Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Christsein ist politisch“ - Interview mit Jörg Hübner, Leiter der Akademie Bad Boll

Seit 75 Jahren beteiligt sich die Evangelische Akademie Bad Boll mit ihren Veranstaltungen an gesellschaftlichen und politischen Diskussionen. Was die Akademie ausmacht und welche Fragen sie umtreiben, darüber spricht Jörg Hübner, der Geschäftsführende Direktor, mit Antje Schmitz.

Jörg Hübner leitet die Akademie seit 2013. Der 58-jährige Theologe war Gemeindepfarrer in Neuss und lehrt Systematische Theologie und Sozialethik an der Ruhr-Universität Bochum. Foto: Evangelische Akademie Bad BollJörg Hübner leitet die Akademie seit 2013. Der 58-jährige Theologe war Gemeindepfarrer in Neuss und lehrt Systematische Theologie und Sozialethik an der Ruhr-Universität Bochum. Foto: Evangelische Akademie Bad Boll

Evangelische Akademie Bad Boll - Hier herrscht ein besonderer Geist

Herr Hübner, was ist das Besondere an der Evangelischen Akademie Bad Boll?

Jörg Hübner: In unserem Leitbild heißt es: „Wir schätzen Raum und Zeit. Wir schätzen die besondere Geschichte und Qualität des Ortes unserer Akademie.“ Ja, Bad Boll hat eine besondere Geschichte, die von Johann Christoph Blumhardt und seinem Sohn Christoph geprägt ist. Daraus lässt sich bis heute viel Lebendiges ziehen. Der jüngere Blumhardt hat eine Theologie der Erde entworfen und sich mit der Zerstörung der Natur auseinandergesetzt. Zu dieser Tradition kommt die schöne Landschaft von Bad Boll hinzu. An solch einem Ort mit dieser Geschichte und Qualität lassen sich gut Perspektiven und Visionen entwickeln. Wir stehen für Begegnungen, durch die sich etwas verändern kann. Hier herrscht ein besonderer Geist.

Was beschäftigt Sie aktuell?

Jörg Hübner: Die Corona-Krise rückt die Krisen unserer Zeit und damit die nötigen Veränderungsprozesse verschärft ins Bewusstsein. So, wie wir bisher gelebt haben, können wir verantwortungsvoll nicht weiterleben. Die Transformation des gesellschaftlichen Lebens hin zu einer nachhaltigen Lebensweise steht erst recht jetzt im Zentrum aller Herausforderungen. Wir haben deswegen zur Corona-Krise jede Woche mindestens zwei ethische Kommentare veröffentlicht, um Orientierung zu geben und um ei-nen Beitrag zur Seelsorge an und in der Gesellschaft zu leisten. Es geht ja nicht nur darum, die Schicksalsnot zu begreifen, sondern auch um die Frage, wie es mit unserer Gesellschaft weitergeht.

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Werden Nachhaltigkeitsfragen in das kommende Programm der Akademie einfließen?

Jörg Hübner: Damit ist verstärkt zu rechnen. Jetzt machen wir erst einmal die Strategieplanung für die Jahre 2021 bis 2025. Das Kuratorium hat sich am 21. September beraten, welche Schwerpunktthemen wir angehen wollen. Es folgt ein intensiver Prozess, an dem alle Kolleginnen und Kollegen der Akademie beteiligt werden. Daraus ergeben sich dann die inhaltlichen und organisatorischen Schlussfolgerungen für die nächsten fünf Jahre.

Warum planen Sie so weit im Voraus?

Jörg Hübner: Die Akademie ist eine große Organisation. Wir müssen uns auf dem Markt der Bildungseinrichtungen bewähren und haben natürlich auch Ziele, die wir erreichen wollen. Wir sind ein Dienstleister für die Gesellschaft, unsere Gelder kommen zum großen Teil von der Landeskirche. Sie sind uns anvertraut. Das bedeutet, dass wir verantwortlich damit umgehen müssen. Wir können nicht sagen: Jetzt machen wir dies, nächstes Jahr jenes, dann schauen wir mal weiter. Wir müssen wissen, wohin wir wollen. Gerade auch in einer Zeit, in der unsere Landeskirche mit weniger Ressourcen auskommen muss.

Sie haben einen theologischen Impuls geschrieben, der mit den Worten endet: „Eine Achtung vor allem Leben könnte heute sogar zum wahren Christusbekenntnis werden. Dann beginnt der echte Wandel des Klimas unserer Welt.“ Ist Christsein immer auch politisch?

