Christliche Themen für jede Altersgruppe

Debatte ums Vaterunser

Die sechste Bitte im Vaterunser sorgt seit Monaten für öffentliche Debatten. Dabei geht es im Kern um die Frage, ob Gott selber Menschen in die Versuchung führt und damit zum Bösen verleitet. Die Kirchen in der französischsprachigen Schweiz beten deshalb seit Ostern: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. In unserer Serie wird das Vaterunser aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

In Deutschland bleibt das Vaterunser, wie es ist. Das Foto zeigt den EKD-Ratsvorsitzenden, Heinrich Bedford-Strohm (links) und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx. (Foto: epd-bild)
 
Begonnen hat alles vor fünf Jahren mit einer kircheninternen Debatte in der französischen katholischen Kirche. Sie brachte eine Neuübersetzung der sechsten Vaterunser-Bitte auf den Weg. Dabei ging es nicht um eine sprachlich bessere Formulierung, sondern um das Gottesbild. Was bedeutet eigentlich die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“? Führt Gott etwa selber Menschen in Versuchung und fordert damit dazu heraus, Böses zu tun?
Im Französischen war diese Bitte ursprünglich schärfer als im Deutschen formuliert. Sie lautete: „Unterwirf uns nicht der Versuchung“ („Ne nous soumets pas à la tentation“). Die neue Übersetzung lautet nun: „Lass uns nicht in die Versuchung geraten“ („Ne nous laisse pas entrer en tentation“). Damit soll ausgedrückt werden, dass Gott uns vor dem Bösen schützt und uns keineswegs dazu verleitet.

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Nachdem die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung im Vatikan 2013 ihre Zustimmung zu der neuen Fassung erteilt hatte, sprachen sich die katholischen Bischöfe Frankreichs vor einem Jahr dafür aus, die Neuübersetzung in öffentlichen Gottesdiensten zur Pflicht zu machen. Sie gilt seit 1. Advent des vergangenen Jahres. Gleichzeitig übernahmen die französischen Protestanten die neue katholische Fassung.

Auch Belgiens katholische Kirche änderte den alten französischsprachigen Text. Die neue Version gilt seit knapp einem Jahr. Die kleine Vereinigte Protestantischen Kirche in Belgien wird diese Frage nicht zentral diskutiert.

In Luxemburg halte man sich generell an die im jeweiligen Ursprungsland der Sprache gültige Version, teilt Roger Nilles vom luxemburgischen Erzbistum mit. Demnach gilt in den französischsprachigen Diözesen seit Ostern die neue Version des Vaterunsers. Die luxemburgische und die deutsche Version bleiben jedoch zunächst wie gehabt.

An Ostern wurde auch in der französischen Schweiz das neue Vaterunser eingeführt. In den Kirchen der deutschsprachigen Schweizer Gebiete bleibt es bei der traditionellen Fassung.

In die Schlagzeilen hat das Vaterunser jedoch erst Papst Franziskus gebracht. Gegenüber der Zeitung Bild am Sonntag sagte der Papst, „führe uns nicht in Versuchung“ sei eine schlechte Übersetzung, weil nicht Gott den Menschen in Versuchung stürze. „Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“ Der Papst sprach sich deshalb für eine neue Übersetzung aus.

Dafür bekam er heftigen Widerspruch – auch aus den eigenen Reihen. Ob eine Übersetzung gut oder schlecht sei, entscheide sich schließlich nicht an der Übereinstimmung mit einer theologischen Überzeugung, sondern am Text, der übersetzt wird, schrieb der katholische Theologie-Professor Gerd Häfner (Freiburg) in einem Beitrag für die Zeitschrift Christ in der Gegenwart.

In Deutschland wird an der Vaterunser-Übersetzung nicht gerüttelt. Darin sind sich die beiden großen Kirchen einig. Die Evangelische Kirche in Deutschland verteidigt den Gebetstext in der Form, wie er auch in der Luther-Bibel 2017 enthalten ist.

Auch die katholische Deutsche Bischofskonferenz will von einer Neuübersetzung nichts wissen. Sie begründet das theologisch. Aus der Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ spreche nicht der Verdacht, „Gott könne wollen, dass ein Mensch scheitert, sondern der Glaube an seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“.


Stichwort: Vaterunser

Das Vaterunser ist das wichtigste christliche Gebet. Es stammt von Jesus und ist im Matthäusevangelium (6,9?–?13) und im Lukasevangelium (11,2?–?4) überliefert. Die etwas längere Fassung aus dem Matthäusevangelium ist auch die Grundlage für das dritte Hauptstück im Katechismus nach Luther und  Brenz (Evangelisches Gesangbuch, Nummer 834,3). Wahrscheinlich lehrte Jesus seine Jünger das Gebet auf Aramäisch oder auf Hebräisch. Der genaue Wortlaut lässt sich jedoch nicht rekonstruieren.