Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Auge der Nacht – wacht

Seit Menschengedenken ranken sich die Fantasien der Menschen um Sonne, Mond und Sterne. Als räumlich nächstes Himmelsobjekt lag der Mond im Fokus der Betrachtung – als Projektionsfläche, verehrte Gottheit und Forschungsobjekt. Eine Faszinationsgeschichte des Mondes. 


Faszinierendes Bild: Der Mond geht hinter einem Alpenkamm beim Piemontesischen Pramollo unter. (Foto: epd-bild)

In der Genesis, dem ersten Buch Mose, wird im ersten Kapitel die Werdung der Welt beschrieben: Gott schuf Licht und Finsternis, Himmelsfeste und Wasser, Land und Meer, Gras, Kraut und Bäume, Sonne, Mond und Sterne, Vögel, Fische und die Landtiere. Dann den Menschen als Krone der Schöpfung.
Ein poetischer Text – und doch erstaunlich vollständig, vom Gehalt her nah am wissenschaftlichen Bild der Entstehung des Universums und der Erde. Der Text ist mythologisch gefärbt, aber er entmythologisiert auch: „Und Gott machte zwei große Lichter, ein großes, das den Tag regiere, ein kleines für die Nacht, dazu die Sterne. Und Gott setzte sie an den Himmel.“ Geschrieben um 600 vor Christus in der Zeit des babylonischen Exils, hat diese Sichtweise eine aufklärerische Funktion. Die Babylonier verehrten Sonne, Mond und Sterne als Götter – die Hebräer betonten: Gott hat sie gemacht.

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In vielen Kulturen hatte der Mond göttlichen oder quasireligiösen Charakter – oder ihm wurde zumindest Einfluss auf den Verlauf der irdischen Ereignisse zugestanden. Erst die moderne Wissenschaft hat den Mond entzaubert. Doch in den esoterischen Strömungen des 21. Jahrhunderts erfährt der Mond eine Renaissance: in Mondkalendern, biologisch-dynamischer Landwirtschaft und diversen Astralkulten. Das Aufgehen des Mondes in der Esoterik stellt die Frage: Wie beeinflusst der Mond tatsächlich unser Leben?

Über Jahrtausende hinweg war der Mond ein Rätsel, eine „luna incognita“. Der griechische Dichter Aischylos (gestorben 456 vor Christus) sah in ihm „das Auge der Nacht“. In der Götterwelt der Griechen war Artemis die Göttin des Waldes und der Jagd sowie die Personifikation des Mondes. Ihr Zwillingsbruder Apollo hingegen wurde mit der Sonne gleichgesetzt. Bei den Römern wurde aus Artemis Diana, begleitet von den Amazonen, Kriegerinnen und Jägerinnen wie sie selbst.

In fast jeder Kultur wurde der Mond mit einer Gottheit in Verbindung gebracht. Im Hinduismus heißt der Mondgott Soma, bei den Azteken Coyolxauhqui und bei den Inuit Anningan. Siddharta, der Begründer des Buddhismus, soll bei Vollmond unter einem Bodhi-Baum die Erleuchtung erlangt haben.

Bereits in der religiösen Gedankenwelt der altorientalischen Kulturen des ersten vorchristlichen Jahrtausends hatte der Mond eine herausragende Bedeutung. In Mesopotamien, Kleinasien und Syrien-Palästina waren Astralkulte weitverbreitet. Wegen ihrer Präsenz am Himmel galten Mond und Sonne als Manifestation bedeutender Gottheiten. Die Sonne hatte dabei wegen ihrer lebensspendenden Kraft von Wärme und Licht eine herausragende Rolle. Der Mond übte durch seine wandelbare Präsenz eine besondere Faszination aus: sein Zu- und Abnehmen, Verschwinden und Wiederkehren, die Verbindung zum Menstruationszyklus sowie zu Ebbe und Flut.

Die Menschen in den altorientalischen Kulturen waren überzeugt, dass die Mondphasen die Abläufe des Lebens beeinflussen, zum Beispiel Empfängnis und Geburt, aber auch die Fruchtbarkeit von Feldern und Viehherden. Sie hatten eine Ahnung davon, dass das Leben auf der Erde eng mit dem Mond verbunden ist. Möglicherweise wäre ohne den Mond kein Leben auf der Erde entstanden.

