Christliche Themen für jede Altersgruppe

Chronik des Verlusts - Buß- und Bettag

Wie konnte es zur Abschaffung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag kommen? Der Blick zurück zeigt: es gab Proteste und Unterschriftenaktionen, zwischenzeitlich geriet der Pfingstmontag in den Fokus. Am Ende aber traf es den Buß- und Bettag. Die damalige Diskussion im Spiegel der Gemeindeblatt-Ausgaben aus den Jahren 1994 und 1995.

Der Landtag strich zuerst den Pfingstmontag, dann doch den Buß- und Bettag. Foto: picture-allianceDer Landtag strich zuerst den Pfingstmontag, dann doch den Buß- und Bettag. Foto: picture-alliance

Januar 1994: Erstmals findet sich im Gemeindeblatt ein Hinweis auf eine mögliche Streichung von Feiertagen zur Finanzierung der Pflegeversicherung. Vom Buß- und Bettag ist noch nicht explizit die Rede.

Februar 1994: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) lehnt die Streichung eines Feiertags ab. Hartmut Löwe, Bonner Bevollmächtigter der EKD, erklärt, dass die Kirchen „bisher zur Streichung oder Verlegung eines Feiertags nicht offiziell angefragt“ wurden. Die EKD plädiert für die Streichung eines Urlaubstags. Der Präsident des Diakonischen Werkes, Karl-Heinz Neukamm, hingegen kritisiert den Widerstand der Kirchen gegen die Streichung eines Feiertags für die Pflegeversicherung. Angesichts des Umgangs auch vieler Christen mit Feiertagen könne man sich über eine Streichung „so laut nicht ereifern“, erklärt er.

April 1994: Günther Oettinger, damals CDU-Fraktionschef im badenwürttembergischen Landtag, spricht sich für die Streichung von Bußund Bettag und Fronleichnam für die Pflegeversicherung aus. Beides seien „Brückentage“ ohne den Rang hoher Feiertage und könnten auch an die nachfolgenden Sonntage angebunden werden.

Mai 1994: Nach einer Konferenz der Ministerpräsidenten zeichnet sich ab, dass in den meisten Bundesländern der Buß- und Bettag gestrichen werden soll. Gemeindeblatt-Redakteur Arnd Bäucker kommentiert: „Es hat soweit kommen können, weil die evangelische Kirche ungeschickt und nicht einheitlich taktiert hat.“ Einerseits habe man sich gegen die Streichung von Feiertagen gewehrt, andererseits kein Veto gegen die Pflegeversicherung eingelegt. „Während die evangelischen Kirchenvertreter unterschiedliche Positionen vertraten, hielt man sich auf katholischer Seite schlicht zurück.“

August 1994: Im Gemeindeblatt findet sich die erste Meldung über Unterschriftenaktionen für den Erhalt des Buß- und Bettags. In diesem Fall aus der nordelbischen Kirche.

Oktober 1994: Das Gemeindeblatt berichtet von zwei Stellungnahmen aus Württemberg. Die „Offene Kirche“ hob in einem Schreiben an Ministerpräsident Erwin Teufel hervor, dass der Buß- und Bettag sich vielerorts zu einem Höhepunkt der ökumenischen Friedensdekade entwickelt habe. Der Verband der Chöre und Kirchenmusiker in der Landeskirche betonte, dass viele bedeutende kirchenmusikalische Werke thematisch an den Bußtag gebunden seien.

In der Ausgabe zum Reformationstag kommentiert Gemeindeblatt-Chefredakteur Andreas Rössler: „Dass der einzige verbliebende gesetzliche Feiertag, der spezifisch protestantisch geprägt ist, der Bußund Bettag, der Pflegeversicherung geopfert werden soll, ist nicht zuletzt mangelnder Entschiedenheit und Koordination der evangelischen Kirchenleitungen zuzuschreiben.“

November 1994: Nach Ansicht von Württembergs Landesbischof Eberhardt Renz hat der Buß- und Bettag für die Bevölkerung großes Gewicht. Es stehe einem ganzen Volk gut an, seinen Weg immer wieder zu überdenken und neu zu prüfen, sagt er in der Sendung „Leute“ von SDR 3. Selbst in der Kirche habe man vielfach verkannt, dass an diesem Tag „mehr hängt“.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

In einem Kommentar mit dem Titel „Der letzte Buß- und Bettag?“ schreibt Arnd Bäucker: „Die evangelischen Kirchen sollten sich nichts vormachen. Die Art und Weise, wie die Diskussion verlaufen ist, hat ihnen zumindest unverblümt klargemacht, welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft und in der Einschätzung vieler Politiker genießen.“ Die nun einsetzende Offensive mit Unterschriftenaktionen und Bischofsworten komme wohl zu spät.

In einem Gottesdienst in Tübingen zur Eröffnung der ökumenischen Friedensdekade erklärt der katholische Bischof Walter Kasper, der Buß- und Bettag sei ein ökumenisches Anliegen geworden.

