Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bauern kritisieren Kirchen

„Kein Essen in Trog und Tank!“ So lautet der Name einer Kampagne von Greenpeace und dem katholischen Hilfswerk Misereor. Was sich auf den ersten Blick für viele einleuchtend anhört, ist nach Ansicht der „Freien Bauern“, eines Bundes von Landwirten, zu kurz gedacht. Nicht jedes Getreide könne für Brot verwendet werden und Nutztiere brauche es auch.

Wenn der Kleberwert im Getreide zu niedrig ist, wird es zu Kraftfutter für die Rinder. (Fotos: adobe stock/ froxx, adobe stock/ Olympixel)


Auf dem Hof von Marco Hintze im havelländischen Krielow stehen 170 Rinder im Außenklimastall. Tiergerechte Haltung nennt das der konventionelle Landwirt. Marco Hintze ist stellvertretender Bundessprecher der „Freien Bauern“ mit mehr als 1300 Mitgliedern. Die „Freien Bauern“ sehen sich als Konkurrenz zum Deutschen Bauernverband, dem sie unter anderem vorwerfen, zu eng mit der CDU und der Industrie verflochten zu sein. Auf der anderen Seite ist vielen „Freien Bauern“ die „Aktionsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (AbL) zu sehr mit den Grünen verflochten. Mit ihrer Kritik an den Kirchen jedenfalls sind die „Freien Bauern“ unter den Landwirtschaftsverbänden bislang allein.

Der Grund für diese Haltung: Das katholische Hilfswerk Misereor hat zusammen mit Greenpeace die Petition „Kein Essen in Trog und Tank!“ gestartet. Deren Botschaft: Weniger Nutztiere bedeutet mehr pflanzliche Nahrung für die hungernde Weltbevölkerung. „Diese schräge Diskussion um die Reduzierung der Tierhaltung ist in meinen Augen ein Riesenquatsch. Kein Mensch kann Gras essen. Rinder, Schafe oder Ziegen aber können Gras verwerten“, sagt Bauer Hintze. Dagegen hat auch keiner etwas. Aber sollte man auch Getreide verfüttern? Auf seinem 500 Hektar-Betrieb baut Hintze Roggen und Weizen an. Nach der Ernte erst prüft der Händler die Qualität. „Der stellt den Klebewert fest. Wenn er nicht hoch genug ist, ist es kein Brotgetreide, sondern Futtergetreide. Dann habe ich ein Drittel weniger Erlös“, schildert Hintze.

Längst nicht jede Ernte wird ihm als Brotgetreide abgekauft. Dann kann der Bauer das minderwertigere Getreide nur wegwerfen, es an seine Rinder verfüttern oder es als Kraftstoff-Beimischung weiterverkaufen. „Deswegen finde ich es zu kurz gedacht, dass die Kirche diesen Slogan unter die Leute wirft. Man hinterfragt die fachliche Sache nicht“, beklagt der freie Bauer.

Misereor fordert, deutlich weniger Getreide in den Futtertrog zu schütten und den Fleisch-Konsum einzuschränken, um die Klimaziele zu erreichen und die Welternährung zu sichern. Aus Misereor-Sicht braucht es deutlich weniger Nutztiere. Denn auf 40 Prozent der globalen Ackerflächen würden Futtermittel angebaut, die mit Nahrungsmitteln zum direkten menschlichen Konsum konkurrierten. „Es geht um eine bundesweit und möglichst europaweit konzertierte Aktion. Da müssen wir runter von den Tierzahlen. Die Wissenschaft geht von 50 bis 75 Prozent weniger Konsum aus. Und weniger Konsum bedeutet auch weniger Produktion“, sagt Markus Wolter, Experte für Landwirtschaft und Welternährung bei Misereor.

Greenpeace hat zudem ein Video veröffentlicht, das zeigt, dass auch minderwertigeres Futtergetreide zum Brotbacken verwendet werden kann. Misereor zeigt Verständnis für den Verdruss von Marco Hintze, dass er auf Grund hoher Ansprüche an den Proteingehalt Probleme hat, einen Teil seiner Weizenernte zu verkaufen und diesen verfüttern muss. Die Qualitätsvorgaben, die vom Handel bei Weizen angelegt werden, seien aber eine Stellschraube, an der gedreht werden könne, heißt es aus der Aachener Misereor-Zentrale. So hat sich etwa auch der Berufsverband der freien Bäcker für eine Reform der Back-Maßstäbe ausgesprochen.

