Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Prinzip Versöhnung

SCHWENNINGEN (Dekanat Tuttlingen) – Dieter Brandes hat das Konzept der „Heilung durch Erinnerung“ über zwei Jahrzehnte in den Krisenländern dieser Welt erprobt: um verfeindete Gruppen zu versöhnen, sei es in Rumänien oder in der Demokratischen Republik Kongo. Der frühere Stadtpfarrer hat sein Lebenswerk jetzt in einer Doktorarbeit zusammengefasst.

Dieter Brandes  in Bukavu beim Kurs „Gitarren statt Gewehre“. (Foto:  privat)

Hannover, Tübingen, Chicago, Tailfingen, Berlin, Sibiu, Ruanda, Burundi – und immer wieder Schwenningen. Würde man das Leben von Dieter Brandes auf einer Weltkarte nachzeichnen, ergäbe sich ein ziemlich weit gespanntes Netz mit einem Zentrum im Süden Württembergs. Der Theologe und Betriebswirt, geboren 1945, ist viel herumgekommen. Eine Konstante gibt es jedoch im von zig Stationen geprägten Berufsleben: Seit er in den 1980er Jahren Stadtpfarrer in Schwenningen war, ist dort der Familiensitz. Egal ob er als Geschäftsführer unterschiedlicher diakonischer Werke gearbeitet hat, Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks in Leipzig war oder sich in Rumänien für Versöhnungsarbeit in Südosteuropa eingesetzt hat: Der Fixpunkt ist das Haus, in dem seine beiden Kinder großgeworden sind und er mit seiner Frau lebt.

Dort hat er in den vergangenen fünf Jahren auch seine Promotion verfasst: Eine 600 Seiten starke Arbeit mit dem Titel „Das Amt der Christen für Versöhnung“. Mit 76 Jahren hat er sie eingereicht an der Theologisch-orthodoxen Fakultät im rumänischen Sibiu, das früher einmal Hermannstadt hieß. Warum so spät, warum gerade dort? „Mir war es ein Bedürfnis, meine Erfahrungen aus den zwei Jahrzehnten zusammenzufassen, wie Versöhnung zwischen verfeindeten Gruppen gesellschaftlich gelingen kann“, sagt Dieter Brandes bei einer Tasse Kaffee in der Caféteria des Landesmuseums in Stuttgart. Später hat er noch einen Termin im Landtag: Sein Wissen über Versöhnungsarbeit und seine Kenntnisse über Ostafrika sind gefragt.

Dass er seine Doktorarbeit mit 76 Jahren in Sibiu verteidigt hat, kommt nicht von ungefähr: Hier hat sich ein Kreis geschlossen. In Rumänien hat er 2004 im Auftrag der Vereinigung der protestantischen Kirchen in Europa (CPCE) damit begonnen, Vertreter unterschiedlicher Gruppen ins  Gespräch zu bringen: Orthodoxe, Katholiken, Prostestanten, Muslime. Deren Konflikte hatten zwar ein religiöses Aussehen, waren aber oft historisch und kulturell über eine lange Zeit gespeist. Diese Erfahrungen aus der Vergangenheit zu Gehör zu bringen, sich dabei respektvoll zuzuhören um dann in einen Dialog zu kommen, ist ein Verfahren, dass Bischof Desmond Tutu und andere in Südafrika entwickelt haben. Nur wer seine schmerzvollen Erinnerungen erzählen und aufarbeiten kann, hat die Chance zur Versöhnung. Für Dieter Brandes funktioniert diese Idee des von gegenseitigem Respekt getragenen Zuhörens nicht nur zwischen zwei Menschen, sondern ist auf größere Gruppen übertragbar. In Konferenzen und Workshops kamen die Minderheiten in Rumänien zu Wort. Und zwar in ihrer jeweiligen Muttersprache, sei es serbisch, slowakisch, ungarisch oder deutsch. Sein damaliger Assistent ist Sibiu wurde zu seinem Doktorvater.

Bis zu seinem Ruhestand 2011 hat Dieter Brandes als Beauftragter des Weltkirchenrats die Versöhnungsarbeit in Südosteuropa und in Ostafrika vorangetrieben, danach ist er im Dienst einer Stiftung noch viele Male dorthin gereist. „Versöhnung bedeutet nicht Mission“, das ist dem Theologen wichtig. „Gemeinschaft lässt sich nicht durch Rechthaberei wieder herstellen, sondern nur durch Respekt vor dem anderen.“ Zuzuhören, ohne Ratschläge zu geben, das fällt manchem Pfarrer schwer, weiß Dieter Brandes. Er kann das mittlerweile gut. □

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