Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Diogenes-Projekt

Der Philosoph Sven Stemmer tauschte für ein halbes Jahr seine 85-Quadratmeter-Wohnung mit einem Bauwagen. Auf gut elf Quadratmetern kam er mit 120 Gegenständen aus. Jetzt ist er in seine Wohnung zurückgekeht – und sortiert aus. Auf vieles kann er nämlich verzichten.

Auf die Gitarre möchte Sven Stemmer nicht verzichten. Sie war auch im Bauwagen dabei. (Foto: epd-Bild)

Den Anstoß zum Bauwagen-Projekt bekam er durch einen Besuch in Hannover. Er hatte sich an der Uni eine Ausstellung angesehen. „Da stand auf dem Gelände auch ein Bauwagen“,  der war zur „Mini-Wohnung“ ausgebaut. Stemmer war begeistert. Ein paar Tage später griff er zum Telefon und fragte, ob denn jemand in dem Wagen lebte. „Nein“, hieß es. Das sei nur ein Modell, auf 15 Quadratmetern könne doch niemand leben. Stemmer hätte den Bauwagen für 25.000 Euro kaufen können. Das wollte er nicht. „Aber mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte wissen, ob man so begrenzt gut leben kann.“

Also fragte er in der Uni Detmold bei den Architekturstudierenden nach, ob sie Interesse hätten, so einen Bauwagen zu gestalten. Eine Professorin war begeistert von seiner Idee. Ein alter Bauwagen wurde vom Vater einer Studentin zur Verfügung gestellt. Die angehenden Innenarchitektinnen und -architekten entwarfen verschiedene Konzepte, wie der Wagen innen aussehen sollte.

Im Juni letzten Jahres machte Stemmer Ernst und tauschte seine 85-Quadratmeter-Wohnung mit dem Wagen. Er lebte darin bis kurz vor Weihnachten. 30 Gegenstände nahm er mit: „Ein paar Klamotten, Kaffeemaschine, Geschirr, Laptop, Handy, einen Fotoapparat, Bücher – und meine Gitarre.“

Mit der Zeit wurden es mehr Dinge, die er mit in seinen Bauwagen nahm. „Als sich Besuch ankündigte, brauchte ich mehr Geschirr“, erzählt er. Auch ein Regenschirm kam dazu, als er einmal auf dem Nachhauseweg patschnass wurde. Mit 120 Gegenständen ist er am Ende wieder ausgezogen.

Nach den ersten Tagen in seiner neuen Behausung stellte er fest, dass er innerlich ruhiger und gelassener wurde. „Es war schön eingerichtet, überschaubar und ich hatte einfach viel weniger, um das ich mich kümmern und auch sorgen musste.“ Fließend Wasser hatte er nicht, konnte aber in der Uni duschen. Zum Wäsche waschen ging er in den Waschsalon. Strom war zwar vorhanden, aber er hat sich nichts gekocht. „Das rechnet sich nicht. Für eine Person die Küche in Betrieb zu nehmen ist unrentabel.“ Also ging er zum Essen oft in die Mensa oder in ein Lokal.

„Das Gute an einer so kleinen Wohneinheit ist, dass man sie ruckzuck sauber machen kann“, erzählt er. In 15 Minuten war er mit dem Putzen fertig.

„Ein bisschen hat mich mein Bauwagen an eine Mönchszelle erinnert.“ Jesus, der einfach gelebt hat, hätte auch als Vorbild dienen können. Doch er wählte lieber Diogenes. Und so wurde der Philosoph der Antike Namensgeber des Projekts. „Diogenes war vermutlich der Erste, der die Idee verbreitete, dass Glück durch Verzicht erreicht werden kann.“

Ihm fiel auf, wie sehr er selbst anfällig ist für Werbung. Für Konsum. Darüber dachte er viel nach. „Mir wurde klar, dass Konsum bis zu einem gewissen Grad notwendig ist. Dann gibt es einen Pegel, da ist Konsum noch nett. Aber irgendwann kommt die Stufe, da wird der Konsum total übertrieben“, sagt der Philosoph. „Ich glaube, wir haben das Maß, wo es noch nett ist, längst überschritten.“

Doch was braucht ein Mensch wirklich, um zufrieden oder gar glücklich zu sein? „Ich finde bedenkenswert, was Abraham Maslow dazu sagt“, meint Stemmer. Maslow, der Begründer der humanistischen Psychologie, hat sich viele Jahre mit dieser Frage beschäftigt. Seine Erkenntnisse hat ein unbekannter Autor in eine Grafik umgesetzt: die Maslowsche Bedürfnispyramide.

Zuerst nennt Maslow die so genannten Mangelbedürfnisse. „Dazu zählen die körperlichen Bedürfnisse nach Nahrung und Schlaf, das Bedürfnis nach Sicherheit und nach sozialer Anbindung“, erkärt Stemmer. Es leuchtet ein, dass ein Mensch nicht zufrieden ist, wenn er hungrig oder durstig, müde, einsam ist oder bedroht wird. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, folgen die „Wachstumsbedürfnisse“ wie Anerkennung, Wertschätzung und Selbstverwirklichung.

Es gibt bei diesen Bedürfnissen einen wesentlichen Unterschied: Die „Mangelbedürfnisse“ sind gewissermaßen messbar: Irgendwann ist jemand satt, ausgeschlafen, lebt in Freiheit, muss nicht um sein Leben fürchten und hat eine Familie oder einen Freundeskreis. Bei den „Wachstumsbedürfnissen“ dagegen ist es schwerer zu sagen, wann jemand genug hat.

Sven Stemmer unterscheidet zwischen Bedürfnissen und Wünschen. „Bedürfnisse sind allen Menschen eigen“, sagt er. „Überall auf der Welt gilt, dass ein zufriedener Mensch seine Bedürfnisse weitgehend befriedigt hat. Wünsche dagegen ergeben sich aus den Bedürfnissen der jeweiligen kulturellen Umgebung.“ Als Beispiele nennt Stemmer: „Jeder Mensch will trinken, nicht jeder Mensch muss Cola trinken. Die Lebensversicherung, die Rolex oder ein Gleitschirmkurs sind Wünsche, die auf den Bedürfnissen nach Sicherheit, Anerkennung und Selbstverwirklichung beruhen.“

Bedürfnisse zu verändern dürfte schwierig sein. Aber die Umsetzung dieser Bedürfnisse, die Wünsche, könnten überdacht werden. Einen Mentalitätswandel herbeizuführen, fände er erstrebenswert. „Wir sollten unsere Wünsche dahingehend überprüfen, ob sie intelligent, zukunftsfähig und nachhaltig sind“, fordert Sven Stemmer. Zum Beispiel findet er es weder intelligent noch nachhaltig, wenn sich jemand ein Auto kauft, das dann doch die meiste Zeit herumsteht. „Im Schnitt steht ein Auto 23 Stunden pro Tag. Da ist doch Carsharing intelligenter, es kostet weniger und spart Rohstoffe“, meint er. Nur leider sei es für viele Menschen eben wichtig, ein Auto zu haben – am besten ein ganz tolles. „Die Frage ist aber doch: Legen wir mehr Wert darauf, etwas zu haben oder etwas zu sein?“

Sven Stemmer hat von seinem Projekt profitiert. Er lebt inzwischen wieder in seiner alten Wohnung. Dort stehen derzeit einige Kisten herum. „Ich reduziere. Vor allem Klamotten und Bücher sortiere ich aus.“ Auf seine Gitarre und sein Klavier möchte er nicht verzichten. Auch auf einen guten Füller, bestimmte Bücher und einige Dinge im Retro-Stil legt er Wert.

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