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Da geht etwas verloren - Dialekt, regionale Verbundenheit

Der Dialekt ist ein hörbares Zeichen regionaler Verbundenheit. Doch Kindern und Jugendlichen hört man immer seltener an, in welchem Teil des Landes sie geboren sind, das Schwäbische ist auf dem Rückzug. Ministerpräsident Winfried Kretschmann würde das gerne ändern.

Schwäbisch Symbol Äffle Pferdle. Foto: Alexas_Fotos, pixabayFoto: Alexas_Fotos, pixabay

Wenn Paul versucht Schwäbisch zu reden, dann hört es sich an wie eine Verunglimpfung von Schwyzerdütsch. Ein Phantasiedialekt. Dabei ist der 22-Jährige in Stuttgart aufgewachsen, genau wie seine Eltern, die unüberhörbar einen süddeutschen Zungenschlag haben. Die Großeltern, bei denen Paul als Kind viel Zeit verbracht hat, sprechen noch richtiges Schwäbisch. Was der Opa seinem Enkel auch gern vermittelt hätte: Wenn er Paul gefragt hat, was es im Kindergarten zum Mittagessen gegeben hätte und die Antwort „Karotten“ war, hat er ihn umgehend korrigiert: „Des hoißt net Karotta, des sen gelbe Rüba.“ Paul hat viel vom Opa gelernt, nur Schwäbisch nicht. „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“? Von wegen. Umgekehrt wird ein Schuh draus in dieser Generation.

Denn Paul ist keine Ausnahme. Vor allem in den Städten ist die Mundart unter jungen Leuten extrem auf dem Rückzug. Insgesamt, so schätzen Fachleute, spricht nur noch jedes fünfte Kind in Deutschland Dialekt.

Die Eltern erziehen auf Hochdeutsch

Es gibt beliebte und weniger beliebte Dialekte. Sächsisch und Schwäbisch landen laut Umfragen regelmäßig auf den hinteren Plätzen. Doch selbst in Bayern, das bei solchen Rankings immer vorne liegt, sprechen längst nicht mehr alle Kinder Bairisch. An der Beliebtheit des Idioms kann es also nicht liegen, wenn junge Menschen heute besser Englisch als Hessisch oder Hohenlohisch beherrschen. Eher an der Sorge der Eltern, der Sohn oder die Tochter hätten es im Leben schwerer, wenn sie „Mo“ statt „Mann“ sagen. Dialektsprecher gelten als provinziell, die Sprachfärbung als Karrierehindernis. Im Berufsleben fühlen sich Menschen, denen man ihren Geburtsort anhört, weniger ernst genommen. Zumindest wenn sie schwäbeln – eine Hamburgerin kennt dieses Problem bestimmt nicht, wenn sie über den spitzen Stein stolpert.

Wenn Eltern ihre Kinder so dialektfrei wie möglich erziehen, hat das auch mit eigenen schlechten Erfahrungen zu tun. Die haben oft in der Schulzeit angefangen. Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat in einer Podiumsdiskussion zum Thema „Sprache und Heimat“ davon gesprochen, wie sie als Einwandererkind in Filderstadt Deutsch gelernt hat. Natürlich mit schwäbischem Einschlag. Um dann vom Lehrer auf der weiterführenden Schule in Nürtingen zurechtgewiesen zu werden, sie könnte ja gar kein Deutsch, sondern höchstens Schwäbisch.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat sich ein Wissenschaftlerleben lang mit der Soziologie des Dialekts beschäftigt. Der gebürtige Aalener, der lange Zeit das Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen leitete, hat einmal davon erzählt, wie er sich nach einem Vortrag in Hamburg ein wenig geschmeichelt fühlte, als ihm eine Zuhörerin versicherte, sie hätte ihm noch stundenlang zuhören können. Allerdings: am Inhalt lag das nicht. „Ihr Schwäbisch ist so entzückend“, lautete das zwiespältige Kompliment. Die regionale Färbung macht den Sprecher nahbar und sympathisch, kompetent erscheinen lässt sie ihn nicht.

Junge Menschen. Foto: adobe stock/william87Foto: adobe stock/william87

Dialekt als Makel

Dass der Dialekt als die Sprache der Ungebildeten wahrgenommen wird und nicht als Bereicherung und Zeichen regionaler Identität, hat tiefe Wurzeln. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es die Forderung, dass Gelehrte und Pfarrer keinen Dialekt sprechen sollen. Wo der Intellekt herrscht, hat die regionale Ausprägung der Sprache nichts verloren. Genauso wenig wie heute in den Medien: Dort gibt es zwar Nischen, in denen „Hannes und der Bürgermeister“ ihren Schlagabtausch in Mundart führen oder Dominik Kuhn alias Dodokay sauglatt „Die Welt auf Schwäbisch“ erklärt und eine Bundestagsdebatte mit herbem Idiom unterlegt. Doch der Klangteppich der Gegenwart ist hochdeutsch, sei es im Radio, Fernsehen oder auf Youtube. Er prägt die eigene Sprache mehr als ein auf seinen Dialekt stolzer Großvater.

Wenn der baden-württembergische Minister-präsident interviewt wird, hört man deutlich, woher er kommt. Was im Berufsleben als Hindernis gesehen wird, gilt in der Politik als Zeichen von Volksnähe und Echtheit, so eine Beobachtung von Hermann Bausinger.

Für Winfried Kretschmann, dessen Eltern aus Ostpreußen stammten, war der Dialekt ein Integrationsmotor: Zuhause hat er mit den Eltern Standarddeutsch gesprochen, „auf der Gass dagegen Schwäbisch“. Der Dialekt ist ein Hinweis auf eine örtliche Loyalität. Die funktioniert sogar, wenn die Regionalsprache in der Familie gar nicht praktiziert wird.

2020 hat Kretschmann eine Dialektinitiative gestartet. Ein Ziel: Die Mundart zurück an die Schulen zu holen. „Kinder, die Dialekt sprechen, sollten dort nicht diskriminiert werden“, befindet der Ministerpräsident. Dialekt als Unterrichtsfach, darum gehe es nicht, aber um Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Es gibt jetzt Lehrmaterial, dass die württembergischen Dialekte würdigt und erklärt.

Für Paul allerdings „isch d’Katz dr Bom nuff“. Mit dem Schwäbischen wird es nichts mehr. Jetzt lebt er in München und hat neulich mal das Wort „Schmarrn“ gebraucht. Wenn das bloß nicht der Opa hört. □

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