Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Fremden aufnehmen

Wer andere besucht, erfährt Gastfreundschaft. Doch was trägt dazu bei, dass ein Fremder sich wohlfühlt? Erfahrungen aus einem Lokal in Albstadt-Ebingen und von Kirchengemeinden im Schwarzwald, wo Gastfreundschaft schon seit jeher eine große Rolle spielt. 


Fröhlich geht es zu beim Mittagstisch: man kennt sich. (Foto: Thomas Warnack)

Voller Elan und mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht kommt Maria Kasik an diesem sonnigen Mittag auf den Gast zu. Sie durchquert den Raum, reicht die rechte Hand zum Gruß, heißt einen herzlich willkommen. „Ich setze Sie am besten an einen Platz am Fenster, da ist es schön hell“, meint sie, geht voraus und fragt, scheinbar nebenbei, „Haben Sie schon etwas gegessen? Was möchten Sie trinken, was darf ich bringen?“ Und dann, ganz unvermittelt: „Ich mach noch schnell zwei Essen, danach komme ich zu Ihnen.“ Eigentlich sind es dann drei Essen, denn dass ein Gast geht, ohne etwas im Magen zu haben, das ist für die 71-Jährige unvorstellbar.

„Hier kommt man wirklich nicht weg ohne etwas gegessen zu haben“, meint der Fotograf Thomas Warnack lachend. Seine Frau durfte für ihn heute extra nichts kochen. Es ist erst Warnacks zweiter Termin hier, doch mit den Wirtsleuten des Apfelbaums in Albstadt-Ebingen ist er inzwischen per Du. Im Gespräch mit Maria und ihrem Mann Heinz geht es auch um Persönliches, denn die beiden haben echtes Interesse an den Menschen, die in ihr Gasthaus kommen.

Gasthaus, ein Haus für Gäste also – das ist auch das Stichwort für Heinz Kasik (76), wenn es um die Frage nach echter Gastfreundschaft geht. „Da kommt ein Fremder und will sich aufgenommen fühlen“, ist seine Erfahrung. Dazu braucht es eine in seinen Augen wichtige Eigenschaft: Nächstenliebe. Dass man etwas gibt, zum Beispiel Freundlichkeit, und nichts dafür zurück erwartet, „noch nicht einmal ein Dankeschön“. Und Maria ergänzt: „Das Interesse an anderen Leuten, zuhören können, mit Menschen verbunden sein“, das sei wichtig, damit ein Gast sich aufgenommen weiß. Das sei auch mehr als nur ein gutes Essen zu verkaufen. Obwohl es natürlich zum Wohlbefinden des Gastes beiträgt, wenn das Essen schmeckt.

„Der Gast muss sich wohlfühlen, das ist das A und O“, meint Maria. „Das hat auch etwas mit dienen zu tun“, ergänzt Heinz. Damit meint er auch, dem anderen einfach helfen, oder etwas für ihn tun, womit er vielleicht nicht gerechnet hat.

Bei saurer Leber mit Bratkartoffeln erzählen Heinz und Maria Kasik begeistert von ihrem Beruf. Beide sind gelernte Köche, den Apfelbaum haben sie bereits 1967 übernommen. Damals hieß der noch Holzwurm und war eine Diskothek. Zu den Zeiten habe es das schon auch immer mal wieder gegeben, dass man einem Gast seine Grenzen hätte zeigen müssen. Nach dem Motto „Du bekommst jetzt nix mehr zu trinken, du gehst jetzt besser heim und schläfst dich mal aus“. Übel genommen haben das die Gäste, zumeist Jugendliche nie, versichert Maria. Ganz im Gegenteil. Die Gäste seien immer wieder gekommen, und von manchen habe sie Jahre später gehört: „Maria, du hast mich erzogen“, verbunden mit einem Dank.

Nach 17 Jahren Holzwurm verpachteten die Kasiks die Wirtschaft, die dann „Gutshof“ und später „Charivari“ hieß.  Weil das nicht so gut lief, übernahmen die beiden das Gasthaus 1997 wieder selbst. Um den Neuanfang zu dokumentieren, gaben sie dem Lokal den Namen Apfelbaum.