Doch solange die bisherigen Maßstäbe gelten und er das minderwertigere Getreide nur an seine Rinder verfüttern kann, wirkt die Petition von Misereor auf Marco Hintze wie eine kirchliche Kampagne gegen die familiären Landwirtschaftsbetriebe. Klar, auch er ist gegen Großmastbetriebe mit 60 000 Schweinen, hinter denen kaum noch Bauern, sondern Investoren stehen. Er ist auch für besseres und höherwertigeres Fleisch. Aber 50 bis 75 Prozent weniger? Davon könnte er nicht leben, sagt Hintze. Zudem brauche er die Tiere, um seine Felder mit Mist und Gülle düngen zu können.

Aber auch da hat Misereor eine andere Haltung. Tiere seien für eine effektive Landwirtschaft nicht notwendig. „Es gibt Beispiele fachlich sauberer Landwirtschaft, die mit Leguminosen düngt, zum Beispiel Kleegras, Erbsen, Ackerbohnen, Linsen, Wicken, wie es der ökologische Landbau tut“, sagt Referent Markus Wolter.

Wolter hat früher selbst in der Öko-Landwirtschaft Schweine gehalten. Marco Hintze versteht daher nicht, dass Wolter meint, auf Dung und Gülle verzichten zu können. „Auf Grund der Fruchtfolge kann ich die Leguminosen nicht in der Größenordnung anbauen, dass sie genug Stickstoff sammeln. Dung und Gülle sind gute Hilfsmittel, um den Humus aufbauen zu können, was wir mit Leguminosen nicht schaffen“, hält Hintze entgegen. Er fühlt sich in seiner Fachlichkeit nicht ernst genommen. Auch von seiner eigenen, der evangelischen Kirche nicht. So wurde der Veganuary, der vegane Januar ausgerufen, um Menschen dazu zu ermutigen, für einen Monat im Jahr vegane Ernährung auszuprobieren. Mitunterstützer ist auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, was der Bundesverband der Freien Bauern in einem offenen Brief scharf kritisiert.

„Früher gab es auch nur einmal in der Woche Fleisch. Aber auf vegane Ernährung umzustellen! Wie viel Energie und Wasser brauchen wir, um so viel Pflanzen herzustellen, um die Ernährung zu sichern? Mit zunehmendem Veganismus wird auch der Hunger größer. Die Kirche springt auf dieses Boot auf, weil das gerade total hip ist. Das finde ich verwerflich, dass wir uns nicht an die alten Werte zurückerinnern“, sagt Marco Hintze. Er meint ein gemeinsames Leben von Mensch und Nutztier, wie es schon in der Bibel beschrieben wird. Vielleicht müssten aber „Freie Bauern“ und Kirchen darüber mehr ins Gespräch kommen. Markus Wolter von Misereor jedenfalls will keine Werbung für Veganismus machen: „Wir selber in unseren Projekten im globalen Süden integrieren die Tierhaltung. In unserer Petition steht ja nichts davon, dass nun alle Veganer oder Vegetarier werden, sondern dass wir die Tierzahlen reduzieren müssen. Aber Milch, Fleisch, Eier sind und bleiben tolle Lebensmittel.“

Und wenn Christen beten, unser täglich Brot gibt uns heute, dann sollten nicht nur sie, sondern alle Konsumenten sich wieder mehr bewusst darüber sein, dass Lebensmittel nicht einfach vom Himmel fallen, sagt Wolter: „Nur noch zwei Prozent der Menschen in Deutschland arbeiten und leben in der Landwirtschaft. Und das sorgt bei den Menschen, die Lebensmittel produzieren, für Ärgernis und Frust, weil die denken: Wir stehen hier jeden Morgen um 6 Uhr auf und knüppeln und buckeln – und keiner schätzt mehr wert, was wir hier eigentlich tun.“

 

 


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