Nur durch das Wechselspiel der beiden Himmelskörper konnten die lebensfreundlichen klimatischen Bedingungen auf der Erde entstehen. Der Mond hat mit seiner Gravitation die besondere Neigung der Erdachse stabilisiert und so das Wechselspiel der Jahreszeiten erst möglich gemacht. Und wer einmal bei Ebbe durch eine Wattlandschaft gewandert ist, kann nachvollziehen, wie wichtig die Gezeiten vor Millionen von Jahren für die Ausdehnung der Fauna von den Ozeanen auf das Festland waren. Ohne den Mond wäre die Erde jedenfalls ein völlig anderer Ort.

Im alten Ägypten war Thot der Gott des Mondes und damit auch Stellvertreter des Sonnengottes Re. Als Bewahrer der Weltordnung war er für den korrekten Lauf der Zeit zuständig. Die Sumerer verehrten in der biblischen Stadt Ur (der Geburtsstadt Abrahams, im heutigen Irak) den Mondgott Nanna, den Vater des Sonnengottes Utu.

In der vorexilischen Frühzeit Israels wurde das Erscheinen des Neumondes kultisch gefeiert. Vermutlich kam der Mondkult über Aramäer nach Israel, die in der assyrischen Verwaltung arbeiteten. Im Alten Testament finden sich deswegen zahlreiche Passagen, die sich gegen die Mondverehrung richten.

In den Psalmen wird der Mond mehrmals gemeinsam mit der Sonne als Garant für Beständigkeit genannt (Psalm 72,5; 89,37f.). In Jeremia 31,35 wird die Beständigkeit von Sonne und Mond sogar als Bild für den Bestand des Bundes Gottes mit seinem Volk Israel angeführt. Dabei werden sie jedoch ausdrücklich als von Jahwe eingesetzte und beauftragte Himmelskörper herausgestellt. Die Polemik legt den Schluss nahe, dass der Mond in der Bevölkerung verehrt wurde. Im ersten Schöpfungsbericht wird der Mondgott entmachtet, indem er ausdrücklich als ein von Jahwe geschaffenes und kontrolliertes Objekt bezeichnet wird. (1. Mose 1,14-18) Noch im 180 vor Christus verfassten Buch Sirach wird der Mond gepriesen und zugleich als Werk Jahwes angeführt.

Das als „Auferstehung“ des Mondgottes gedeutete Wiedererscheinen der Mondsichel am dritten Tag bildet auch die Grundlage für die prophetische Verheißung der Auferweckung Israels durch Jahwe am dritten Tag (Hosea 6,2). Jesu Auferstehung am dritten Tag korrespondiert damit.

Der Mond wandert in etwa 29 Tagen durch die Tierkreiszeichen – wozu die Sonne ein Jahr benötigt. Seine Phasen machten ihn zum idealen Himmelszeiger für das Fortschreiten der Zeit und somit zur idealen Grundlage für die Erstellung eines Kalenders. Die Mondphasen ermöglichten die Einteilung der Tage in Wochen und Monate. Durch sein Abnehmen und Wachsen, sein Kommen und Gehen steht er für den Kreislauf des Werdens und Vergehens, für Geburt und Sterben, Tod und Auferstehung.

Etwa mit Beginn des 6. Jahrhunderts vor Christus drängte der Forscherdrang die mythologische Deutung der Himmelserscheinungen in den Hintergrund. Philosophen suchten nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten in den Himmelsbewegungen. Thales von Milet konnte deshalb den Ioniern für den 28. Mai 585 vor Christus eine Sonnenfinsternis voraussagen. Durch seine genaue Prognose wurde die Schlacht zwischen den Lydern und Medern abgebrochen und der Krieg beendet.

In vielen antiken Kulturen wurde der Mond nicht nur verehrt, sondern auch systematisch beobachtet. Vielerorts war dies der Beginn der astronomischen Wissenschaft – begleitet vom Bau astronomischer Observatorien, die mehr waren als bloße Kultstätten. Durch die richtige Deutung der Himmelsereignisse wurden Rückschlüsse auf den Beginn der Jahreszeiten sowie Saat und Ernte gezogen. Auch im mitteleuropäischen Raum waren Astralkulte verbreitet, davon zeugt die Himmelsscheibe von Nebra (1600 vor Christus). Astralkulte liegen im Trend, auch die Mond-Esoterik erlebt einen Aufschwung. Für Bibelleser sollte klar sein: Gott hat den Mond gemacht, als kleines Licht für die Nacht.