Jörg Hübner: Ob man will oder nicht: Christsein ist immer politisch. Jesu Rede, sein Handeln ist politisch, die gesamte hebräische Bibel ist durch und durch politisch. Die Zehn Gebote wurden geschrieben in einer Zeit, in der die Gesellschaft sich spaltete. Das assyrische und das ägyptische Reich gingen unter. Israel blühte, aber die Spaltung zwischen Arm und Reich nahm massiv zu. Dagegen wenden sich zum Beispiel das neunte und zehnte Gebot. Spiritualität, Glaube und Gesellschaftsgestaltung gehören ganz eng zusammen und bilden für mich eine feste Einheit. Solch eine christlich motivierte Gestaltungskraft ist doch etwas Wunderbares. Mit einer großen Motivation an etwas heranzugehen und zu sagen: Uns ist es nicht egal, wie wir leben, uns ist es nicht egal, wie wir mit der Natur umgehen, wie Menschen zusammenhalten, es ist uns nicht egal, sondern wir nehmen es in die Hand.

Dialog zwischen gegensätzlichen Positionen - Evangelische Akademie Bad Boll

Teilnehmer Evangeliche Akademie Bad Boll. Foto: Pressebild Roland HalbeWie politisch kann denn die Akademie sein?

Jörg Hübner: Die Akademie sagt nicht, wir stehen für dieses und jenes und Politik muss so und so aussehen. Sondern wir versuchen, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen. „Im Dialog: Gesellschaft gestalten!“ Das ist unser Motto und unser Credo. Wenn uns das gelingt, dann haben wir unseren politischen Auftrag wahrgenommen. In diesem Sinne begreife ich die Akademie als einen Ort des Dialogs zwischen gegensätzlichen Positionen.

Sie haben seit Juni wieder Gäste im Haus. Wie planen Sie die nächsten Tagungen?

Jörg Hübner: Wir wollen Begegnung und Gespräch ermöglichen. Das macht unsere Arbeit in der Akademie aus. Die Corona-Pandemie hat gerade gezeigt, wie elementar bedeutsam eine persönliche Begegnung ist. Aber es gibt eine wachsende Zahl potenzieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht hierher kommen können. Jene wollen wir genauso teilhaben lassen. Wir müssen uns also um ergänzende digitale Tagungsformate bemühen. Deswegen wollen wir auch Vorreiterin bei hybriden Tagungskonzepten sein. Hybrid heißt zum Beispiel, dass 100 Teilnehmer hier in Bad Boll sind und mehrere Hundert weitere digital zugeschaltet werden. Was das technisch, organisatorisch und von der Moderation her für solch ein neues, lediglich ergänzendes Format bedeutet, wird von uns gerade erarbeitet. Wir gehen die ersten Schritte.

Wieviel Ihrer Tätigkeit ist denn Verwaltung und wieviel inhaltliche Arbeit?

Jörg Hübner: Das lässt sich nicht so einfach trennen. Auch die Frage, welches Geld wo im Haushalt eingestellt wird, oder Personalfragen be-rühren im Grunde Inhaltliches. Mit Verwaltungsarbeit setzen wir inhaltliche Akzente.

Auf welche Veranstaltungen freuen Sie sich besonders?

Jörg Hübner: Ich bin gespannt, was am „Boller Bußtag der Künste“ geschieht. Drei interessante junge Menschen gestalten performative Kunst. So etwas finde ich lebendig und spannend. Dann interessiert mich das Thema der digitalen Transformation unserer Gesellschaft. Dazu wird es mehrere Veranstaltungen geben. Wir diskutieren darüber auch mit Verantwortlichen der Landeskirche. Drittens möchte ich die Jubiläums-Tagung „St. Michael und der Drache“ über den Umgang der Akademie mit der NS-Vergangenheit nennen. Sie findet vom 9. bis 10. Oktober statt.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Jörg Hübner: Auf tolle Kolleginnen und Kollegen, die mit Engagement dabei sind. Ich bin stolz darauf, dass wir gesellschaftspolitische Themen setzen und mitgestalten können und einen Dienst an der Gesellschaft leisten. Wir besitzen ein einzigartiges Renommee, das will ich weiter pflegen. Hier in Bad Boll trifft man gesellschaftlich engagierte Menschen und spürt deren Motivationskraft – das prägt.

Begegnungen an einem besonderen Ort: Café der Akademie am Rand der Schwäbischen Alb.Foto: Pressebild Giancinto Carlucci

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