Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Ende des Schweigens

Prügelstrafen, sexueller Missbrauch, Schläge statt Zuwendung: Es sind schwere Vorwürfe, die die ehemaligen Heimkinder von Korntal erheben. Nun soll die Vergangenheit umfassend aufgearbeitet werden. Eine Vergangenheit, die nach Jahrzehnten des Verdrängens nun wieder ganz gegenwärtig ist. Drei Heimkinder und ein ehemaliger Zivildienstleistender erzählen.

Der Anfang zur Aufarbeitung der Heimgeschichte ist gemacht: Mechthild Wolff mit Heimopfer Detlev Zander (links) und Klaus Andersen von der Brüdergemeinde Korntal (rechts). (Foto: Gemeindeblatt)


Martina ist heute 50. Elf Kinder hatten ihre Eltern, um keines konnten sie sich wirklich kümmern. Kaum war sie ein halbes Jahr alt, kam sie ins Kinderheim nach Korntal. Doch die Liebe und Zuwendung, die ihr so bitter fehlt, findet sie auch dort nicht.

Als ihre Erinnerung einsetzt, so um 1969, da war sie vier. Sie erzählt von einem mit heißem Wasser übergossenen Holzkleiderbügel, mit dem sie täglich verprügelt wurde. Von Schlägen „auf die böse Hand“, weil sie Linkshänderin war. Von Sauerkraut, das in sie reingezwungen wurde und das sie anschließend erbrochen hat. „Danach mussten wir das Erbrochene wieder aufessen.“

Fast 20 Jahre hat Martina Poferl im Kinderheim Hoffmannhaus in Korntal verbracht. Beschwert hat sie sich damals nie, nicht einmal geweint. „Wir hatten gelernt, den Mund zu halten und nicht zu heulen.“ Anpassen, unauffällig sein und gehorchen, habe die Devise gelautet.

Als 1978 die verhasste Gruppenleiterin endlich geht und eine neue liebevolle Betreuerin die Kinder zum Spielen in den Garten schickt, da kommt es zu einer seltsamen Situation: Die Kinder stehen wie angewurzelt da und machen gar nichts, „wir wussten einfach überhaupt nicht, wie spielen geht“.

Vor 15 Jahren hat Martina Poferl einen Suizidversuch unternommen, seit 2006 ist sie in psychotherapeutischer Behandlung, ungefähr genauso lange schon berentet. Mit einem Minijob hält sie sich über Wasser und wohnt heute bei Freunden in Stuttgart. Das Leben ist kein Vergnügen für sie gewesen.

Eine ganz andere Geschichte aus dem Kinderheim in Korntal erzählt Alfred Wieland. 66 Jahre ist er heute alt, ein hagerer Typ mit Lederjacke, der lang in Mannheim gelebt hat und heute in Ditzingen zu Hause ist. Seine Eltern haben ihn nicht weggegeben, er ist nur als Tageskind im Heim gewesen, „warum auch immer, so genau habe ich das nie rausgekriegt“.

Jedenfalls wird Alfred jeden Tag gegen acht Uhr ins Hoffmannhaus und in die Schule gebracht und am Abend wieder abgeholt. Schläge bekommt er keine, jedoch eine ganze Reihe fragwürdiger Freundlichkeiten des Hausmeisters. Regelmäßig, so erinnert sich Wieland heute, habe der ihn mit in den Stall mitgenommen und ihn anschließend gebadet: „Weil ich ja so gestunken habe, hat er gesagt.“

Was Alfred Wieland damals, zwischen 1960 und 1965 erlebt, wird ihm erst später seltsam vorkommen. „Wir waren ja nicht aufgeklärt.“ Zwischen 11 und 16 Jahre alt war er, als ihm Hausmeister Fritz diese Vorzugsbehandlung zuteilwerden ließ. Er hat sie phasenweise sogar genossen, „ich war wichtig und bekam besseres Essen als die anderen.“