Dass Gäste sich heutzutage danebenbenehmen wie zu Zeiten der Diskothek, komme gar nicht mehr vor. „Wir haben wirklich sehr viele nette Leute bei uns“, staunt Maria Kasik. Doch manchmal komme es vor, dass ein  Gast zum Beispiel überzogene Vorstellungen hat. Dann müsse man einfach ruhig bleiben und in sachlichem Tonfall sagen, was geht und was nicht. „Mit den Jahren bekommt man es raus, wie man mit den Leuten umgehen muss“, sagt Maria. Und häufig stelle sich dann sowieso heraus, dass ein Gast das, was und wie er es gesagt hat, gar nicht so böse gemeint hat. „Vielleicht hatte er einfach auch einen schlechten Tag.“

Die Bereitschaft, ihr Haus völlig fremden Menschen zu öffnen, zeichnet Gastwirte aus, meint Pfarrerin Heike Hauber. „Wer sein Haus nicht für Fremde öffnen will, braucht kein Gasthaus aufmachen. Denn Gastwirte stellen ihr Haus anderen Menschen zur Verfügung.“ Im Dekanat Freudenstadt betreut Heike Hauber die Gastwirte der Region, besucht sie, feiert mit ihnen Gottesdienste zu besonderen Terminen.
Der Weihnachtsgottesdienst für Gastronomen in Baiersbronn beispielsweise beginnt um 21.45 Uhr, und zwar an einem Abend nach dem 6. Januar. Denn dann haben die Hoteliers und Restaurantbesitzer nach dem Weihnachtstrubel wieder Zeit. Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es etwas zu essen, das die Gastronomen selbst mitgebracht haben. Einmal hätte sie „ihren Leuten“ etwas Gutes tun wollen und selbst das Catering organisiert. „Das kam gar nicht gut an“, erzählt Heike Hauber lachend. Die Gastwirte hätten ihr damals signalisiert: „Mach du, was du gut kannst, wir tragen das zur Feier bei, was wir gut können.“ Schließlich gehöre es zum Selbstverständnis der Gastronomen, dass sie auch etwas zu dieser ganz besonderen Feier beitragen.

Vieles, was sie in den Gesprächen mit professionellen Gastgebern erfährt und erlebt, lässt sich auch auf Kirchengemeinden übertragen, ist Hauber überzeugt. Wichtig sei es beispielsweise, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Fremde willkommen fühlten. Das sei gar nicht so schwer umzusetzen. Zum Beispiel könne das bedeuten, dass jemand an der Kirchentür steht, der die Gottesdienstbesucher begrüßt, ihnen ein Gesangbuch in die Hand drückt und ihnen zeigt, dass es weiter vorne noch viel bessere Plätze gibt.

Etwas aufwändiger sei es, beim Kirch­kaffee nach dem Gottesdienst mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Denn den Kaffee müsse ja auch jemand kochen, das Geschirr hinterher spülen. „Das bedeutet Arbeit.“ Dennoch sei das eine wunderbare Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. Da könne Kirche viel von Hoteliers abschauen, ist sich Hauber sicher. Zunächst einfach, indem man sich angewöhne, fremde Menschen erst einmal  wahrzunehmen. Oder indem man mit der klassischen Hotelier-Frage auf andere zugehe: „Was kann ich für Sie tun?“ Und natürlich gehöre auch dazu, die Menschen, mit denen man nach dem Gottesdienst gesprochen hat, auch in anderen Zusammenhängen anzusprechen. Wenn sie einem auf der Straße begegnen etwa oder im Supermarkt.

Der Feind der Gastfreundschaft in Kirchengemeinden sei das Vereinsdenken nach dem Motto „Wir sind wir,  und die anderen interessieren uns nicht.“ Darin sieht Heike Hauber auch eine Gefahr: „Wer sich nicht öffnet, stirbt irgendwann aus“.

Aber Heike Hauber weiß auch, dass nicht jeder auf fremde Menschen zugehen kann. „Es gibt Personen, die ein gewisses Gleichmaß brauchen, die sich nicht so gut auf neue Leute einstellen können“. Aber es gebe eben auch Menschen, die sich gerne um andere kümmern. Die sollten Kirchengemeinden dazu ermutigen, Gäste vor oder nach dem Gottesdienst zu begrüßen. „Es geht dabei nicht darum, gleich tiefe Freundschaften zu schließen“, sagt Heike Hauber. Sondern darum zu signalisieren: „Bleib noch ein bisschen, lass uns reden.“ Und es sei wichtig, beispielsweise für neue Gemeindemitglieder eine erste Bezugsperson für den Anfang zu sein und dem Gegenüber zu zeigen „du bist ein geliebter Mensch Gottes“. Das mache ein freundliches Miteinander aus.