Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ausweg aus der Leidenszeit

BACKNANG – Immer mehr Frauen sind wohnungslos – das bestätigen auch diakonische Einrichtungen wie die Erlacher Höhe in Backnang. Viele der Betroffenen haben eine Vergangenheit hinter sich, die von häuslicher Gewalt oder schweren Schicksalsschlägen geprägt ist. So wie Carolin Hauber und Maren Hausmann (beide Namen geändert).

Auf Abwegen: Die meisten wohnungslosen Frauen, die ins Haus Karla kommen, sind unselbstständig
und ohne Selbstvertrauen. (Fotos: epd-bild)

"Vom Vermieter gerettet"

Maren ist 18 Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Fortan kümmert sie sich um ihren Vater, der gesundheitlich angeschlagen ist. Nach einem Schlaganfall, mehreren Herzinfarkten und den Folgen einer Diabetes-Erkrankung ist er nur noch eingeschränkt mobil und auf die Hilfe seiner Tochter angewiesen. Maren arbeitet in Vollzeit in der Gastronomie. Sie ist dankbar über die Ablenkung, kommt jedoch zunehmend
an ihre Belastungsgrenze. Als ihr Vater stirbt, fällt sie in ein tiefes Loch. Ihre Wohnung vermüllt, sie selbst lebt verwahrlost und isoliert, macht nur noch das Nötigste. Gleichzeitig schämt sie sich, Hilfe anzunehmen. „Ich war komplett am Ende, habe nur noch...

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 ...irgendwie funktioniert“, erzählt die junge blonde Frau heute. Sie ist nicht mehr in der Lage, die Wohnungsmiete zu bezahlen. Ihr Vermieter, der sieht, wie schlecht es ihr geht, wendet sich schließlich an den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) – für Maren ein Glücksfall, wie sie jetzt sagt: „Er hat mich dadurch gerettet.“


Inzwischen lebt die 31-Jährige im Haus Karla, einem Wohn- und Hilfeangebot für Frauen. Maren geht es seitdem besser, sie hat wieder Freude am Leben und an sozialen Kontakten. Die Arbeit in der Gastronomie macht ihr weiterhin Spaß, inzwischen ist sie dort jedoch nur noch in Teilzeit tätig.

Immer mehr Frauen sind wohnungslos

Wie Maren haben die meisten Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, eine lange Leidenszeit hinter sich. Das bestätigt Wolfgang Sartorius, Geschäftsführender Vorstand der Erlacher Höhe. „Viele sind verarmt, haben mit den Folgen häuslicher Gewalt zu kämpfen. Sie leiden unter körperlichen Verletzungen, psychosomatischen Beschwerden und psychischen Störungen.“ Die Betroffenen, die in die Einrichtung kommen, sind meist sehr jung – die Hälfte von ihnen ist unter 25 Jahren. In Deutschland waren im Jahr 2017 rund 68 000 Frauen wohnungslos. Der Frauenanteil bei den Hilfeangeboten der freien Träger stieg dabei seit 2011 um knapp fünf Prozent und liegt derzeit bei 27 Prozent.

Ambulante Hilfen im Rems Murr Kreis

Anton Heiser, Abteilungsleiter der Ambulanten Hilfen Rems Murr, beobachtet, dass Frauen oft lieber in prekären privaten Verhältnissen leben, bevor sie auf der Straße landen. Diese sind etwa von Gewalt oder Prostitution geprägt. Dementsprechend gibt es eine so genannte verdeckte Wohnungslosigkeit. „Viele empfinden ihr persönliches Schicksal als Schande, sie haben das Gefühl, versagt zu haben – und deshalb Hemmungen, eine Beratungsstelle aufzusuchen“, sagt Heiser.

Haus Karla

Die Betroffenen, die ins Haus Karla kommen, sind meist sehr unselbstständig. Sie haben Angst vor Behörden, sind verunsichert und ohne Selbstvertrauen. Sie benötigen Zeit, um wieder Fuß im normalen Leben zu fassen. Dementsprechend liegt die durchschnittliche Verweildauer in der Einrichtung bei einem knappen Jahr. Die Sozialarbeiter vom Haus Karla versuchen aber auch, präventiv vorzugehen. „Unser Ziel ist es, möglichst frühzeitig auf gefährdete Frauen zu stoßen, um die Wohnungslosigkeit zu vermeiden“, sagt Heiser.

Erlacher Höhe

Auch Carolin Hauber ist auf das Hilfeangebot der Erlacher Höhe angewiesen. Seit April lebt sie im Haus Karla. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich Hilfe annehmen konnte. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: So kann es nicht weitergehen.“

Bis 2014 hatte die Fellbacherin einen festen Job bei Daimler. Doch nach dem Tod ihres Lebensgefährten und der schweren Erkrankung ihrer Mutter verliert sie den Halt. Die Wohnung kann sie sich nicht mehr leisten, lebt vorübergehend bei Freunden und wird arbeitslos. Über die Mitarbeiter vom Jobcenter wird sie an das Haus Karla vermittelt. Heute arbeitet die 56-Jährige bei der Essensausgabe des EHMobils, einer mobilen Tagesstätte der Erlacher Höhe.

Obdachlosenunterkünfte für Frauen bedenklich

Nicht immer verläuft die Aufnahme und Unterstützung der Frauen so reibungslos wie im Fall von Carolin
Hauber und Maren Hausmann. „Manche Klienten sperren sich dagegen oder sind aufgrund einer psychischen Erkrankung nicht in der Lage mitzuarbeiten. Das auszuhalten, ist eine große Herausforderung“, sagt Sozialarbeiterin Barbara Greiner. Genauso frustrierend sei es, wenn die Frauen im Anschluss an die Zeit im Haus Karla wieder selbstständig leben könnten, „man aber keinen Wohnraum findet“.

Wolfgang Sartorius kritisiert, dass vor allem Frauen mit Kindern oft in die üblichen Obdachlosenunterkünfte eingewiesen werden. Dort seien die Bedingungen aus seiner Sicht zum Teil menschenunwürdig. „Die Frauen müssen auf dem Boden schlafen, haben nur ein Waschbecken für sich zur Verfügung. Es gibt keine Privatsphäre, das Umfeld ist von Sucht und Gewalt geprägt.“

Menschenrecht auf Wohnung

Er fordert von der Politik, für Frauen mit oder ohne Kinder mehr niederschwellige Wohnangebote zu schaffen, sich für den sozialen Wohnungsbau einzusetzen. Vor allem für Betroffene, die unter psychischen Erkrankungen leiden oder nach einer Suchterkrankung abstinent leben wollen, gebe es zu wenige Wohnplätze. Sartorius ist überzeugt: „Viel Leid und Elend könnte verhindert werden, wenn das Menschenrecht auf Wohnung in Deutschland ernster genommen würde.“ ■

INFORMATION

Das Haus Karla ist ein Wohn- und Hilfeangebot in Backnang, vorrangig für Frauen aus dem Rems-Murr-
Kreis, die wohnungslos sind oder von Wohnungsnot bedroht werden. Träger sind die Erlacher Höhe, eine Einrichtung der Diakonie, und der Landkreis Rems-Murr. Die Mitarbeiter im Haus Karla setzen sich für einen privaten und beruflichen Neuanfang der Betroffenen ein.

Das Haus bietet acht Plätze in zwei Wohngruppen. Jede Frau hat ihr eigenes möbliertes Zimmer. Zusätzlich stehen zwei Notschlafplätze zur Verfügung. Zu der Einrichtung gehört auch eine Kreativwerkstatt, die sozial benachteiligten Frauen Tagesstruktur und berufliche Qualifizierung anbietet.

Informationen unter Telefon 07191-367970, Internet: www.erlacherhoehe.de

 

 

 

 

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