Heute sagt er, „dass der Hausmeister gewusst hat, wie man es einfädelt“. Es war ein Missbrauch ohne direkte Gewaltanwendung und ohne dass Alfred jemals auf die Idee gekommen wäre, den Täter anzuzeigen. „Er hat mir nicht wehgetan, wir hatten ein gutes Verhältnis.“

Erst viel später wird er seiner Schwester davon erzählen, seine Eltern werden nie davon erfahren, „das wäre nicht gegangen“. Es ist ein Bericht in einer Zeitung über das frühere Heimkind Detlev Zander, der ihn nach Jahrzehnten wieder auf diese Episode seiner Jugend stößt. Und der ihm erst jetzt bewusst macht, dass da einer, der doch ein Freund war, eine Situation schamlos ausgenutzt hat.

Mit Detlev Zander (53) war der Stein ins Rollen gekommen. Erst seine Klage gegen die Brüdergemeinde in Korntal und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit, hat die anderen ehemaligen Heimkinder wachgerüttelt. Auch bei Martina Poferl war das so. Geschichten einer längst vergangenen Zeit, die plötzlich wieder ganz gegenwärtig waren. War das nicht ganz genauso so bei mir? Habe nicht auch ich jahrelang darunter gelitten und geschwiegen?

Auch Detlev Zander musste Erbrochenes aufessen. Wenn etwas nicht schmeckte, so erzählt er heute, dann bekam er erst recht viel davon auf den Teller. Zur Strafe habe man ihn stundenlang in einem dunklen Raum in den Wäschekorb gesperrt und wenn er einnässte, verprügelt. Auch den Hausmeister hat Detlev Zander kennengelernt. Der Fahrradkeller wird ihm ewig in Erinnerung bleiben, dort habe dieser ihn fast täglich sexuell missbraucht. „Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, was wir alles erleben mussten.“

Einer, der sich das alles auch nicht vorstellen konnte, war Ulrich Scheuffele. Der heute 65-Jährige war von 1971 bis 1972 Zivildienstleistender im Kinderheim in Korntal. „Ich bin da bewusst hingegangen, weil ich Christ war und keinen Militärdienst leisten wollte“, erinnert er sich. Doch was er dann erlebt habe, sei für ihn ein Schock gewesen: „Die Kinder wurden als minderwertige Subjekte behandelt, bekamen keinerlei Liebe und Zuwendung.“ Der Heimleiter habe ihn sogar ausdrücklich ermutigt, „ruhig einmal hinzulangen“.

Einmal schreibt Scheuffele einen Beschwerdebrief an das Bundesamt für Zivildienst – und bekommt ihn prompt zurück mit der Begründung, dass er nur bearbeitet werden könne, wenn ihn die Heimleitung gegenzeichne. Der Vorgang verläuft im Sand. Am Ende seiner Dienstzeit entschließt sich der Zivi, „Korntal nie wieder zu betreten“.

Dass er es über 40 Jahre später doch wieder tut, liegt an Detlev Zander und den anderen Heimkindern, denen er bei der Aufarbeitung ihres Schicksals helfen will. Er gründet die Opferhilfe, eine Interessengemeinschaft, die die Anliegen der Kinder von Korntal artikulieren hilft. Die Treffen organisiert, Adressen austauscht und Betroffene ermutigt, sich ebenfalls zu äußern.

An Detlev Zander kann sich Ulrich Scheuffele sogar noch erinnern. „Der Professor“, sei der schüchterne Junge mit der dicken Brille immer genannt worden. Auch an den Hausmeister hat Scheuffele noch lebhafte Erinnerungen. „Der Fritz“ sei sehr nett gewesen, ein fast freundschaftliches Verhältnis habe er zu ihm gehabt.

Der Hausmeister kann aber nicht mehr befragt werden. Er hat sich später in hohem Alter das Leben genommen. Die Heimkinder hoffen nun auf eine umfassende Aufarbeitung der schmerzlichen Vergangenheit (siehe Seiten 6 und 7).



Weitere Informationen über die Opfer im Internet unter www.opferhilfe-korntal.de; www.heimopfer-korntal.de

 

 

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