Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Staunen bleibt - Landesbischof Frank Otfried July über seinen Lieblingspsalm - Psalm 8

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ – Diese Frage, vor zweieinhalb Jahrtausenden schon gestellt, ist auch heute noch aktuell, findet der württembergische Landesbischof. Der Vers erinnert ihn an ein Jugendlager in Schweden und an die Verletzlichkeit menschlichen Lebens. Warum Psalm 8 zu einem seiner Lieblingspsalmen geworden ist.

Am Sternenhimmel sehen wir die Größe Gottes. Foto: Free Fotos, pixabayAm Sternenhimmel sehen wir die Größe Gottes. Foto: Free Fotos, pixabay

In der Serie „Mein Lieblingspsalm“ schreibt in Teil 1: Landesbischof Frank Otfried July über Psalm 8.

Landesbischof Frank Otfried July. Foto: PressebildJugendlager in Schweden 1970, an einem großen See. Es war ein bunter Abend gewesen. Nun war es still und wir lagen im Schlafsack verpackt und schauten in den vollkommen klaren, von Sternen übersäten Nachthimmel. Zudem gab es eine Fülle von Sternschnuppen. Irgendwann haben wir aufgehört, sie zu zählen. Ein Moment der Erhabenheit und der Unendlichkeit legte sich über uns. Dann sagte plötzlich einer der Jugendleiter: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?”

Der Psalmbeter führt diese Erfahrung der Unendlichkeit, der Größe und Weite und die Erfahrung menschlicher Begrenztheit, Verletzlichkeit und menschlichen Leidens zusammen. Die Fragen nach Gott und Mensch sind vor zweieinhalb Jahrtausenden ebenso staunend gestellt worden wie heute: in einer Zeit, in der wir über Größe und Grenze künstlicher Intelligenz nachdenken, eine Generation der atemberaubenden Kommunikationsformen geworden sind, immer weitergehende kosmische Forschung erleben, uns aber auch in der Unverfügbarkeit einer Pandemie wiederfinden. Von den Kriegs- und Fluchtbildern dieser Welt wäre noch zusätzlich zu erzählen. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?”

Das Staunen bleibt, das Fragen auch. Freilich ist das staunende Fragen keines in einen leeren Raum hinein. Der Psalm rühmt die Hoheit Gottes, rühmt die Macht Gottes, das Bollwerk für die Schwachen und Unbeschützten. Ja, gerade die jungen Kinder und Säuglinge sind Künder dieser errettenden Macht. Natürlich kommt uns in der nachweihnachtlichen Zeit das Kind in der Krippe in den Sinn: verwundbar, verfolgt, verlacht, leidend.

Ausleger sagen uns, dass das Bild von den Kindern und Säuglingen auf das leidende, verspottete und bedrängte Gottesvolk hinweist. Gott gedenkt seines Volkes, Gott gedenkt der Menschen. Gottes Name, sein Gedenken ist der Schutzraum des Menschlichen. Er spricht dem Menschen eine unvergleichbare Würde zu: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.” Aber er übergibt ihm auch eine unvergleichbare Verantwortung: „Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk ...“ Die brennenden Wälder am Amazonas sind ein Bild, das sich tief eingräbt. Es zeigt, wie Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Jeder und jede von uns kann eigene innere und äußere Bilder hinzufügen. Das ruft uns zur Demut.

Dieser Psalm ist ein großartiges Gebet mit vielen einprägsamen Bildern: Himmel, Mond und Sterne, Kinder und Säuglinge, Schafe und Rinder, wilde Tiere, die Vögel und Fische und alles dunkle Meeresgetier – fast wie ein Ausmalbogen für Kinder, den man mit verschiedenen Farben ausgestalten kann. Ob in der Kinderkirche oder unter Erwachsenen – dieser Psalm kann im Menschheitsgespräch zur Geltung kommen: im Staunen über die Schöpfung, im Fragen nach Würde und Verantwortung des Menschen, im Beklagen der Feindschaft, im Glauben und Loben der tragenden und mitgehenden Wirklichkeit Gottes. Dieses Gespräch ist immer wieder zu führen in einer Gesellschaft, die nach Orientierung sucht.

Dieser Psalm 8 stößt in einer großen Konzentration die Tür ins Weite auf. Deshalb bete ich ihn gerne. Wie damals in Schweden, so auch heute noch, immer wieder aufs Neue. Herzenslob und Verstandeslob.

„Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen ...!“

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Psalm 8:

Die Herrlichkeit Gottes und die Größe des Menschen
1
Ein Psalm Davids, vorzusingen, auf der Gittit.
2 Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!
3
Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.
4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
7
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan:
8
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,
9 die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.
10
Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen …!