Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Erbe meiner Mutter

Eigentlich schreibt Lisa Welzhofer Geschichten auf, die ihr andere erzählen. Jetzt hat sie allerdings ihr eigenes Familiengeheimnis in einem Buch gelüftet. Im Gespräch mit Dorothee Schöpfer spricht sie über ihre neu gefundene Identität als Kibbuzkind.


Großvater Hagai, Enkel Viktor und Tochter und Mutter Lisa: Es hat fast 30 Jahre gedauert, bis Lisa Welzhofer ihren Vater kennengelernt hat. (Foto: privat)


„Es waren meine Augen, in die ich gesehen habe.“ So hat Lisa Welzhofer, Jahrgang 1978, über die erste Begegnung mit ihrem Vater geschrieben. Lange Jahre war dieser Vater eine Leerstelle in ihrem Leben. Doch als die Mutter gestorben ist, hat sich Lisa Welzhofer auf die Suche gemacht – und ihn in Israel tatsächlich gefunden. Denn dort, in einem Kibbuz, hatte ihre Mutter als junge Frau ein Jahr verbracht und kam schwanger zurück in die bayerische Kleinstadt, in der Lisa Welzhofer aufgewachsen ist. Gesprochen hat Barbara Welzhofer mit ihrer Tocher Lisa nie über diese Zeit.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Das Buch „Kibbuzkind“ erzählt von den Höhen und Tiefen, die die Redakteurin der „Stuttgarter Nachrichten“ auf der Suche nach dem Vater erlebt hat – und darüber, warum es besser ist, Familiengeheimnisse nicht von Generation zu Generation weiterzugeben. Sie hat das Buch in Briefform verfasst, formuliert als Texte an ihren Sohn Viktor, der seine Großmutter nie kennenlernen konnte, jetzt aber regelmäßig seinen Großvater in Israel oder in Deutschland sieht.

Sie haben Ihren Vater erst mit 29 Jahren kennengelernt. Hatten Sie ihn vorher vermisst?

Lisa Welzhofer: Als Kind und Jugendliche zumindest nicht bewusst. Ich bin eng mit meinen Großeltern aufgewachsen und mein Großvater war eine Art Vaterfigur für mich. Wenn ich jetzt allerdings in meine Kindheit zurückblicke, fällt mir schon manches auf: Dass ich etwa immer wahnsinnig gern zum Spielen bei Klassenkameradinnen war, die in einer klassischen Familienkonstellation aufgewachsen sind – Mutter, Vater, Kind. Und ich habe mir als Kind viele Geschichten ausgedacht und mich da immer in Großfamilien hineingeträumt. Daran erinnere ich mich heute. Aber ich habe mich als Kind nie gefragt: Wo ist denn eigentlich mein Papa?

Auseinandergesetzt habe ich mich mit diesem Thema erst nach dem Tod meiner Mutter. Da wurde die Frage drängender: Wo ist eigentlich mein Vater? Lebt er noch? Und dann habe ich beim Ausräumen unseres Hauses, in dem ich mit meiner Mutter gelebt habe, das Tagebuch meiner Mutter und die Briefe gefunden, die mir die Geschichte erzählt haben.


Von der Existenz dieses Tagebuchs wussten Sie vorher nichts?

Lisa Welzhofer: Nein. Es lag im Keller, im allerletzten Winkel, in dem meine Mutter eine Rumpelkammer eingerichtet hatte. Da lag in einer blauen Reißverschlusstasche dieses Tagebuch aus dem Jahr 1977, ein paar Briefe meines Vaters, ein Foto von ihm und auch ein Prospekt dieses Kibbuz, in dem sich meine Eltern kennengelernt hatten. 


Und dann haben Sie sich auf den Weg gemacht?…

Lisa Welzhofer: Das waren die Indizien. Dass mein Vater in Israel lebt, das wusste ich. Ein einziges Mal haben meine Mutter und ich darüber gesprochen, das war allerdings ein Streitgespräch. Sie hat mir bei diesem Streit   nur gesagt, dass mein Vater in Israel lebt – aber er sich nicht für uns interessieren würde, also müsse ich mich auch nicht für ihn interessieren.

Und das haben Sie dann auch so hingenommen?

Lisa Welzhofer: Ja. Es war klar, dass meine Mutter nicht über meinen Vater reden will, dass es da große Verletzungen gegeben haben muss. So ist dieses Thema für mich zu einem Tabu geworden. Nach ihrem Tod wurde es dann drängend, hat dann aber noch drei Jahre gedauert, bis ich – relativ spontan – den Entschluss gefasst habe, nach Israel zu meinem Vater zu fahren.