Im Landtag macht Ministerpräsident Erwin Teufel seinen Standpunkt klar, dass er statt der Streichung des Bußund Bettags in Baden-Württemberg eine Streichung des Pfingstmontags favorisiere. Eine Entscheidung trifft der Landtag noch nicht.

ehemaliger Landesbishof Eberhardt Renz, epd-bildBischof Renz fordert die 2,4 Millionen Protestanten in Württemberg auf, sich für den Buß- und Bettag einzusetzen und sich nicht in die „große Koalition der Schweigenden“ zurückzuziehen. Das Gemeindeblatt berichtet, dass die Gottesdienste zum Buß- und Bettag besser besucht waren als in den Vorjahren. In Heilbronn habe ein Spender mit einer Anzeige in der Tageszeitung zum Gottesdienstbesuch am Buß- und Bettag aufgerufen. Mehrere Tausende Menschen hätten eine Petition des Württembergischen Brüderbundes in Böblingen für den Erhalt des Buß- und Bettags unterzeichnet, die an den Landtag gerichtet sei.

Dezember 1994: In seinem „Persönlich gemeint“ zum zweiten Advent schreibt Chefredakteur Andreas Rössler über die vielen Zuschriften von besorgten Christen an das Gemeindeblatt, in denen es heißt: „Tut doch etwas dafür, daß dieser Feiertag erhalten bleibt!“ Das seien „nicht Stimmen solcher, die einfach einen freien Tag behalten wollen, sondern die einen Tag der Einkehr und Umkehr für unverzichtbar halten“.

Muslime für den Buß- und Bettag

Der Islamische Arbeitskreis in Deutschland spricht sich gegen die Streichung des Buß- und Bettags aus. Die Opferung von religiösen Traditionen zugunsten von wirtschaftlichen Interessen sei eine besorgniserregende Tendenz, die von keiner religiösen Gruppe einfach hingenommen werden dürfe.

Der Landtag entscheidet, dass ab 1995 in Baden-Württemberg der Pfingstmontag als Feiertag gestrichen werden soll. Die Kirchen lehnen die Streichung ab. Gleichzeitig loben sie den Einsatz von Ministerpräsident Teufel für den Buß- und Bettag. Der Protest vieler evangelischer Christen sei doch nicht ohne Folgen geblieben, schreibt Arnd Bäucker in einem Kommentar. Es stehe außer Frage, dass damit „der theologisch wichtigere Tag“ bleibe. In Zukunft sei mehr Verständigung, mehr Dialog gefragt, bevor es ans Streichen gehe.

Februar 1995: Ministerpräsident Teufel teilt Verbänden und Kirchenleitungen mit, dass das Land die Streichung des Pfingstmontags wieder rückgängig machen werde und dafür den Buß- und Bettag opfere. Das Maß des Widerstands gegen die Streichung des Pfingstmontags habe er unterschätzt.

Horst Keil, Sprecher der württembergischen Landeskirche, erklärt, dass die Kirchen „bitter erfahren“ hätten, dass sie eine Minderheit seien und als solche die Menschen nicht hätten überzeugen können. Andreas Rössler kommentiert: „So brutal wurde den Kirchen schon lange nicht mehr vor Augen geführt, wie wenig Rückhalt sie tatsächlich in der breiten Bevölkerung haben.“ Freizeitindustrie und Schaustellerverband hätten entscheidende Anstöße dafür gegeben, welche kirchlichen Festtage gesetzliche Feiertage bleiben. In einer Zeit der Verweltlichung bestehe offenbar kein Interesse an einem Tag wie dem Bußund Bettag, der „in seiner Fremdheit ein Stachel im Fleisch der gewöhnlichen Diesseitigkeit“ gewesen sei.

Protestaktionen gab es nicht nur in Württemberg. Dieses im Gemeindeblatt abgedruckte Bild stammt aus Schleswig-Holstein und zeigt einen Aufruf an die dortige Ministerpräsidentin Heide Simonis. Foto: epd-bildProtestaktionen gab es nicht nur in Württemberg. Dieses im Gemeindeblatt abgedruckte Bild stammt aus Schleswig-Holstein und zeigt einen Aufruf an die dortige Ministerpräsidentin Heide Simonis. Foto: epd-bild

September 1995: In einem Erlass der Kirchenleitung werden die Pfarrer für den Buß- und Bettag zu Vormittagsgottesdiensten für Schüler ermutigt, die sich für den Gottesdienst vom Schulbesuch befreien lassen können.

November 1995: Im Vorfeld des ersten Bußtags, der kein gesetzlicher Feiertag mehr ist, hatte das Gemeindeblatt eine Umfrage gestartet, welche Gemeinden an dem Tag trotzdem Gottesdienste feiern. Rund 600 Abendgottesdienste würden angeboten, in 66 Gemeinden gebe es auch vormittags Gottesdienste.

In seinem „Persönlich gemeint“ schreibt Arnd Bäucker: „Ein Feiertag, den es nicht mehr gibt? Das ist nicht richtig. Der Buß- und Bettag ist nicht mehr arbeitsfrei, aber er wird, das zeichnet sich ab, fast allerorts in den Gemeinden der württembergischen Landeskirche begangen.“ Ein letztes Mal sei der Bußund Bettag 1995 im Kalender im Rot des Feiertags gehalten. In seiner alten Form, schreibt Arnd Bäucker, käme der Bußtag nicht wieder. Am Schluss steht ein Appell: „Wir müssen im Alltag vorleben, dass uns die Umkehr zu Gott und das Beten selbstverständlich auch dann wichtig bleiben, wenn in Zukunft der Mittwoch zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag in schlichtem Schwarz erscheint.“

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen