Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das höchste Gebot

Impuls zu Markus 12,28-34 (Predigttext zum Isrealsonntag 2019) von Kirchenrat Wolfgang Kruse, Referent für Fort- und Weiterbildung, Stuttgart

Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese. (Markus 12,28-31)


Ungefähr zur Zeit Jesu besuchte ein Nichtjude Schammai, einen der größten jüdischen Gelehrten der damaligen Zeit, und sagte: „Ich möchte Jude werden, aber unter einer Bedingung: Lehre mich die ganze Tora, während ich auf einem Bein stehe.“ Schammai war empört über die Frechheit des Mannes, denn ein Mensch kann ein Leben lang die Tora studieren und immer noch dazulernen. Also jagte er den Nichtjuden mit einem Stock aus der Synagoge. Kühn ging der Mann zu Hillel, einem Kollegen von Schammai, und sagte: „Ich möchte Jude werden, aber unter einer Bedingung: Lehre mich die ganze Tora, während ich auf einem Bein stehe.“ Hillel sah ihn an und antwortete: „Gut, das werde ich tun.“ Der Mann stellte sich auf einen Fuß, und Hillel belehrte ihn: „Was dir zuwider ist, das tu keinem anderen an. Das ist die ganze Tora. Geh jetzt und studiere sie.“ Der Mann ging hin und studierte sein Leben lang. Diese Geschichte aus dem Talmud erzählt davon, dass es immer schon Menschen gab, die gerne die Tora zusammengefasst oder ein Ranking der wichtigsten Gebote hätten. So auch der Schriftgelehrte, der Jesus nach dem höchsten Gebot fragt. Und es ist kein Wunder, dass Jesus die Gottesliebe und die Nächstenliebe als Essenz seiner Heiligen Schrift nennt: Das jüdische Glaubensbekenntnis „Sch’ma Jisrael – Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein“ und das Gebot der Nächstenliebe aus 3. Mose 19,18. Das „Sch’ma Jisrael“ ist ein kurzes Bekenntnis und doch drückt es das Wesentliche des jüdischen Glaubens aus:

Gott hat einen Bund mit dem Volk Israel geschlossen, er ist „unser“ Gott. Dieser Gott ist einzig. Und es ist immer derselbe Gott. Gott, der die Welt erschaffen hat. Der Abraham aus Ur in Chaldäa gerufen hat. Der das Volk Israel aus Ägypten befreit hat, der als Wolkensäule tags und als Feuersäule nachts das Volk durch die Wüste begleitet hat bis hinein in das gelobte Land. Der die Propheten berufen hat, der am großen Versöhnungstag seinem Volk die Sünden vergibt und der sein Volk ins Exil begleitet hat, bis in die vielen Verfolgungen, ja bis nach Auschwitz. Und nicht wenige Juden sind in Auschwitz mit dem Sch’ma Jisrael auf den Lippen ermordet worden. Es fällt auf, dass zwei hebräische Buchstaben im Sch’ma Jisrael immer größer geschrieben sind als die anderen. Wenn diese zusammen gelesen werden, ergeben sie das Wort „ed“, das sowohl Ewigkeit als auch Zeugnis heißen kann, so dass man sagen kann, diese Worte sind für Israel ein ewiges Zeugnis. Das Sch’ma Jisrael umfasst aber nicht nur diesen einen Satz. Dem grundlegenden Bekenntnis folgt ein ebenso grundlegendes Gebot: „Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Gott mit ganzem Herzen lieben – das heißt beten. Gott mit der ganzen Seele lieben – das heißt, ihm etwas von der eigenen Lebenskraft geben. Und Gott mit ganzem Vermögen lieben – das heißt, für die Armen und Unterdrückten zu sorgen. Jesus steht ganz in der jüdischen Tradition. Deshalb nennt er neben dem Gebot der Gottesliebe auch das Gebot der Nächstenliebe. Wir Christen sind

in diese Tradition mit hineingenommen. Nicht um das Volk Gottes zu ersetzen oder zu beerben, wie die Kirche über Jahrhunderte gelehrt hat, sondern um wie der Nichtjude in der Talmudgeschichte zu lernen, mit unseren jüdischen Geschwistern und von unseren jüdischen Geschwistern. Die Tora-Lernwochen in unseren Gemeinden sind ein gutes Beispiel dafür. Aber nicht nur gemeinsam lernen, sondern auch gemeinsam handeln ist wichtig – zum Beispiel die vielen Initiativen in Israel und Palästina zu unterstützen, die sich für Frieden und Verständigung einsetzen. Das ist viel sinnvoller als irgendwelche Boykott-Aufrufe gegen Waren aus Israel zu verbreiten. Der Israelsonntag erinnert uns daran, dass wir Christen unseren Glauben nicht ohne unsere jüdischen Geschwister leben können.

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