Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bis zum letzten Ton genossen - Orgelspiel im Ulmer Münster

ULM – An der großen Orgel des Ulmer Münsters spielen: Für Jan Schmöller aus Lonsee ist dieser Traum wahrgeworden. Dekan Ernst-Wilhelm Gohl hatte den 13-Jährigen dazu eingeladen, Anfang Dezember war es dann soweit. Gemeindeblatt-Autorin Brigitte Scheiffele hat Jan an seinem großen Tag begleitet.

Konzentriert spielt Jan am großen Spieltisch der Münsterorgel. Münsterorganist Philipp Hartmann und Bruder Tim schauen zu. Foto: © Brigitte Scheiffele 

Es begann im kleinen Ort Reutti. Beim Dankgottesdienst nach der Renovierung der Kirche spielte der 13-jährige Jan Schmöller aus Lonsee die Orgel – und gewann einen Fan. Ulms Dekan Ernst-Wilhelm Gohl staunte über Jans musikalisches Können und lud ihn zum Orgelspielen ins Ulmer Münster ein. Auf der größten Orgel der württembergischen Landeskirche!

Jan kommt aus einer musikalischen Familie. Vater Marcus (44) spielt Klavier, Schlagzeug und Akkordeon, Mutter Melanie Akkordeon und Bruder Tim (11) Trompete. Bruder Kai (10) spielt Handball. Seit Februar wird Jan (13) von Bezirkskantor Philipp Hartmann unterrichtet, der ihm zuvor empfahl, Klavier als Voraussetzung zum Orgelspiel zu lernen. „Das hat er getan und sich nach zwei Jahren tatsächlich wieder gemeldet“, erinnert er sich. Dann fügt Mutter Melanie hinzu: „Jan wollte schon immer dieses Instrument spielen. Er ist schon nicht in die Kinderkirche, weil da keine Orgel gespielt wurde.“

Am Nachmittag des 3. Dezembers ist es soweit. Jan ist im Münster und natürlich ist die ganze Familie dabei. Gerade hat Philipp Hartmann, der auch zweiter Münsteroganist ist, die adventliche Zwölf-Minuten-Andacht auf der Orgel begleitet, jetzt nimmt er Jan und seine Familie im Eingangsfoyer des Münsters in Empfang. Die Spannung steigt als Hartmann nur wenige Schritte neben der Eingangstür der Kirche eine unauffällig wirkende Tür zum Orgelaufgang öffnet. Von dort gelangt die kleine Gesellschaft über eine alte, steinerne Wendeltreppe hinauf zur Orgelempore. 80 schmale Stufen winden sich nach oben, ein Klacks zu den 768 Stufen, die zum Westturm führen. Dennoch schnauft jeder beim Erreichen des Orgelgeschosses. Erster Eindruck: Unspektakulärer Dachboden, viel Holz, echtes „Backstageefühl, gleich einem Raum hinter glamourösem Bühnenbild. Hier stehen Tische und Technik neben der Organistenkammer mit bequemem Sessel. Und bei den hölzernen Tafeln handelt es sich um die Verkleidung der Orgelpfeifen. In der Mitte befindet sich eine umrandete Öffnung, durch die eine der 13 Glocken hinunter gelassen werden könnte, denn die Orgel befindet sich auf der 18 Meter hohen Hauptempore unter dem Hauptturm.

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Einmal um die Ecke geschaut, da steht Jan mit Hartmann unter einem Baugerüst. Richtig gelesen. Auch links und rechts der Orgel lehnen Bretter: Das ist Wärmeschutz. Ein Brett oberhalb des Spieltisches über dem Baugerüst sorgt dafür, dass die warme Luft aus dem Heizstrahler über der Tastatur nicht sofort nach oben entweicht. Auch von hinten kann sich der Organist etwas Wärme in den Rücken strahlen lassen. Es gibt sogar Tage, an denen die beiden Münsterorganisten bei null Grad spielen. Das Münster sei nicht zu heizen, sagt Hartmann, auch aus Denkmalschutz-Gründen. Aber trockenes, kühles Klima ist dafür gut für die Orgel.

