Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das gelobte Estland

Vor über 150 Jahren wurde im baltischen Estland das östlichste Luther-Denkmal der Welt errichtet. Die Stalinisten zerstörten es 1949, jetzt soll es wieder aufgebaut werden. Die Geschichte eines kleinen ­Landes, mit dem auch viele Württemberger eng verbunden sind, wie das Beispiel von Irene Hahn-Hökh aus ­Ammerbuch-Pfäffingen zeigt. 

Irene Hahn-Hökh mit Erinnerungsstücken aus Estland. (Foto: Gemeindeblatt)


In diese Zeit fällt die Geschichte eines ganz besonderen Denkmals. Irene Hahn-Hökh hat sie bei sich wieder entdeckt, als sie versuchte herauszubekommen, welche Spuren der Reformation es in Estland gibt.

1862 hatte der deutschbaltische Baron Georg von Meyendorff auf seinem Gut ein 6,50 hohes Luther-Monument errichten lassen. Ein evangelisches Bekenntnis, das eigentlich noch deutlicher hätte ausfallen sollen: Denn ursprünglich war das Denkmal auf dem Domberg in Reval geplant, wie Tallinn, die Hauptstadt Estlands, damals hieß. Doch die russischen Machthaber erlaubten es nicht und errichteten später dort jene orthodoxe Alexander-Newski-Kirche, die heute zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Tallinns gehört.

Luther hingegen stand auf dem Land, rund 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt in Keila, gut sichtbar postiert an der Hauptstraße, damit die Menschen ihn sehen konnten. Sie sahen ihn und kamen, übrigens nicht nur die Deutschen, sondern auch die Esten.

Denn Georg von Meyendorff hatte etwas ganz Außergewöhnliches gemacht für seine Zeit: Die Inschriften am Sockel des Denkmals waren in estnischer Sprache geschrieben, das erste Mal überhaupt, dass im öffentlichen Raum so etwas geschehen war. „Die lutherischen Pastoren“, sagt Irene Hahn-Hökh, „brachten die estnische Schriftsprache auf den Weg.“

Auch ihre Mutter konnte Estnisch. Wer im Land blieb, musste die Sprache beherrschen, nachdem Estland 1920 unabhängig geworden war. Da lagen schlimme Zeiten hinter den Deutschbalten. Nach der Russischen Revolution 1917 kam es zu Ausschreitungen. Eines der Opfer war Pfarrer Traugott Hahn. Im Januar 1919 war der lutherische Theologe in Dorpat von den Rotarmisten ermordet worden, wenige Stunden, bevor die Stadt von estnischen Truppen befreit wurde.

Irene Hahn-Hökhs Mutter konnte sich noch gut an Traugott Hahn erinnern, den Landsmann und Nachbarn. Der bis zuletzt mutig weitergepredigt hatte, obwohl es längst verboten war. Später sollte Margarethe Brehde Briefkontakt mit Traugott Hahns Sohn Wilhelm Hahn pflegen. Der wurde 1909 ebenfalls im estnischen Dorpat geboren und später Kultusminister in Baden-Württemberg.
Das Luther-Denkmal in Keila blieb auch erhalten, als die deutschen Barone nach 1920 ihre Ländereien abgeben mussten. Die Landreform betraf die Familie von Irene Hahn-Hökh kaum, „meine Vorfahren waren keine Gutsherren, sondern Förster“, erzählt sie.

Und so blieben viele Deutschbalten bis 1939 in Estland wohnen, als sich der Wind abermals zu drehen begann. Im Hitler-Stalin-Pakt hatten Russen und Deutsche Polen und das Baltikum unter sich aufgeteilt: Die baltischen Staaten gingen an Russland und die Unabhängigkeit der Esten war nach nicht einmal 20 Jahren wieder vorbei.

Die Deutschbalten gingen nun endgültig: Auch die verbleibenden Mitglieder der Familie von Meyendorff brachen auf – und schenkten das Luther-Denkmal der evangelisch-estnischen Gemeinde. Die konnte sich nur kurz darüber freuen: Am 4. Dezember 1949 zerstörten es russische Einheiten „und eine Zeit des roten Terrors“ begann, wie viele Esten heute sagen.

Vor den Russen floh auch die Mutter von Irene Hahn-Hökh. Von Estland ging es über Wien in den so genannten Warthegau, der heute in Polen liegt. Dort wurde Irene Hahn-Hökh am 2. Juli 1944 geboren. „Ich bin ein Kind des Hitler-Stalin-Paktes“, sagt sie etwas ironisch. Der Pakt sollte nicht lange halten, sondern bald in einen großen Weltkrieg übergehen, der  1945 dann auch ihre Familie fliehen ließ.
Über Umwege kam sie schließlich nach Württemberg, wo eine neue Existenz aufgebaut werden musste. Die Mutter arbeitete als Kunsterzieherin, die Tochter später als Lehrerin. 1984 machten sie einen Traum wahr und reisten gemeinsam nach Estland.

Es war in einer Zeit, als das Land noch sowjetisch regiert war und in ihrem Hotel in Tallinn der Geheimdienst KGB eine Etage belegte. Die Reise war dennoch ein großer Erfolg, eine Spurensuche voller Nostalgie und Begegnungen.

Sechs Jahre später starb Margarete Brehde im Alter von 82 Jahren. Irene Hahn-Hökh reiste noch zwei weitere Male nach Estland, das Thema sollte sie nicht mehr loslassen, im Reformationsjubiläumsjahr 2017 hielt sie mehrere Vorträge über die Geschichte in Estland. „Meine Mutter hat mir oft von den Luther-Feierlichkeiten 1917 erzählt und der Russischen Revolution, die im gleichen Jahr stattfand.“ 1991 wurde Estland ein zweites Mal unabhängig. Eine Auferstehung aus Ruinen und nach vielen Verwundungen, die es in der Sowjetzeit gegeben hatte.

Viele Wunden sind zwischenzeitlich geschlossen. Nun soll bald auch eine andere Wunde geheilt werden, die der Sowjet-Kommunismus hinterließ. Vor einigen Jahren hat sich eine Initiative gegründet, die das Luther-Denkmal in Keila wieder errichten will. An ihrer Spitze steht der 68-jährige Rein Siim, der wenige Monate vor seiner Zerstörung geboren wurde.

Nun sammelt er Geld für seinen Wiederaufbau an der alten Stelle und in alter Größe. Runde 300.000 Euro wird das vermutlich kosten, ein kleines Modell ist bereits angefertigt worden. Eigentlich wollte man 2017 zum Reformationsjubiläum schon so weit sein, doch das hat nun nicht geklappt. Der neue Termin heißt 2019.

Eine Gedenktafel mit dem Foto steht seit 2010  an Ort und Stelle. Für die Menschen ist der Symbolwert hoch, ein Ausdruck estnischer Identität, wo doch das alte Denkmal nach der Zerstörung in eine Stalin-Büste verwandelt wurde, wie man überall lesen kann. „Eine schöne Anekdote“, sagt Rein Siim, „aber sie stimmt nicht.“ Die Leute erzählen sie halt gerne, weil sie ins neue Weltbild passt, in dem es für die sowjetische Zeit keinerlei Sympathien gibt.

reinsiim(at)gmail.com