Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Herz öffnen für sich selbst

Wenn der Schweiß ausbricht, der Puls rast und einem eng ums Herz wird, dann hat etwas von uns Besitz ergriffen: Angst. In der Bibel verkünden die Boten Gottes aber immer wieder die Liebe Gottes mit den Worten: „Fürchtet euch nicht.“ Hilft also die Liebe gegen die Angst? 


Manchmal gelingt der Durchbruch zu den eigenen Gefühlen und zum Herzen beim Malen. Davor fühlen sich Angst­patienten wie hinter einer Glasscheibe. (Fotos: epd-bild)


Und schließlich formuliert er den berühmten Satz: „Liebe, und tu, was du willst.“ Denn ein Mensch, der liebt, überwindet alle Furcht, bewahrt sich die Möglichkeit, das Göttliche im Menschen zu finden und wird daher immer so handeln, dass es den Erfordernissen der Liebe entspricht. Wer liebt, macht also nicht einfach das, was er will, sondern was die Liebe will, und die ist ohne Furcht und Angst.

Klingt das naiv? Was sagt zum Beispiel ein Angst-Fachmann wie Franz Ruppert, Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, dazu? Die Frage, ob er dem Satz, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Angst, etwas abgewinnen könne, beantwortet Ruppert ganz klar mit Ja. Der psychologische Psychotherapeut begründet dies so: „Denn der Hass oder Aggressionen allgemein sind die Folgen von Angst. Insbesondere dann, wenn die Angst so groß ist, dass sie droht, uns hilflos und ohnmächtig zu machen.“

Angst ist aber nicht immer nur die gewaltige Bedrohung, die Menschen in einen Teufelskreis zieht. Angst sei zunächst nur ein Gefühl, das seine Berechtigung hat, sagt Ruppert. Denn es informiere über eine Bedrohung, die tatsächlich da ist. „Jede Angst hat daher einen spezifischen Grund“, sagt Ruppert. „Daher ist die Frage, ob wir dieser Bedrohung und ihrer Ursache begegnen können, ob wir uns zum Beispiel schützen oder auch eine Gefahr für andere abwenden können.“

Allerdings gibt es Bedrohungen, die so überwältigend sind, dass wir uns ihnen nicht entziehen können. Dann helfe oft nur, dass wir die Bedrohung aus dem Bewusstsein verdrängen, um weiter mit der Gefahr leben zu können. Ein klassisches Trauma entsteht.

Beispiel: Wenn ein Kind mit gewalttätigen Eltern zusammenleben muss, dann muss es seine Hilflosigkeit psychisch abspalten und so tun, als hätte es keine Angst. „Aber die Angst ist damit nur geleugnet“, sagt Psychotherapeut Ruppert. „Sie ist weiterhin permanent im Hintergrund des psychischen Erlebens vorhanden.“ Diese Angst werde dann zum Beispiel auch leicht aktiviert, wenn das Kind wieder in eine bedrohliche Lage kommt, beispielsweise in der Schule im Verhältnis zu einem Lehrer oder den Mitschülern.

Solche verdrängten Ängste aus der Kindheit nehmen viele Menschen mit ins Erwachsenenleben. „Deshalb sind viele Menschen leicht zu verunsichern, selbst wenn sie unmittelbar nicht existenziell so bedroht sind, wie in ihrer Kindheit“, erklärt Ruppert. Wenn Ängste auftauchen, rät er daher, sich immer die Frage zu stellen: „Passt diese Angst zu dem, was ich gerade erlebe? Oder ist das eine alte Angst, die ich von früher mit mir herumschleppe? Befinde ich mich damit noch in einer Situation, die ich innerlich noch nicht abschließen konnte?“

Ein Teufelskreis der Angst besteht laut Franz Ruppert nur, „wenn wir Ängste spüren, deren Ursprung wir nicht verstehen“. Wenn die Angst also nur noch als Gefühl gespürt wird, losgelöst von ihrem Ursprung, und der eigentliche Täter, der einem schadet oder geschadet hat, aus dem Bewusstsein verdrängt ist. Wer aber in so einen Teufelskreis der Angst geraten ist, der kommt mit Liebe allein nicht heraus, betont der Psychologieprofessor.

Das Herz zu weiten, um so der Enge zu entgehen, funktioniere nicht, wenn es sich um Ängste handelt, deren Ursprung verdrängt wurde. „Das wäre nur der Versuch, auf eine eiternde Wunde ein Pflaster zu kleben, ohne die Wunde zu heilen“, sagt Franz Ruppert und gibt ein Beispiel: Wenn die Angst vor Fremden, etwa jetzt vor den Flüchtlingen, eine Folge der erlebten Unsicherheiten der eigenen Kindheit ist, dann helfe es nicht, sein Herz für Flüchtlinge zu öffnen. Die eigenen Ängste blieben weiter bestehen und würden nicht ernst genommen.

Franz Ruppert schlägt einen anderen Weg vor, der aber dann doch auch etwas mit Liebe zu hat – und zwar mit Selbstliebe. Er sagt: „Meist geht es nach meiner Erfahrung zunächst darum, das Herz für sich selbst zu öffnen, für die alten, noch nicht verarbeiteten Wunden der Kindheit.“ Und Ruppert fügt hinzu: „Dann kann ich mein Herz auch für andere öffnen, ohne mich dabei weiter selbst zu ignorieren und zu verlieren, indem ich anderen helfen will.“ Es mache auch keinen Sinn, sein Herz für die Täter zu öffnen, die einem die Wunden zufügen oder zugefügt haben, warnt Ruppert. Auch das führe zur Selbstverleugnung. „Und dann nehme ich mich und meine Ängste nicht ernst.“

Liebe allein reicht also als Therapie nicht aus. Hilfreich ist sie aber allemal in der Öffnung des Herzens für sich selbst, um unbewusste Ängste zuzulassen. Aber kann die Liebe dazu dienen, erkennbare Ängste zu überwinden und psychisch gesund zu bleiben? Für Franz Ruppert spielt hier ein zweiter Begriff eine Rolle: Wahrhaftigkeit. Vor allem müsse man wahrhaftig sich selbst gegenüber bleiben. Niemand dürfe so tun, als wäre alles in bester Ordnung, obwohl man immer noch verleugnen müsse, was einem alles an Vernachlässigung oder Gewalt vielleicht auch von den eigenen Eltern angetan wurde.

Wer sich so verhalte, sei nicht im Reinen mit sich selbst. „Dann kann ich auch in meinen Beziehungen nicht im Reinen mit anderen sein und spiele anderen genauso etwas vor, wie ich mir selbst etwas vormache“, sagt Franz Ruppert. „Dann tue ich so, als wäre in meiner Partnerschaft und Ehe oder in meinem Beruf alles gut, obwohl ich mich hier nur anpasse, und meine Bedürfnisse sowohl nach Nähe wie nach Freiheit gar nicht zum Ausdruck bringen und leben kann.“

Der Umkehrschluss und die Forderung nach Wahrhaftigkeit hat am Ende vielleicht auch etwas mit Liebe zu tun. Liebe in dem Sinne, dass ein Mensch in der Lage ist, sich selbst und die Menschen um ihn herum gut zu heißen und Ja zu sagen. Denn Franz Rupperts Erfahrung ist: „Wer zu sich selbst und seinen eigenen Grundbedürfnissen uneingeschränkt Ja sagen kann, der kann auch mit anderen konstruktiv und liebevoll zusammenleben.“