Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bis der ganze Körper vibriert

Kirche ohne Orgelmusik ist quasi nicht vorstellbar. Vielleicht deshalb zählen Orgelmusik und Orgelbau   seit Dezember 2017 zu den schützenswerten Gütern in Deutschland. Neben der Genossenschaftsidee und der Falknerei, die in 17 weiteren Ländern gepflegt wird, gehört die Orgel, die mit dem kirchlichen Gemeindeleben eng verflochten ist, nun zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. 

Faszination Orgel: die Pfeifen für eine neue Orgel in der Orgelbaufirma Johannes Klais in Bonn, und das Register einer neuen Orgel in der Kasseler Martinskirche. Sie ist ein innovatives Instrument mit fahrbaren Teilen und einem Vierteltonklavier. Fotos: epd-bild (Foto: Gemeindeblatt)


Die Orgel ist ein haarsträubendes Organ. Gespielt von einer einzigen Person, kann sie mehr Töne zugleich erzeugen als ein ganzes Sinfonieorchester und bringt dabei das menschliche Gehör an seine Grenzen. Der gerade noch vernehmbare tiefste Ton grenzt an ein Vibrieren, der höchste ist für ältere Semester schon nicht mehr auszumachen. Ein fast schmerzhaftes Fiepen.

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Die Orgel ist ein Tasteninstrument, klingt aber erst, wenn Luft durch die Pfeifen strömt und dort je nach Bauart wie bei einer Blockflöte ein Labium zum Schwingen bringt oder wie bei der Klarinette ein Zungenblatt. Daher unterscheidet man zwischen Labial- und Lingualpfeifen. Schon eine gewöhnliche Kirchenorgel verfügt oft über Tausende solcher großen und kleinen, weiten und engen Pfeifen. Je länger, desto tiefer der Ton. Je kürzer, desto höher. Jede Pfeife erzeugt exakt einen Ton.

Die Königin unter den Instrumenten verschafft sich auch in Konzertsälen Gehör. Doch die mitunter überwältigende Klangfülle einer Orgel füllt noch immer am häufigsten und eindrucksvollsten Sakralbauten, von der Kapelle bis hin zur Kathedrale und zum Dom. Als Präludium im Gottesdienst, als Begleitstimme der singenden Gemeinde oder in abendlichen Konzerten.

Orgel und Kirche: Dieses Paar scheint füreinander gemacht. Tatsächlich sind Kirchenorgeln als Unikate für ihren Wirkungsort erschaffen und dort fest verbaut. Wer den Blick zur Orgel hebt, sieht zumeist, dass sich der Prospekt, die Schauseite der Orgel, harmonisch mit der Architektur zu einem Gesamtkunstwerk verbindet. Und doch wäre es falsch, die Orgel als eine christliche Schöpfung zu feiern. Denn erfunden wurde das damals hydraulisch mit Luft versorgte Instrument im dritten vorchristlichen Jahrhundert im hellenischen Alexandrien, heute auf ägyptischem Terrain. Ihre erste Blütezeit erlebte die Orgel im Kaiserkult der Römer. Für die ersten Christen war ihr Klang grausam. Er begleitete die todbringenden Kämpfe in der Arena.

In den Norden gelangte die Orgel durch ein Geschenk aus Byzanz an den fränkischen Hof von Pippin dem Jüngeren, Vater Karl des Großen. Dessen Sohn, Ludwig der Fromme, gab bei einem Venezianer eine Orgel für Aachen in Auftrag.

„In die Kirche kommt die Orgel erstmals im 9. Jahrhundert und wird dort Teil der Liturgie“, sagt Jens Wollenschläger, Erster Organist der Stiftskirche in Tübingen sowie Professor und Prorektor an der dortigen Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik. „So wird die Orgel traditionell als Prozessionsinstrument für den Ein- und Auszug des Klerus, später der Gemeinde eingesetzt und begleitet stille liturgische Handlungen. Anfangs hatte die Orgel insofern eine solistische Funktion, als sie im Wechsel mit dem Chor musizierte.“ In Fastenzeiten und zu Anlässen, die mit Buße und Trauer zu tun hatten, blieb die Orgel stumm. Dafür erklang ihr Spiel an Feiertagen freudigen Charakters nochmal so schön.

„Dass die Orgel auch den Gesang der Gemeinde begleitet, ist eine neuere Entwicklung und wird im 17. Jahrhundert vor allem in lutherischen Gemeinden üblich“, erklärt Jens Wollenschläger. „Davor wurden Choräle in der Regel a cappella gesungen.“

Die liturgische Bedeutung der Orgel ist bis heute in der katholischen Kirche spürbar, etwa wenn improvisiertes Orgelspiel den Kommunionempfang begleitet. „Hört der Organist vorzeitig auf, kann man die Beklemmung derjenigen, die noch am Altar anstehen, fast spüren. Die Orgel schafft eine gewisse Diskretion, überbrückt ritualisierte Handlungen.“

Überhaupt war die Improvisation lange Zeit dominierend, wie Wollenschläger weiter ausführt. „Wer sich zu Johann Sebastian Bachs Lebzeiten als Kantor bewarb, improvisierte und hatte Sänger oder Instrumentalisten ad hoc zu begleiten. Das Spiel von Orgelliteratur war hingegen kein Bestandteil eines damaligen Probespiels.“ Werktreue gebe es in der Orgelmusik erst ab dem 19. Jahrhundert.

