Christliche Themen für jede Altersgruppe

Christsein einüben - Hauskreisarbeit

Vor 40 Jahren wurde in der Landeskirche erstmals ein Referent für Hauskreisarbeit berufen. Denn in den 1970er-Jahren entstanden immer mehr solcher Gruppen, die sich bei einem Mitglied zu Hause trafen, um gemeinsam zu beten, in der Bibel zu lesen und zu singen. Diese Entwicklung wurde nicht immer nur positiv gesehen. Doch mittlerweile gehören Hauskreise dazu.

 

Gemeinsam in der Bibel lesen und sich darüber austauschen: Dazu kommen viele Menschen zu Hause zusammen. (Foto: Andrey Popov/ Adobe Stock)

Es war eine Aufbruchstimmung Mitte der 1970er-Jahre, sagt Markus Munzinger, der landeskirchliche Beauftragte für die Kleingruppen- und Hauskreisarbeit. Als Ausfluss aus den Studentenprotesten 1968 habe sich ein besonderes Verständnis in christlichen Kreisen herausgebildet: „Wir können die Bibel auch selbst interpretieren und gemeinsam darin lesen.“ In der Folge seien viele Hausbibelkreise innerhalb der Landeskirche entstanden. Der damalige Landesbischof Helmut Claß schrieb seinerzeit:
„Das gemeinsame Gespräch über Fragen des Glaubens und des Lebens in einer säkularen Welt ist unerlässlich. Hauskreise – möglichst in jeder Gemeinde – bieten dafür einen guten Boden der Begegnung.“

Nicht alle sahen damals darin eine gute Entwicklung. So erinnert sich der ehemalige Stuttgarter Prälat Gerhard Röckle, dass einzelne Gemeindepfarrer anfangs in den Hausbibelkreisen eine Konkurrenz zur wöchentlichen Bibelstunde sahen. Und der Altpietistische Gemeinschaftsverband sah seine eigene Arbeit bedroht. Röckle berichtet von einem Gespräch mit Walter Schaal, dem damaligen Vorsitzenden des Gemeinschaftsverbandes. „Ich konnte versichern, dass wir die Hauskreisarbeit nicht in Konkurrenz zu den Stunden der Altpietisten betreiben. Es gehe uns nur darum, dass Menschen zum Glauben finden und in ihrem Glauben gestärkt werden“. Das habe Schaal überzeugt.


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Hauskreise - inhaltlich und qualitativ gewachsen

Inzwischen, so hat es Markus Munzinger beobachtet, prägen die Hauskreise vielerorts das Leben in der Gemeinde mit. Viele ihrer Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich in der Kirche vor Ort, die Zahlen schätzt er auf bis zu 50 Prozent. Manchmal entstünde so der Eindruck, „wer mitarbeiten möchte, muss zwingend auch im Hauskreis sein oder umgekehrt“. Beides stimme so natürlich nicht. Gudrun Strecker, erste Vorsitzende des Landesarbeitskreises für Hauskreisarbeit, ist schon von Anfang an in der Bewegung aktiv. Sie hat beobachtet, dass immer mehr Hauskreise recht selbstständig agieren. Man brauche die Anbindung an eine Institution wie die Kirche nicht mehr so wie einst. Zudem gebe es inzwischen, anders als vor 40 Jahren, eine Fülle an Material mit Tipps zum Gestalten der Abende oder mit Hinweisen dazu, wie man einen solchen Kreis gründet. Auch seien die Hauskreise nicht mehr unbedingt an einen Ort gebunden: Während früher die Mitglieder aus einem Ort zum gemeinsamen Bibellesen und Beten zusammen kamen, gebe es heute eher den Trend, dass vor allem die jüngeren Menschen ihrem Hauskreis auch nach einem Umzug treu bleiben und dafür weite Wege in Kauf nehmen (siehe Bericht Seite 6).

Treffen der Hauskreise sind seltener, dafür intensiver und individueller

Markus Munzinger ergänzt: „Viele Menschen sind ganz anders in Beruf und Familie eingespannt als früher.“ Deshalb hätten sich zahlreiche andere Formen entwickelt, die neben dem wöchentlichen Treffen stehen. So gebe es beispielsweise viele Hauskreise, die nur noch alle zwei Wochen stattfinden, ein Mal im Monat oder im Quartal. Letzteres dann aber am Wochenende und dafür den ganzen Tag. „Die Treffen sind seltener, dafür aber auch intensiver“, hat Munzinger beobachtet.

Verstärkt stammen Teilnehmer aus einem Hauskreis nicht mehr nur aus einer Kirchengemeinde, vieles laufe  Strecker. Doch die Hauskreise, die sich zu einer Gemeinde zugehörig fühlen, gebe es natürlich auch noch. Beispiel Stuttgart: Im Jesus-Treff sind viele der Mitglieder in Hauskreisen organisiert. Man trifft sich unter der Woche in den kleinen Gruppen, im Gottesdienst am Sonntag dann im großen Rahmen.

