Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Handwerk des Geistes

Arbeitet ein Kirchengemeinderats-Gremium anders als ein kommunaler Gemeinderat? Immerhin sollen Kirchen­gemeinderäte auch geistlich leiten. Viele ­stellen aber zunehmend die Frage, wie das ­aussehen soll. Auf diese Frage gibt es viele Antworten, eine perfekte Lösung gibt es nicht. 


Ein Kreuz in der Kongresshalle zeigt: Hier tagt ein kirchliches Gremium. (Foto: Pressebild/Gottfried Stoppel)

In der Landessynode gibt es eine noch junge Tradition. Um die Mittagszeit wird die Tagung unterbrochen, ganz gleich, wie hitzig die Debatten gerade sein mögen. Dann wird eine Kerze entzündet. Das ist das Zeichen, dass das Mittagsgebet beginnt: „Auf der Höhe des Tages halten wir inne, …“ Losung, Stille, Lied, Vaterunser, Segen. Der Vormittag ist meistens anstrengend, da tut ein solches Innehalten allen gut. Ausgerechnet beim Schwerpunkttag „Geistlich leiten – vom Geist geleitet“ Anfang Juli in Ulm gab es das Mittagsgebet nicht. Vielleicht deshalb, weil der Tag ja eher meditativ und weniger diskursiv angelegt war.

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Was also ist geistliche Leitung? Ein Gremium leiten ist für den Nagolder Dekan Ralf Albrecht zunächst Handwerk. Das sieht er ganz nüchtern. Ob ein Kirchengemeinderat jedoch geistlicher ist als ein Stadtrat, darüber will er sich kein Urteil anmaßen.

Ihm ist jedoch wichtig, dass sich der Kirchengemeinderat nicht nur mit Immobilienkonzepten beschäftigt, sondern er lässt in den Sitzungen immer Raum für Theologisches. „Das Miteinander von Menschen in unterschiedlichen Religionen“ war eines der Themen in jüngster Zeit.

Und wie leitet er selber? Die Bibel hilft ihm dabei. Während der Beratung des Nachtragshaushaltes (Finanzen sind nicht wirklich sein Thema, sagt er selber) bei der Synodal-Tagung hat er innerlich in der Bibel gelesen und ein Wort in Kohelet 7 gefunden: „Denn wie Geld beschirmt, so beschirmt auch Weisheit; Wissen aber gewinnt Weisheit.“ Bibelworte helfen ihm bei Entscheidungen.

Albrechts Dekanskollege Ernst-Wilhelm Gohl (Ulm) ist vor allem die Gelassenheit wichtig. „Ich unterscheide zwischen den letzten und vorletzten Dingen.“ Und was bedeutet das im Alltag? Jesus sei der Leiter der Kirche. „Das heißt: Nicht ich muss die Kirche retten.“ Diese Haltung löse vor allem Verkrampfungen.

Zur Gelassenheit rät auch der Leiter des Gemeindekollegs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Reiner Knieling. „Gottes Reich wächst von selbst“, sagte er vor der Synode in Ulm. Jesus Christus habe den Aufbau seines Reiches mit dem natürlichen Pflanzenwachstum verglichen. Die Kirche sollte deshalb neu lernen, mit ihrer Unvollkommenheit umzugehen.

Knieling kritisierte, dass die evangelische Kirche geistliches Wachstum außerhalb ihrer Organisation zu wenig im Blick habe. Konfessionslose seien keineswegs immer religionslos, manche von ihnen ließen sich als „spirituelle Nomaden“ beschreiben. In der modernen Gesellschaft sei es wichtig, einen „allzu selbstsicheren Glauben und einen allzu selbstsicheren Unglauben“ infrage zu stellen.

Doch was bedeutet geistlich leiten für einen Pfarrer, der keine Gemeinde leitet, sondern einer der Geschäftsführer des Evangelischen Medienhauses (Stuttgart) ist. Die knappe Antwort von Jürgen Kaiser: „Ich rechne mit Gottes Willen.“ Das ist eine Grundhaltung in seinem Leben. Bei der Arbeit überlege er immer, ob das, was er gerade tue, dem Geist Jesu entspricht. Sein Konfirmationsspruch („Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“) und der Trauspruch von ihm und seiner Frau („Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“) helfen ihm dabei.

Kirchenrätin Gisela Dehlinger leitet die Abteilung Gemeindeentwicklung und Gottesdienst im Evangelischen Bildungszentrum Württemberg. Nach ihrer Beobachtung wird das Thema geistlich leiten seit fünf Jahren angesprochen. „Es kam auf, als die ersten Gemeinden fusionierten.“ Neue Fragen wurden gestellt. Was brauchen Gemeinden, um ihre Identität als neue Gemeinde zu finden? Solche und ähnliche Fragen werden  an sie herangetragen. „Es geht um eine Haltung. Die Gremien wollen nicht nur die Tagesordnung abarbeiten, sondern fragen nach ihrem Auftrag.“

Gisela Dehlinger will hier keine fertigen Antworten geben, sondern nur Anstöße; die Antworten finden die Gemeinden selber. Etwa mit Hilfe einer Gemeindeberatung. Der Theologin sind dabei vier Themen wichtig: Vertrauen, Lassen, Erwarten, Wertschätzen. Diese Themen werden  mit den Gremien anhand von biblischen Texten erabeitet. Dehlinger geht es in erster Linie ums Einüben. Manche Kirchengemeinderäte tun sich damit schwer, „vor allem die, die beruflich pragmatisch unterwegs sind“.

Für Gisela Dehlinger ist klar, geistlich leiten heißt, sich auf Unsicherheit einlassen. Das ist nicht immer einfach. Doch das Thema wird immer wichtiger. Da ist sich die Theologin sicher. Im Moment sei das noch keine Massenbewegung. Aber das Interesse wachse.

Vor sechs Jahren hat die EKD das Heft „Geistlich Leiten – Ein Impuls“ herausgebracht. Doch schon damals war es schwer, die richtige Balance finden. Der Leiter des Projektbüros Reformprozess im Kirchenamt der EKD, Thorsten Latzel, schrieb in seinem Beitrag, vielerorts gebe es in der Kirche einen Wunsch nach Leitung, aber nicht danach, geleitet zu werden. „Strategische Leitung“ und „inhaltliche Richtungsentscheidung“ seien zwar sehr gefragt. Andererseits falle es offenkundig schwer, diese „strategische Leitungsfunktion“ wahrzunehmen – ohne entweder in ein „rein formales Operationalisieren“ oder ein „normatives Übertheologisieren“ zu verfallen.

Doch seither hat sich vieles verändert. Das Pfarrerbild ist ein anderes, die Gremien werden selbstbewusster und suchen nach ihrem Fundament – dem biblischen Fundament.


Information

„Geistlich gegründet – Gemeinde leiten“ heißen Einkehrtage für gewählte Vorsitzende von Kirchen­gemeinderäten und Kirchenbezirkssynoden. Stift Urach (Anmeldung: Telefon 07125-9499-0, ­E-Mail: info@stifturach.de): 17. bis 18. November 2018, 25. bis 27. Januar 2019. Evangelische Tagungsstätte Löwenstein (Anmeldung: Telefon ­07130-4848-0, E-Mail: info@e-tl.de): 12. bis 13. Oktober 2018 für Tandems – Gewählte Kirchengemeinderats-Vorsitzende und Pfarrerinnen und Pfarrer, 22. bis 24. März 2019 für gewählte Kirchengemeinderats-Vorsitzende; 11. bis 12. Oktober 2019 für Tandems – ­Gewählte Kirchengemeinderats-Vorsitzende und Pfarrerinnen und Pfarrer.

Informationen auch bei: Evangelisches Bildungszentrum, Referat ­Kirchengemeinderatsarbeit, Hans-Martin Härter, Telefon 0711-45804-9420 oder -9421, E-Mail: Hans-­Martin.Haerter@elk-wue.de und im Internet unter www.kirchengemeinderatsarbeit.elk-wue.de