Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Gleichgewicht proben

Das Dorf Mägerkingen auf der Schwäbischen Alb hat 1100 Einwohner. 75 Flüchtlinge leben dort gemeinsam mit ihnen. Kurden und Araber, Palästinenser und Eriträer, Afghanen, Mazedonier, Serben, Christen und Muslime bekriegen sich dort nicht. Sie spielen zusammen mit Deutschen Theater. 


Wohin des Weges?, heißt das Theaterstück mit Flüchtlingen.Foto: Julia Klebitz)



2014 kamen die ersten Flüchtlinge – und mit ihnen nicht nur neue Gesichter, die in der Dorfgemeinschaft noch unbekannt waren, sondern auch neue Geschichten, Traditionen und Lebenswirklichkeiten. Wie soll das gehen? Das alles miteinander zu vereinen, ohne dass das Gleichgewicht im Ort außer Kontrolle gerät? Das ist keine leichte Aufgabe. Dennoch scheint sie geglückt.

Dass so viele Flüchtlinge nach Mägerkingen kommen sollen, habe sich schnell herumgesprochen damals, erzählt eine Frau, die an diesem Morgen im Rathaus zu tun hat. Und auch, dass das mit der Integration gut klappe, hört man. Sogar Integrationsministerin Bilkay Öney hat schon im Ort vorbeigeschaut, weil es dort so gut läuft. Ob es tatsächlich keine Probleme gibt mit den vielen Ausländern und ihren Bräuchen und Kulturen? „Wir wohnen etwas außerhalb, nicht in Mägerkingen direkt“, sagt die Frau. „Aber gehört haben wir bisher nichts Negatives. Es wird also wohl alles klappen.“ Länger unterhalten möchte sie sich nicht.

Knapp 100 Meter weiter sitzt Martin Rose in seinem Büro. Der Pfarrer hat einen schönen Blick in den Bauerngarten, der an die Kirche angrenzt und selbst bei Regen eine Ruhe ausstrahlt. Rose ist sehr engagiert in der Flüchtlingsarbeit. Er lädt „die Gäste“, wie er sagt, in den Gottesdienst ein, besucht sie regelmäßig, arbeitet im Asylkreis für die Integration, weist im Gemeinderat auf die Wohnraumproblematik hin.

Rose gehört zu denen, die glauben: „Wir schaffen das gemeinsam.“ Und das, so vermittelt er einem, nicht nur weil es sein Job ist, daran zu glauben. „Natürlich gibt es Leute, die sich nicht direkt mit den Flüchtlingen auseinandersetzen, die nichts mit ihnen anfangen können“, sagt Rose. Ein Problem sieht er darin nicht. Denn der Großteil sei sehr engagiert, sehe die Gäste als Bereicherung. „Die Gegner halten sich zurück“, sagt Rose.

Der Pfarrer kennt nicht nur seine Gegner und seine Gemeinde, er kennt auch die Flüchtlinge sehr gut. Araber, syrische Palästinenser, Eriträer, ein junger Mann aus Nigeria, Muslime und Christen – sie alle leben in Mägerkingen und in der Stadt Trochtelfingen zusammen. „Die meisten gehören einer Randgruppe an“, erklärt Rose. Er erzählt von Fatima, Alaa und Rashad Yahia. Die drei sind staatenlos, sind ursprünglich palästinensischer Herkunft, geboren in Syrien. „Dort fühlten sie sich immer als Menschen zweiter Klasse“, sagt Rose.

„Orientalische Gruppen und ihre Kirchen haben mich schon zu Studienzeiten sehr interessiert“, sagt er, als die Tür zu seinem Büro aufgeht. Anette Rose, die Frau des Pfarrers, holt den Familienhund zum Spaziergang ab. „Wir sind heute ein bisschen später dran als sonst“, sagt Rose und lacht. Der Vorabend war lang. Die ganze Pfarrersfamilie stand in Melchingen mit einem Team des Theaters Lindenhof auf der Bühne. Die Hauptdarsteller waren jedoch nicht Anette, Martin und die elfjährige Tochter Noemi Rose oder Franz Xaver Ott vom Theater, sondern neun Flüchtlinge aus der Kirchengemeinde.

Vor einem Jahr war das Lindenhof-Team auf den Pfarrer zugekommen. „Mensch Rose, lass uns doch zusammen ein Projekt machen“, hätten Franz Xaver Ott und Regisseur Oliver Moumouris gesagt. Der Pfarrer ist sofort begeistert gewesen. Die Theater-Lindenhof-Truppe ist bekannt für ihre Projekte, bei denen sie gemeinsam mit Laien auf der Bühne steht. Mit Schülern, Anwohnern des französischen Viertels in Tübingen oder eben auch mit Flüchtlingen, zeigt sie regelmäßig, dass das Theater eine gemeinsame Sprache und Bühne liefert für das Aufeinanderzugehen, das gemeinschaftliche Erlebnis. Auch im Stück „Wohin des Weges“ geht es um Gemeinsamkeiten. Darum, wie die Deutschen und ihre, wie Rose sagen würde, Gäste mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammen leben können.