„Wie man eine Orgel spielte und wie man sie baute, veränderte sich laufend“, erläutert der Professor für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel. „Egal in welcher Epoche, man hat es immer mit einem Spannungsfeld zwischen dem vorherrschenden Zeitgeschmack und dem kulturellen Bewusstsein zu tun.“

Bundesweit gibt es rund 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit etwa 2800 Mitarbeitern. Dazu kommen 3500 hauptamtliche und zehntausende ehrenamtliche Organisten. Werden hauptamtliche Kirchenmusiker eingespart, wirkt sich das auch auf den Zustand der Orgeln aus. Mit rund 50?000 Orgeln hat Deutschland die höchste Orgeldichte der Welt.

Vor dem Krieg waren es noch mehr. Einige befanden sich seit dem 19. Jahrhundert auch in Synagogen, etwa eine Ludwigsburger Walcker-Orgel mit vier Manualen und 90 Registern in der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße. Keine einzige Synagogenorgel hat das Wüten der Nationalsozialisten überlebt.

Wollenschläger bestätigt: „Im Krieg und infolge des vorherrschenden Geschmacks wurden deutlich mehr bedeutende Orgeln zerstört als durch den Zahn der Zeit.“ Auch die Jahrzehnte nach dem Krieg mit Materialexperimenten und Modernisierungen bekamen den Orgeln schlecht. „Eine historische Orgel fachgerecht zu restaurieren, kostet heute oft mehr, als eine neue Orgel in Auftrag zu geben.“

In der evangelischen Kirche finanzieren sich neue Orgeln ausschließlich aus Spenden. „Dafür darf kein einziger Cent aus Kirchensteuermitteln ausgegeben werden“, sagt Wollenschläger. Auch wenn von der Planung bis zur Einweihung eines neuen Instruments oft Jahre vergehen, gibt es viele Menschen, die sich eine Kirche ohne Orgel nicht vorstellen können und Patenschaften für Pfeifen übernehmen.

Die meisten dieser tönenden Körper bekommt die Gemeinde nie zu Gesicht. „Die Pfeifen des Prospekts machen in der Tübinger Stiftskirche vielleicht ein Prozent der gesamten Orgel aus“, erklärt deren Erster Organist.  Die Orgel der Stiftskirche verfügt über 5000 Pfeifen. Mit nur einer Taste an der Klaviatur kann Wollenschlägel bis zu 160 Pfeifen gleichzeitig zum Klingen bringen. Aber Kirchenmusiker brauchen eine Gemeinde, deren Gesang sie begleiten können, und bei einem Konzert Zuhörer.

 

 


Kleines Orgel-Glossar

Spieltisch: Die Orgel wird vom Spieltisch aus gespielt, der so etwas wie die Schaltzentrale des Instruments ist. Hier befinden sich das Notenpult, die Manuale, Pedale, Registerzüge und diverse Schalter. Die Manuale werden, wie die lateinischstämmige Bezeichnung verrät, mit den Händen bedient, die Pedale mit den Füßen.

Manual: Die Klaviatur, Manual genannt, ist kürzer als beim Klavier. Meist gibt es mehrere Manuale, die stufenartig übereinander liegen. Großorgeln verfügen über bis zu fünf, in seltenen Fällen bis zu sieben Klaviaturen. Die Manuale werden mit römischen Ziffern angegeben.

Windlade: Das Herzstück der Orgel, ein dicht geschlossener, mit Hohlräumen versehener Holzkasten, verteilt die komprimierte Luft, Wind genannt, auf die Pfeifen der eingeschalteten Register und erzeugt so die erwünschten Töne. Dieser Mechanismus wird durch das Drücken der Tasten und infolgedessen durch das Öffnen eines Ventils unter der Pfeife ausgelöst, sofern das entsprechende Register gezogen, sprich: aktiviert ist. Zwei Öffnungen müssen übereinanderliegen, damit der Wind in die Pfeifen strömen kann. Der Wind wird heute in der Regel von einem elektrischen Gebläse erzeugt. Früher gab es dafür Blasebalgtreter, sogenannte Kalkanten.

Register: Eine Pfeifenreihe gleicher Bauart und Klangfarbe wird zu einem Register zusammengefasst. An- und ausgeschaltet werden die einzelnen Register am Spieltisch. Vor dem eigentlichen Spiel richtet der Organist die Orgel mit Hilfe der entsprechenden Registrierung ein. Er muss seine Musik quasi erst einmal instrumentieren, bevor er sie spielen kann. Aus unzähligen Möglichkeiten bestimmt er dabei das angestrebte Klangbild.

Prospekt: Die Schauseite des Instruments wird auch als Gesicht der Orgel bezeichnet. Die Front fügt sich in die Architektur ein und dient Orgelbauern als optisches Aushängeschild ihres Stils. Bei den Pfeifen im Prospekt handelt es sich fast immer um Labialpfeifen, meist sogenannte Prinzipale. Durch ihren hohen Zinnanteil haben sie eine hell glänzende Optik.