Sie sind in einer bayerischen Kleinstadt aufgewachsen. Jetzt ist Israel ein Teil ihrer Herkunft. Ist Ihnen Israel zur Heimat geworden?

Lisa Welzhofer: Das Land spielt in meinem Leben und in meiner Biographie eine wichtige Rolle. Aber es ist keine Heimat für mich, auch wenn ich den Drang habe, dort oft hinzufahren. Es ist die Heimat meines Vaters. Allerdings habe ich oft damit gehadert, dass Israel eine Heimat für mich hätte sein können – und dass man mich dieser Möglichkeit beraubt.


Sie sind als Schülerin eines katholischen Mädchengymnasium in einem christlich geprägten Wertesystem aufgewachsen. Wenn Sie jetzt in Israel sind – prallen da Welten aufeinander?

Lisa Welzhofer: Ich war keine praktizierende Christin, als ich das erste Mal nach Israel gefahren bin. Und war umso erstaunter, wie mich bei meiner Vatersuche die biblischen Orte um den See Genezareth doch berührt haben. Der Kibbuz, in dem meine Eltern sich kennengelernt haben, ist ja dort. Über den Religionsunterricht waren mir diese Wirkungsstätten Jesu sehr vertraut, da kam dann tatsächlich eine Art Heimatgefühl auf. Wenn ich in Jerusalem bin, gehe ich immer in die Grabeskirche, das ist ein sehr besonderer Ort. Man kann nicht in Jerusalem sein und kein Gefühl von Spiritualität bekommen. Das ist ein Ort, der Fragen stellt: An was glaube ich eigentlich?


Sie lüften in Ihrem Buch das Familiengeheimnis des verschwiegenen Vaters, erzählen aber auch über die Herkunft ihrer Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits. Warum haben Sie den Bogen so weit über die Generationen gespannt?

Lisa Welzhofer: Ursprünglich hatte ich das Buch für meinen Sohn geschrieben. als Dokumentation meiner Vatersuche und der Familiengeschichte.  Das ist ja eine vergangene Welt, für meine Kinder sind die 1920er und 30er-Jahre sehr weit weg. Doch auch über das einzelne Schicksal hinaus spiegelt sich darin die Geschichte Deutschlands und Israels im 20. Jahrhundert. Daraus kann man schon etwas lernen.


Sie sind sind Journalistin von Beruf, da wahrt man üblicherweise Distanz. Jetzt haben Sie über sich selbst geschrieben und man kommt Ihnen beim Lesen sehr nahe.

Lisa Welzhofer: Ja, das gehört für mich schon dazu. Wenn ich die Geschichte erzähle, dann muss ich ehrlich über Gefühle sprechen und erzählen, wie es ist, wenn man den Vater erst Ende 20 kennenlernt. Sonst bleibt es oberflächlich. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich das will, dass fremde Leser so viel von mir erfahren. Aber genauso geht es ja auch den Menschen, über die ich als Journalistin schreibe und von denen ich verlange, dass sie sich öffnen. Jetzt war es eben umgekehrt. Auch eine interessante Erfahrung.


Was glauben Sie: Wäre Ihre Mutter stolz auf Sie, wenn sie Ihr Buch hätte lesen können?

Lisa Welzhofer: Ich bin mir nicht sicher, ob sie es gut gefunden hätte, dass diese Geschichte jetzt für jeden zugänglich ist. Die Schwester meiner Mutter hat allerdings gesagt, meine Mutter hätte es gut gefunden, dass ich das Tabu gelüftet hätte. Weil sie selbst es nicht konnte, aber als 68erin daran geglaubt hat, dass man ehrlich miteinander sein muss und alles offenlegen muss. Meinen Vater und meine Großmutter habe ich gefragt, ob sie einverstanden sind, dass ich ihre Geschichte veröffentliche. Meine Mutter konnte ich nicht mehr fragen. Aber ich spüre für mich eine Legitimation, weil diese Geschichte Teil des Erbes ist, das sie mir hinterlassen hat. Sie hat nie mit mir darüber gesprochen, aber das Tagebuch hat sie auch nicht vernichtet – und es so letztendlich mir überlassen, mit dieser Geschichte umzugehen. Das war jetzt mein Weg.

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen