Christliche Themen für jede Altersgruppe

Begegnungen, die Mut machen

BACKNANG – Jeden Freitag wird das Begegnungscafé  für Geflüchtete und Einheimische zu einem Ort des Miteinanders. Unter den Helfern sind Bürger, die nach dem Krieg selbst Flüchtlinge waren und die nun unter anderem bei Behördengängen beraten. 


Keine Berührungsängste: In Backnang kommen Einheimische und Geflüchtete miteinander ins Gespräch.(Foto: Lutz Heidebrecht)

Das Famfutur in Backnang ist ein würfelartig zusammengefügter Baukomplex, in dem das Zentrum für Kinder, Jugendliche und Familien seine Heimat hat. Im Inneren gibt es eine Kindertagesstätte, ein Sozial-Warenhaus und das bisher nur zeitweise betriebene Café Cadu.
Jeden Freitag zwischen 16 und 18 Uhr aber, wenn das Begegnungscafé für geflüchtete Menschen und ehrenamtliche Helfer seine Pforten öffnet, kehrt hier Leben ein. Das bringen Familien aus Afghanistan, dem Irak und aus Syrien, aber auch Eritreer, Nigerianer, Bangladescher und Angehörige anderer Nationen.

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Auf dem Vorplatz spielen Kinder, an den quadratischen Tischen sitzen Frauen mit Babys und Kleinkindern auf dem Schoß. Sie tauschen sich aus, nippen an Tee oder Kaffee, der kostenlos ausgeschenkt wird, und revanchieren sich mit hausgemachtem Gebäck, das allen Besuchern zur Verfügung steht. An den Nachbartischen lassen sich Männer amtliche Schriftstücke erklären oder erfahren durch die Fachkraft des Weltcafés, Tatjana Rieckert, welche Unterschriften unter einen Antrag auf Kindergeld gehören.

Auch wenn das Weltcafé als Dach für ganz unterschiedliche Angebote im Famfutur noch eine recht junge ­Einrichtung ist: Das Begegnungscafé am Freitagnachmittag hat schon ein paar Jahre ­Tradition.

„Wir sind damit im November 2015 gestartet“, berichtet Lutz Heidebrecht, mittlerweile offizieller Flüchtlingskoordinator der Stadt Backnang. Angesiedelt beim Amt für Familie, Jugend und Bildung ist es seine Aufgabe, die vielen unterschiedlichen Flüchtlingsinitiativen und Hilfsangebote von Ehrenamtlichen aufeinander abzustimmen.

Zu Beginn des Begegnungscafés war Heidebrecht noch als Pastor der Mennonitengemeinde Backnang involviert, die sich auf Grund der eigenen Historie als Flüchtlingskirche versteht. Als im Herbst 2015 ein ganzer Strom an Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten über die Balkanroute nach Deutschland kam, fragte er sich frei nach Jeremia: „Was können wir der Stadt Bestes tun?“. Anfangs dachte er ganz sportlich an gemeinsame Fußballspiele. „Doch nach vielen Gesprächen war klar: Wir brauchen einen Begegnungstreff.“

Die Premiere fand in der Umkleide einer Turnhalle statt, die 120 geflüchteten Männern als Notunterkunft diente. „Mit fünf Kannen Kaffee, einem selbst gebackenem Kuchen und neun Helfern sind wir gestartet“, erzählt Lutz Heidebrecht und schmunzelt heute über den Mut zur Improvisation. Und doch wurde daraus ein fester Freitagstermin – zunächst in der Turnhalle, später im ehemaligen Hotel Holzwardt, das ebenfalls als Flüchtlingsunterkunft diente, und seit 2016 im Café Cadu im Famfutur.

„Das Begegnungscafé ist ein ökumenisches Projekt, das vom Kreisdiakonieverband, der Caritas, dem Kreisjugendring und Kreisjugendamt sowie dem Verein Kinder- und Jugendhilfe Backnang getragen wird“, sagt der Backnanger Flüchtlingskoordinator zu den Fakten. „Für drei Jahre wird es vom Deutschen Hilfswerk mit Geld aus der Fernsehlotterie gefördert.“

Mit einem harten Kern von etwa 15 Ehrenamtlichen ist das Begegnungscafé ein wichtiger Treffpunkt für Menschen geworden, die in Backnang Fuß fassen wollen. Unter den Helfern sind Bürger, die nach dem Krieg selbst Flüchtlinge waren und die nun bei Behördengängen beraten oder beim Ausfüllen von Formularen und Bewerbungsschreiben helfen. „Was leider noch nicht gelingt, ist, dass Leute aus der Bevölkerung, die sonst nichts mit Flüchtlingen zu tun haben, hierher kommen“, sagt Heidebrecht.

Adelheid Hägele, die von Anfang an zum ehrenamtlichen Team des Begegnungscafé gehört, hat beobachtet, dass sich die Syrer immer seltener im Famfutur blicken lassen. „Seit dem Familiennachzug kommen die Männer, die davor Kontakt gesucht haben, nicht mehr“, bedauert sie. Vielleicht liege es auch daran, dass die syrischen Familien dank guter Bleibeperspektive oder längerer Duldung leichter wurzeln schlagen als andere Nationalitäten.

Da kommen zwei Jungs im Grundschulalter mit einem Pinienzapfen an den Tisch und berichten in fließendem Deutsch, dass sie das dekorative Stück Natur irgendwo gefunden haben. Sie legen ihr Fundstück auf den Tisch, als wollten sie ja nichts unerlaubt mitnehmen. „Mir hat einer der Flüchtlinge einmal gesagt: ,Kostenlose Getränke mit Kuchen, das ist alles schön und gut. Was wir aber tatsächlich brauchen, ist Wertschätzung‘“, erinnert sich Lutz Heidebrecht und macht auf die Ehrenamtlichen unter den Flüchtlingen aufmerksam, ausgewiesen durch Namensschilder. Ob Kinderbetreuung, Getränkeausgabe oder Aufräumdienst – sie wollen ihren Beitrag leisten, keine Almosenempfänger sein.

Auch wenn zu den Trägern des Begegnungscafés christliche Einrichtungen wie der Kreisdiakonieverband und die Caritas gehören, geht es hier „religionsneutral“ zu. „An christlichen Feiertagen wird deren Bedeutung erklärt, genauso wie Ramadan und Zuckerfest erläutert werden. Eine Mission findet nicht statt“, stellt Lutz Heidebrecht klar. „Aus tiefstem Herzen wünschte ich dennoch, alle Menschen würden Jesus nachfolgen.“

Bekehrungen gibt es dennoch, allerdings ganz anderer Art. So erinnert sich Heidebrecht an ein Paar, das in der Nachbarschaft Zettel gegen Flüchtlinge verteilt hat. „Dann kamen sie eine Zeitlang ins Begegnungscafé, haben die Menschen hinter dem Schlagwort Flüchtlinge kennengelernt und sich gewundert, dass sie früher gegen diese Leute mobilgemacht haben.“

So etwas macht Mut, denn die Berührungsängste in der Bevölkerung sind da. Das Begegnungscafé hat also noch lange nicht ausgedient.


Begegnungscafé Backnang, Café Cadu, Theodor-Körner-Sttraße 1. Geöffnet jeden Freitag von 16 bis 18 Uhr. Informationen unter Telefon 07191-894435.