Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Das Nichts zelebrieren“

Bereits 18 Mal hat Birgid Weller aus Winnenden gefastet. Die Ärztin begleitet einmal im Jahr eine Fastengruppe im Kloster Kirchberg und fastet auch mit. Weil sie auch mal aufs Essen verzichtet, weiß sie dieses umso mehr zu schätzen. Das hat auch Auswirkungen darauf, wie sie beispielsweise eine Kartoffelsuppe serviert. Außerdem führt der Verzicht dazu, dass alte Schätze zum Vorschein kommen. 


Ein schön gedeckter Tisch mit Stoffservietten und Kristall­gläsern – und das alles wegen einer Kartoffelsuppe und Mineralwasser. (Foto: Gemeindeblatt)

Die Gebete vor und nach den Mahlzeiten, das „Zelebrieren des Nichts“, wie Weller es nennt, das ist sehr wichtig.Einerseits, weil es Gemeinschaft stifte, andererseits gebe es dem Essen aber auch eine Bedeutung: „Es macht einen dankbar, und es schult Achtsamkeit und Genuss.“ Das sei der Gegensatz zum Fastfood vor dem Fernseher. Und es mache ihr auch im Alltag bewusster, dass es etwas Besonderes ist, wenn man überhaupt eine Kartoffelsuppe zum Essen hat. Zudem fühlt sie sich reich – reich beschenkt, selbst dann, wenn es „nur“ Gemüsebrühe gibt. Die Gebete vor und nach der Fastenmahlzeit machen sie „froh und dankbar“. Doch das war nicht immer so. In früheren Jahren kam ihr das Beten auf dem Kirchberg schon etwas viel vor. „Da habe ich gedacht: Jetzt kommst du vom Mittagsgebet – und nun betest du schon wieder!“ Inzwischen hat sich ihre Sicht auf die Gebete geändert. „Die vielen Gebete sind wichtig und richtig.“

Was sich beim Fasten auf der äußeren Ebene abspielt, hat für Birgid Weller auch eine geistliche und eine körperliche Dimension. „Aus der Medizin weiß man, dass das Gehirn neurostoffwechselmäßig durch das Fasten auf spirituelle Erfahrungen vorbereitet wird.“ Das Glückshormon Serotonin steige beim Fasten. Das erkläre beispielsweise die Fasteneuphorie. Außerdem werde man dünnhäutiger und aufnahmefähiger für spirituelle Erfahrungen.

Der Verzicht aufs Essen löse bei vielen Menschen darüber hinaus regelrechte Kreativitätsschübe aus. Einmal war der die Fastentage leitende Pfarrer durch den Wald gejoggt, als ihm ein Lied zum Motto der Fastentage in den Sinn kam. In der Gruppe sang er es vor. „Das war wie ein Geschenk an uns alle. Keiner hat das Lied vor uns gehabt und keiner nachher.“ Die Melodie und den Text weiß sie noch heute – und fängt gleich an zu singen. Die Melodie hat sich eingeprägt, weil Weller geübte Chorsängerin ist – und die Fastengruppe das neue Lied ständig gesungen hat.

Für Birgid Weller hat das Fasten aber auch eine ganz praktische Dimension: „Wir können nur genießen, wenn wir Mangel kennen und verzichten können.“ Beim Fasten komme es darauf an, dass man die „Leere gestaltet, damit wir uns füllen können“. Manchmal hat sie beim Fasten den Eindruck, dass sie in ihrem Körper durch die fehlende Nahrungsaufnahme viel Platz habe für geistliche Erfahrungen.

Und die gibt es reichlich: Sei es in der Gemeinschaft der Mitfastenden, sei es bei den geistlichen Gesprächen. Manchmal jedoch komme die Wirkung auch erst nach der Fastenwoche so richtig zum Tragen: „Es ist wie ein Seelenbeben, analog zum Erdbeben: Festgestampfter Boden wird aufgewühlt, manchmal kommen alte Schätze zum Vorschein.“ Bei einigen Malen hat es Birgid Weller erst zehn, 14 Tage nach der Fastenwoche so richtig „verschüttelt“, wie sie sagt. Im vergangenen Jahr  tauchte dann ein alter, fast vergessener Schatz wieder auf: der Jugendtraum vom Theologie treiben. Deshalb hat sie inzwischen eine Ausbildung zur Prädikantin begonnen.