erklärt Projektkoordinatorin Katja Simon.

Gereicht werden die Suppen oder Eintöpfe im Glas, nicht im Napf. „Unsere Projektpaten kommen aus der Mitte der Gesellschaft“, sagt Katja Simon. Dazu gehören Gastronomen, die gratis für die kochen, denen der Magen knurrt, und Schauspieler, die vom Staatstheater in die Klettpassage oder den Park ausschwirren, um die Zielgruppe mit Flyern anzusprechen. „Die Armen nicht zu übersehen, mit ihnen in Kontakt treten: Das ist ein wichtiger Aspekt unserer Initiative“, sagt Katja Simon.

Im Schlafwägelchen nächtigt derzeit Iris. Foto: Julian RettigIm Schlafwägelchen nächtigt derzeit Iris. Foto: Julian Rettig

Sie kennt Harry Pfau. Und Harry Pfau kennt eine Frau, die hier Iris heißen soll. „Ich bin vor anderthalb Jahren obdachlos geworden“, sagt sie. Ihr letztes Hab und Gut schleppt sie in Taschen. „Dass das so lange andauert, macht mich fassungslos.“ Iris ist die Bewohnerin des Not-Schlafwägelchens, das auf dem Boden der evangelischen Markuskirche im Süden der Stadt steht. „Im Sommer, als Gastronomie und Läden geöffnet hatten und die Leute bis spät feierten, habe ich mich immer früh am Abend hinter der St. Maria-Kirche schlafen gelegt.“

Nur in der Menge fühlt sich Iris sicher

Die Gegenwart vieler Menschen hätte ihr ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Das sei nun vorbei. Deshalb ist  sie, die als Auswärtige nur bei Eiseskälte in einer Unterkunft unterkommt, froh, jetzt das Schlafwägelchen nutzen und testen zu können. Erdacht und gespendet wurde es von einem Unternehmer aus Bruchsal und kam über Ecken nach Stuttgart. „In unserem ökumenischen Verband hatten wir gerade über einen möglichen Standort beraten, da war es auch schon da“, berichtet Tilo Knapp, Pfarrer der Markus-Haigst-Gemeinde. Er vergleicht die Initiative mit einem Ball, der ins Feld geworfen wird, ohne dass abzusehen ist, wohin er rollt.

Dass dieses Notquartier, das kein Kirchenbesitz, sondern Eigentum eines Mannes ist, nun beim Pfarrhaus steht, sei ein Zeichen – nicht mehr, nicht weniger. „Die Kirchen können ihre Grundstücke als Spielfläche anbieten.“ Am Wochenende bringt der Pfarrer, der täglich mit Iris in Kontakt ist, auch mal ein Frühstück vorbei.