Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bibel gegen Vogelbeerschnaps

Österreichs älteste Lutherbibel ist das kostbarste Inventar des Wieserhofes in der Ramsau am Dachstein. Die abenteuerliche Beschaffung, die Weitergabe, das Versteck, der Stolz auf die Tradition: In der Geschichte dieser Bibel steckt, genau besehen, der Kern der ebenso abenteuerlichen wie komplizierten Geschichte des Protestantismus in Österreich. 

Die Bauern vom Wieserhof und ihr ganzer Stolz: Die Lutherbibel aus dem Jahre 1536 ist die älteste von ganz Österreich. (Foto: Thomas Greif)


Die Bibel auf dem Wieserhof wurde von einem Wieserbauern bestellt und bezahlt, wahrscheinlich mit Vogelbeerschnaps. Salzträger aus Gosau bei Hallstatt brachten sie vor beinahe 500 Jahren in Holzkraxen zu Fuß über den Dachsteinkamm. Seither sind dem Bibelkäufer ungefähr 20 Generationen nachgefolgt, noch immer sind der Hof- und der Familienname identisch, und noch immer gehört auch die Lutherbibel zum Hof. Das ist schon deswegen ein Wunder, weil ihr Besitz lange Zeit strafbar und gefährlich war. Beim Abriss des alten Kuhstalls vor gut 90 Jahren, so geht die Familiensage, konnte man das Bibelversteck, ein Stück doppelten Boden unter dem Vieh, noch sehen.

Inzwischen hat die Bäuerin Hollersaft und Krapfen mit Steirerkas aufgefahren, evangelische Krapfen übrigens, denn nur oben auf der Ramsau reifte der feine Weizen, dieweil die Katholiken unten im Ennstal mit Roggenmehl backen mussten. Pfarrer Wolfgang Rehner hat beim Durchsehen des Einbandes einige handschriftliche Notizen gefunden, die aber entweder noch ganz jung sind – von 1820 – oder nicht lesbar. Sie führen nicht weit genug in die Vergangenheit, um eine Anknüpfung an die Zeit des Drucks herzustellen.

Das fehlende Titelblatt wundert ihn nicht; fast alle alten Druckwerke, die auf den Höfen in der Ramsau seit der Zeit des Geheimprotestantismus im 17. und 18. Jahrhundert aufbewahrt werden, sind derart kastriert. „Die katholischen Religionskommissäre konnten meist nicht lesen, aber den Schriftzug Martin Luther haben sie dann doch erkannt“, weiß Rehner.

Vor einigen Jahren wollte sich Hans Wieser seine Hofbibel versichern lassen. „Vergessen Sie es“, sagte der Mann von der Versicherung: „Dieses Buch ist mehr wert als der ganze Hof.“ So liegt sie in einem sicheren Banksafe und wird nur für angemeldete Interessenten in der Stube aufgeschlagen.

Wäre es denn denkbar, das kostbare Stück in einer Notzeit zu versilbern? Den Wiesers steht schon beim Gedanken das bloße Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Es wäre wohl ebenso abwegig, den Papst nach seinen Heiratsabsichten zu befragen. Hans Wieser schüttelt eindringlich den Kopf und sagt: „Da denkt man doch gar nicht dran.“


Information

Der Weg des Buches führt in fünf Radetappen und 24 Wandertagen von Passau/Ortenburg durch Oberösterreich, die Steiermark und Kärnten. Endpunkt ist Agoritschach an der Grenze zwischen Kärnten und Slowenien. Der Weg ist nur in Kärnten eigens ausgeschildert und folgt ansonsten bestehenden Pfaden. Ausführliche Informationen gibt es unter Telefon 0043-1-479-1523111, im Internet unter der Adresse www.wegdesbuches.at

 

Rudolf Leeb, Astrid Schwaighofer, Dietmar Weikl (Hrsg.)
Das Buch zum Weg
Kirchen-, Kunst- und Kulturgeschichte am Weg des Buches.
Tandem Vlg.
19,50 €

 

 

 

 

 

Michael Bünker und Margit Leuthold (Hrsg.)
Der Weg des Buches + Bibelleseplan
Tandem Vlg.
24,90 €