Christliche Themen für jede Altersgruppe

Dem Himmel nah

Auf Bergen ist man Gott etwas näher. Dessen sind sich viele Menschen sicher. Sie fühlen es so, es gibt ihnen Halt. Dennoch stellt sich die Frage, ob diese Empfindung eine Erfahrung oder eher eine Sehnsucht ist. In der Bibel jedenfalls spielen Berge immer wieder eine bedeutende Rolle.

Auf dem Berg begegnet man in besonderer Weise dem Göttlichen, das scheint eine Grunderfahrung der Menschen zu sein. Heilige Berge gibt es in fast allen Religionen: der Kailash in Indien, in Japan der Fujiyama, der Kilimandscharo in Afrika, in Australien der Ayers Rock, bei uns der Kyffhäuser.

Berge stellen einen Punkt dar, an dem Himmel und Erde sich gleichsam berühren. Die Schönheit und Majestät der Berge berühren die Seele des Wanderers. Berggipfel sind Orte, an denen es höher nicht geht. Wo man dem, was uns übersteigt, am nächsten ist. Bergwanderungen, besonders in großer Höhe, sind eine ganzheitliche Erfahrung, da wird der Mensch mit Leib und Seele gefordert. Aufstieg ist zugleich Abstieg in innere Tiefen. Es kann deshalb zu religiösen Erfahrungen kommen.

In der Umwelt der Bibel begegnet in den verschiedenen Schöpfungsgeschichten immer wieder ein Weltenberg, sozusagen der Beginn einer über einer Urflut schwebenden beginnenden Welt; Spuren davon finden sich in der Bibel. Und daher finden wir Sakralbauten immer wieder auf markanten Gipfeln, ob wir an die Wurmlinger Kapelle oder die württembergische Grabkapelle auf dem Rotenberg denken, den Parthenon auf der Athener Akropolis oder die Tempel für die römische Dreieinigkeit Jupiter, Juno und Minerva auf dem Kapitolshügel. Denken wir an die Michaelskirchen auf Kuppen oder Bergen wie Mont St. Michel, Monte Sant‘ Angelo in Apulien oder in Berkheim, Cleebronn und Schwäbisch Hall, um hierzulande so vorchristliche Wotans-Heiligtümer abzulösen.

Wo Menschen in der Ebene wohnen, errichten sie in ihrer Religiosität „Berge“ für die Begegnung mit Gott. Sei es in Yukatan/Mexico, Babel oder im Alten Ägypten eines Pharao Djoser: Stufenpyramiden und Kalenderarchitektur wollen den Aufstieg zum Göttlichen erleichtern und ermöglichen, so sind auch die Stufen zum Altarbereich der Kirchen gedacht.

Eindrucksvoller Berg: der Ayers Rock in Australien. (Fotos: Rosel Eckstein/pixelio)

Wer in der Bibel nach „Berg“ sucht, stellt vielleicht etwas überrascht fest, dass bedeutende Ereignisse auf Bergen stattfinden: Abraham soll Isaak auf einem Berg opfern – und findet einen gnädigen Gott. Mose empfängt die Zehn Gebote auf einem Berg. Salomon baut den Tempel auf den Berg Zion. Der Prophet Elia fordert die heidnische Anbetung von Wachstum und Erfolg auf dem Berg Karmel heraus – die Baals-Priester verlieren den Wettstreit zwischen dem wahren und einem selbstgebastelten Gott.

Auch im Neuen Testament sind Berge wichtig, angefangen von Jesu Versuchung über die Berufung der Jünger, seine Rückzüge auf Berge, um in der Stille zu beten, und seine Wallfahrten hinauf nach Jerusalem. Bei seiner ­Verklärung führte er drei seiner Jünger „auf einen hohen Berg“. Schon früh wurde damit der markante Berg Tabor in der Jesreel-Ebene verbunden.

Als der Trierer Erzbischof Dietrich von Wied 1217 von einem Kreuzzug aus dem Heiligen Land zurückkehrte, ließ er seine zerstörte Burg wieder aufbauen und nannte sie – wegen der Ähnlichkeit dieses Humbacher Hügels mit dem Berg Tabor – nun „Mons Tabor“. Über „Muntabur“ wurde daraus der heutige Stadtname Montabaur. Der Auftrag des auferstandenen Jesus an seine elf Jünger erfolgt in Galiläa auf dem Berg, den Jesus für die Begegnung mit ihnen bestimmt hatte („Missionsbefehl“). Zentral ist Jesu Bergpredigt mit den Seligpreisungen, und Jesus stirbt am Kreuz auf dem Berg Golgatha.

Majestät und Schönheit der Bergwelt sorgen nicht automatisch für religiösen Segen. Mehr als Erholung und ungestörte Kriegsplanung war Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg. Das berühmte Panoramafenster gab den Blick auf den sagenumwobenen Untersberg frei. Mythische Motive wie Bergentrückung zusammen mit apokalyptischen Bibelversen. Das ist eine böse, mörderische Mischung: Wenn der im Berg schlummernde Kaiser erwache und den Untersberg verlasse, finde die letzte große Schlacht der Menschheit auf dem Walserfeld statt und leite ein neues Zeitalter ein – mit ihm, Hitler, als Herrscher.

Ein Blick auf den Kilimandscharo in Tansania. (Foto: Ulla Trampert/pixelio)

Völlig anders, was Gott dem Propheten Jesaja offenbart: „Es kommt eine Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, unerschütterlich fest stehen und alle anderen Berge überragen. Alle Völker strömen zu ihm hin.“ Damit ist keine neue Geologie gemeint, in der der Zionsberg den Mount Everest überragt und eine Völkerwallfahrt auslöst, sondern die Menschen orientieren sich um, sie legen ihren Streit bei, stellen von Rüstungswirtschaft auf zivile Produktion um: „Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Rebmessern“, also Brot und Wein als Feier des Lebens für alle in Frieden. Gottes künftige Friedensherrschaft vom Zionsberg aus ist das Ziel der Geschichte.

Das so genannte „Wochenlied“, das im Gottesdienst immer an zweiter Stelle kommt, trägt liturgiewissenschaftlich den schönen Namen „Graduale“, weil es früher vorgesungen wurde „auf den Stufen des Altars“ (lateinisch „gradus“). Selbst wenn in manchen modernen Kirchen auch nur noch eine einzige von den Stufen des Altars mit ihrer Symbolik der Gottesbegegnung übriggeblieben ist: Dieses gemeinsame Singen des Wochenliedes verbindet uns im Geiste unmittelbar mit all den Gottsuchern über Kultur- und Zeitgrenzen hinweg weltweit.

Vielleicht kommt man auf Bergen Gott etwas näher. Doch es kommt auf den „Berg“ an – oder, um es mit Jesu Worten zu sagen, ob man „dabei vom Heiligen Geist und von Gottes Wahrheit erfüllt ist“ (Johannes 4,23).

Sommerserie

„Schöne Aussichten“ lautet die Gemeindeblatt-Sommerserie 2014. Sie führt an Aussichtspunkte im Land, die nicht nur durch ihre Schönheit beeindrucken, sondern auch spirituelle Erfahrungen ermöglichen.

In der heutigen Ausgabe gehen wir der Frage nach, was Berge so anziehend macht und wo sie in der Bibel eine wichtige Rolle spielen. Außerdem stellen wir Ihnen den Stuttgarter Birkenkopf als besonderen Aussichtspunkt vor. Nächste Folge: der Blaue Turm in Bad Wimpfen.