Bei den Inhalten habe sich im Laufe der Jahre manches verschoben, wenngleich das Prinzip gleich geblieben ist, sagt Markus Munzinger. Natürlich gehöre es dazu, dass man gemeinsam einen Bibeltext lese und sich darüber austausche. Und auch das gemeinsame Gebet habe einen großen Stellenwert. Doch je älter die Mitglieder in einem solchen Kreis sind, desto mehr ähnele das Programm einer Bibelstunde oder einem Bibelgespräch. „Bei den Jüngeren stehen die Gemeinschaft und das gemeinsame Essen im Vordergrund“, sagt Munzinger. Gudrun Strecker hat ebenfalls beobachtet, dass gerade bei den Jüngeren die gemeinsamen Erlebnisse wichtig sind.

Besondere Formen haben sich entwickelt

Wohl auch deshalb hat sich eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Kleingruppen herauskristallisiert. Neben dem klassischen Abendprogramm mit Singen, Bibellesen, Gespräch und Gebet gebe es mittlerweile eben auch Hauskreise, die sich vor allem als Handarbeitsgruppe treffen mit geistlichem Impuls und gemeinsamem Gebet. Oder die Menschen gehen miteinander joggen, sprechen anschließend über einen Bibelvers und beten gemeinsam. Gesungen werde in Hauskreisen übrigens immer weniger, ist die Erfahrung von Markus Munzinger.

Das gemeinsame Gebet, besonders für persönliche Anliegen, dagegen ist für Gudrun Strecker der „Seismograf“ eines Hauskreises. Dass man andere an seinem Leben teilhaben lässt und die Anliegen dann gemeinsam vor Gott trägt, das ist für Strecker das Wichtigste am Hauskreis. Sonstige Formen könnten sich verändern, findet sie. Aber das gemeinsame Gebet zu persönlichen Anliegen, das schweiße eben zusammen und mache aus dem Hauskreis eine ganz besondere Gruppe.

Kein Wunder, dass dabei über die Jahre auch Freundschaften entstehen. Noch vor 15, 20 Jahren hieß es, dass Hauskreise immer wieder neue Menschen einladen sollen, und ab einer gewissen Größe müssten sie sich dann teilen. Doch genau wegen der entstandenen Freundschaften gehe dieses Konzept immer weniger auf.

Andererseits bestehe aber auch die Gefahr, dass ein Hauskreis sich auflöst, weil immer weniger Mitglieder dabei sind und keine neuen nachkommen. Manchmal müsse man es einfach hinnehmen, dass Hauskreise aufhören zu existieren. Dafür entstünden dann an anderer Stelle wieder neue Gruppen. Genaue Zahlen darüber, wie viele Hauskreise mit wie vielen Mitgliedern in Württemberg existieren, liegen Markus Munzinger nicht vor. Dafür sind die Gruppen zu vielfältig – und oft auch zu unabhängig, als dass sie sich bei einer zentralen Stelle melden würden. Es sei denn, sie brauchen Hilfe.

Zentrale Anlaufstelle für Hauskreise in der Landeskirche

Das Bewusstsein, dass Hauskreise auch eine zentrale Anlaufstelle innerhalb der Landeskirche brauchen, fand 1979 seinen praktischen Niederschlag: Ortwin Schweitzer wurde zum ersten hauptamtlichen Hauskreisbeauftragten. Die württembergische Landeskirche war die erste, die eine solche Stelle einrichtete. Bis 1994 war Schweitzer auf dieser Stelle, auf ihn folgte Jens Plinke. Inzwischen gibt es einen ehrenamtlichen Leitungskreis der Arbeit, dessen Vorsitzende Gudrun Strecker ist. Gleichwohl hat die Kleingruppenund Hauskreisarbeit auch hauptamtliche Mitarbeiter. Neben Markus Munzinger, der ansonsten noch für Kirche im Grünen zuständig ist, sind das Zeltkirchenpfarrer Thomas Wingert und der Beauftragte für Glaubenskurse, Karl-Heinz Essig. Ihre direkten Vorgänger waren Gerrit-Willem Oberman, Johannes Eißler und Martin Wolf.

Hauskreise - Gewächshäuser des Glaubens

Was den Reiz der Hauskreise ausmacht? Jens Plinke warb bei seiner Verabschiedung 2008 dafür, sie als „Gewächshäuser des Glaubens“ zu entdecken. Denn in ihnen werde das Christsein ausprobiert und das Vertrauen in die Möglichkeiten Gottes vertieft. Auch mit dem „Priestertum aller Gläubigen“ werde so ernst gemacht, sagte Plinke.

Solche Formen des gemeinsamen Glaubenslebens gab es übrigens bereits zur Zeit der Urgemeinde. Der ehemalige Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft für Missionarische Dienste, Hartmut Bärend, schrieb dazu einmal: „Wenn es in Apostelgeschichte 2 heißt, dass die Jüngergemeinde ‚hin und her in den Häusern beisammen‘ war, dann ist daraus abzuleiten, das die Hausgemeindearbeit zu den grundlegenden Lebensäußerungen der Urgemeinde gehörte.“ Auch in späteren Zeiten hätten sich die Christen in privaten Häusern getroffen. Aus diesen Häusern seien dann die Hauskirchen entstanden. Und so folgert Hartmut Bärend: Was Hauskreise erleben und praktizieren, sei unverzichtbar für die ganze Gemeindearbeit.

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