Jian Haj Suleiman und ihr 14-jähriger Bruder Javan sind zwei der Darsteller. Bei ihrer Familie möchte Rose noch einen kurzen Besuch machen, bevor sie sich am Abend zur nächsten Aufführung wiedersehen. Der Pfarrer sucht einen Regenschirm, nimmt den Hinterausgang, um die Pfarrsekretärin nicht bei der Arbeit zu stören. „Sie organisiert die Kleiderkammer. Das ist keine leichte Aufgabe. Vor allem, wenn sie Kleiderspenden ablehnen muss, weil die Sachen von einem Opa einfach nicht für einen 20-Jährigen geeignet sind – auch wenn der ein Flüchtling ist“, sagt Rose und läuft durch den Regen.

Er überquert die Hauptstraße. Es geht vorbei an Fachwerkhäusern. Ein kleiner Weg führt auf eine Anhöhe zu einem renovierten Bauernhaus. In fröhlichem Gelb ist es gestrichen. Im Eingangsbereich liegen acht, vielleicht zehn Paar Schuhe. Die meisten gehören Kindern. Das dreijährige Nesthäkchen der Familie Suleiman schaut neugierig die Treppe nach unten, die zum Wohnbereich führt. Der Junge trägt einen roten Pullover mit Weihnachtsmotiv darauf – aus der Kleiderkammer.

„Kann ich hochkommen?“, ruft Rose. Auch die syrische Familie ist an diesem Morgen etwas später dran. Es gibt kurdischen Kaffee mit Kardamom. Jian freut sich, dass sie am Vorabend mit Anette Rose getanzt hat und ist beeindruckt davon, wie ihre Schauspielkollegin Alaa Yahia vor großem Publikum gerappt hat. „Mit Blick ins Publikum“, ergänzt Rose. Keine Selbstverständlichkeit für eine junge muslimische Frau. Es gebe schon Vermutungen, ob sie vielleicht auch bald ihr Kopftuch ablegen würde.

Bei den Suleimans trägt niemand Kopftuch. Die fünf Kinder sitzen mit ihrer Mutter auf dem Sofa im Bauernhaus und lachen. Nur Jian sieht ernst aus. Sie schauen sich die Theaterbroschüre an, die frisch aus dem Druck kommt. Porträts aller Mitwirkenden sind darauf zu sehen. Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft und unterschiedlicher Glaubensauslegungen in ihren Heimatländern Feinde wären. Auf die Frage, ob sie vor dem IS aus Syrien geflohen seien, sagt Javan: „Vor den Arabern.“ Bei denen, die seiner Familie Unheil und Schmerz antun, sieht der kurdische Junge keine Differenzen. Beim Theaterspielen auf der Alb hat er auch arabische Freunde und muslimische Freunde aus Nordafrika, Freunde, die Christen sind.

Seine alten Freunde, die vermisse er natürlich, erzählt er in perfektem Deutsch, das er seit einem Jahr in der Schule im Nachbarort lernt. „Wir waren mal neun“, sagt der 14-Jährige. „Jetzt sind wir noch acht Freunde.“ Einige der Familien sind wie seine eigene geflüchtet vor dem Terror. Einer der Jungen ist dabei ums Leben gekommen.

Javan weiß das alles von Facebook. Er erzählt es erschreckend sachlich. Der Junge hat viel gesehen und erlebt während der Flucht. Auch seine Schwester Jian klinkt sich jetzt ins Gespräch ein. „Da war eine Frau an der Grenze“, erzählt sie. „Die ist gerannt und gerannt. Sie hat ihr Baby auf dem Arm liegen gehabt. Plötzlich ist es runter gefallen. Die Frau ist einfach weiter gerannt. Sie konnte nicht stehen bleiben.“

Ein Foto in der Theaterbroschüre hat Jian an diese Situation erinnert. Die Frau habe ihr Baby später wieder gefunden. Es ging ihm gut. So gut es einem Kind auf der Flucht gehen kann. Auch der jüngste Sohn der Suleimans hat die Strapazen und schrecklichen Erlebnisse scheinbar halbwegs gut verkraftet. Der Dreijährige geht offen und neugierig auf die Fremden zu, die an diesem Tag bei seiner Familie zu Gast sind. Der Junge hat das Down-Syndrom. Im Nachbarort Mariaberg würde er einen Platz in einem speziellen Kindergarten bekommen. Vorausgesetzt, die Familie zieht nicht mehr weiter.

Während die Kinder ihre Geschichte erzählen, ist ihr Vater im Ruhrgebiet bei Verwandten. Auch sie sind geflüchtet. Im Ruhrgebiet soll die Familie wieder zusammen kommen. Gleichzeitig wissen die Suleimans, dass es ihnen in Mägerkingen gut geht und ihnen viele Chancen offen stehen. Ob die Reise für die Gäste auf der Alb weitergeht? Wohin ihr Weg sie führt, ist noch offen.


Information

Wohin des Weges. Ein Theaterprojekt mit Flüchtlingen. So heißt das Stück, das im Theater Lindenhof in Kooperation mit der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Trochtelfingen aufgeführt wird. Zu sehen ist es am 15. und 16. Juli im Theater Lindenhof, Unter den Linden 18, 72393 Burladingen-Melchingen. Karten gibt es unter Telefon 07126-9293-94, Montag bis Freitag von 10 bis 13 Uhr, an Veranstaltungstagen 18 bis 19 Uhr (Sonntag 17 bis 18 Uhr) oder per E-Mail: karten@the ater-lindenhof.de. Internet: www.theater-lindenhof.de