Foto: © Brigitte Scheiffele

Der Blick von hier oben ins Kirchenschiff erzeugt bei allen gleichermaßen Ehrfurcht: Was für ein übermächtiges Gebäude! Etwa eine Million Besucher kommen jährlich ins Münster, ein Dutzend sucht hier momentan Ruhe im Kontrast zur Partystimmung auf dem Weihnachtsmarkt.

Hartmann weist seinen Schützling an der Orgel ein und Jan lässt sie zunächst leise erklingen. Manche der Töne drängen den Organisten laut ins Gesicht, kommen aber bei den Kirchenbesuchern kaum an, erklärt Hartmann. Die Lautstärke hier sei reine Erfahrungssache. Jan spielt kleine Präludien und Fugen von Bach, tastet sich zaghaft vor. Der Anschlag erfordert etwas mehr Kraft, dann wird er mutiger: „Das ist ja gewaltig“, kommentiert sein Vater Marcus, und fügt hinzu: „Was für ein Klang!“ Fünf Manuale, 100 Register und knapp 9000 Pfeifen hat die 50 Jahre alte große Walcker-Orgel. Genau dazwischen sitzt jetzt Jan. Links und rechts, vor und hinter ihm zum Kirchenschiff hin, sogar über ihm ist er von Orgelpfeifen umgeben. Jan staunt, schaut, sucht und spielt eine Stunde lang. Dazwischen beantwortet Hartmann geduldig seine Fragen. Längst haben alle Besucher das Münster verlassen, das um 18 Uhr die Pforten schließt. Die Kerze des großen Adventskranzes ist gelöscht, die elektrischen Lichter sind aus, draußen spielen Bläser für die Besucher des Weihnachtsmarktes.

„Eine Ehre“, sagt Jan leise

Auf Bach folgen Lieder aus dem Gesangbuch und dann zeigt auch Jan auf der Orgel, dass es weihnachtet: Er spielt schneller, traut sich und greift kräftiger in die Tasten. Seine Begleiter jubilieren. „Auf einer so großen Orgel mit fünf Manualen zu spielen ist überwältigend“, sagt er von seinem „Steuerpult“ aus. „Fast zu viel des Guten für jemanden, der sonntags manchmal die Gemeinde begleitet auf nur einem Manual.“ Es sei etwas Besonderes „auf einem derart großen und beeindruckendem Instrument mit 13 Jahren spielen zu dürfen“. Dann fügt er leise hinzu: „Eine Ehre.“

Dekan Gohl lud Jan ins Münster ein. Fotos: © Brigitte Scheiffele 

Nur ein kleiner Spiegel ermöglicht von hier oben den Blick ins Kirchenschiff, denn die Orgelpfeifen versperren dem Organisten die Sicht nach unten. Auch ein Telefon steht bereit zur Verständigung mit dem Pfarrer. Chorbegleitung ist von hier ausgeschlossen, deswegen braucht es eine Chororgel. Die neue Münster-Chororgel soll laut Hartmann im Jahr 2023 eingeweiht werden. „Schön für den Organisten, wenn sich der Spieltisch außerhalb der Orgel befindet, dann hört man das eigene Spiel besser“, fügt er hinzu.

Ungern trennt sich Jan an diesem Abend von der Orgel und genießt den letzten Ton seines Stückes, der noch für Sekunden im Münster nachhallt. Seinen Begleitern sitzt die Kälte bereits in den Knochen, Jan aber kostet die einzigartige Atmosphäre aus. „Natürlich kann man sich nicht in einer Stunde an 100 Register gewöhnen und alle Klangfarben in Ruhe ausprobieren. Aber vielleicht ergibt sich mal wieder eine Gelegenheit“, sagt er beim Schuhwechsel.

Stufen werden gezählt beim Herunterlaufen, dann stehen alle im dunklen Münster, das über den üblichen Weg nicht mehr verlassen werden kann. Mit Handytaschenlampe und dem kläglichen Schein einer Lampe im Altarraum wirken die Schatten und leeren Bänke in dem kalten Gemäuer schaurig, ebenso die steinernen Figuren berühmter Bildhauer in diesem Gebäude, in dem keine Mauer oder das Dach mehr erkannt werden kann. Über verwinkelte Seitenräume führt Hartmann zum Ausgang und plötzlich steht man wieder inmitten des Trubels zur Vorweihnachtszeit. „Was für ein Kontrast“, sagt Jan. „Echt hart.“

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