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Das zweite Wohnzimmer - Inklusives Cafe "Kaffeehäusle"

REUTLINGEN – 1984 war das Kaffeehäusle eines der ersten inklusiven Cafés in Deutschland. Der Treff mit den feinen Kuchen zwischen Volkspark und Pomologie ist nach wie vor beliebt. Dass hier Menschen mit Behinderungen arbeiten, ist ganz selbstverständlich.

Stefanie Krug vor der Theke im Kaffeehäusle. Foto: Nicole MartenStefanie Krug vor der Theke im Kaffeehäusle. Foto: Nicole Marten

Der Gastraum des Kaffeehäusles ist an diesem Nachmittag gut besetzt. Die Stimmung ist locker. Fast könnte man meinen, die Pandemie sei weit weg. Doch die Tische stehen mehr auf Abstand als sonst, selbstverständlich zeigen alle Gäste ihren Impfnachweis vor. Nur wer am Tisch sitzt, trägt keine Maske. Als ein Mitarbeiter die Getränke bringt, stellt er das Tablett auf den Tisch: Jeder Gast muss sich sein Glas selbst nehmen. Das gefalle ihm gar nicht, lässt er wissen, am liebsten bedient er die Gäste nämlich direkt. Er ist einer von sechs Mitarbeitenden, die über die Bruderhaus Diakonie beim Kaffeehäusle angestellt sind. Die hat hier so genannte betriebsintegrierte Arbeitsplätze der Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Die Plätze sind beliebt.

Nicht nur die Gäste mögen das Kaffeehäusle. Auch die vielen Ehrenamtlichen, die hier mitarbeiten, und die zwei Hauptamtlichen, die das Café betreuen, schätzen ihren Arbeitsplatz. Das Kaffeehäusle sei für alle „wie ein zweites Wohnzimmer“, sagt Stefanie Krug, die Leiterin.

Für jeden gibt es einen Platz

Hier treffen sich ganz unterschiedliche Menschen: Angestellte der Handwerkskammer verbringen im Kaffeehäusle ihre Mittagspause, Mütter mit kleinen Kindern sind bei schönem Wetter vorzugsweise im Garten, weil es dort einen Sandkasten gibt. Rentner kommen zum Stammtisch, Geschäftsleute sind da und Frauen, die gemeinsam stricken, häkeln oder nähen. Für Krug ein Zeichen dafür, dass das Café ganz selbstverständlich dazu gehört.

Als das Kaffeehäusle 1984 eröffnet wurde, war diese Entwicklung nicht abzusehen. Ein Café, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten? In dem jede und jeder sich so einbringen kann, wie es den eigenen Gaben und Möglichkeiten entspricht?

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Mitte der 80er-Jahre war dieser Gedanke noch neu, und das Kaffeehäusle eines der ersten inklusiven Cafés in Deutschland. Was die Lebenshilfe da anfing, wurde argwöhnisch beobachtet. Viele Menschen hatten große Vorurteile. Beispielsweise, dass Behinderte doch keine Kaffeetasse tragen können.

Davon ist heute nichts mehr zu spüren. „Viele vergessen, dass es hier Mitarbeitende mit Behinderung gibt“, hat Stefanie Krug beobachtet. Und genau das sei echte Inklusion: Dass es darauf gar nicht ankommt. Selbstverständlich werden Menschen nicht mit Aufgaben betraut, die sie nicht leisten können. Wenn jemand nicht lesen und schreiben kann, wird er keine Bestellungen entgegennehmen. Aber dann gibt es andere Tätigkeiten. Beispielsweise bedienen. „Es gibt für jeden einen Platz“, sagt Krug.

Dass das Kaffeehäusle ein Ort ist, wo Behinderung keine Rolle spielt, zeigt sich noch an anderer Stelle. Die Mitarbeitenden mit Behinderung dürfen selbstverständlich mitbestimmen. Beim Klausurtag im Herbst sind deshalb alle dabei. Und entscheiden gemeinsam mit den Hauptamtlichen über die Geschicke.

Alexas Fotos. Foto: pixabay  Alexas Fotos. Foto: pixabay

Im Kaffeehäusle wird regional und saisonal gekocht und gebacken. Das kommt an. Als zu Beginn der Corona-Pandemie die Gaststätten schließen mussten, war auch das Café zu. Die Mitarbeitenden haben mehr als 1000 Handzettel in der Nachbarschaft verteilt und fürs Essen zum Mitnehmen geworben. Das Echo war groß. „Wir waren von der Resonanz überwältigt“, sagt Stefanie Krug.

Überwältigt war sie auch, als im vergangenen Jahr viele kleine und große Spenden eingingen – eine sogar in Höhe von 10 000 Euro. Und so blickt Krug positiv in die Zukunft. Denn in Reutlingen gibt es viele, die das Kaffeehäusle gut finden – und es erhalten wollen.

◼ Kaffeehäusle, Alteburgstraße 14, Telefon 07121-203-80-83. Geöffnet Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr.