Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Glauben online leben - Online sind fast alle

Beschäftigen sich Pfarrer und Kirchengemeinden mit Digitalisierung, müssen sie neben technischen auch theologische Fragen klären. Vor allem aber sollten sie ausprobieren, Fehler zulassen, im Gespräch bleiben und nicht vergessen, worum es im Kern bei all dem geht.

Die Botschaft der Bibel kann die Menschen auch digital erreichen. Foto: adobe stock/WinDie Botschaft der Bibel kann die Menschen auch digital erreichen. Foto: adobe stock/Win

„Corona hat der Digitalisierung einen Schub gegeben.“ Das ist wohl der meistzitierte Satz zu Digitalisierung der vergangenen Jahre. Ich bin seit Jahren im digitalen Raum unterwegs und nehme auch in der Kirche diese Entwicklung wahr. PC im Pfarramt, Outlook oder digitales Archiv sind nicht mehr neu. Die Verwaltungsprozesse wurden weitgehend digitalisiert. Doch immer noch herrscht da und dort Skepsis. Ein Kollege hatte jahrelang seine Mails von der landeskirchlichen Adresse elkw.de auf eine andere umleiten lassen. Seine irrige Befürchtung: Der Oberkirchenrat könne andernfalls mitlesen.

Aus der Sinnfrage „Wozu braucht man das?“ wurde eine Zeitfrage: „Wann soll ich das auch noch machen?“ Wie wichtig die digitale Technik und eine gute technische Ausstattung sind, ist gerade in den letzten zwei Jahren auch den analogsten Menschen klar geworden. Onlinesitzungen und hybride Synoden waren mit einem PC (mit Kamera und Mikrofon) und einem schnellen WLAN kein Problem mehr. Am Anfang ein bisschen holprig, aber machbar und zunehmend professioneller.

Pfarrerin Magdalena Smetana ist Medienbeauftragte der Prälatur Reutlingen und beschäftigt sich seit langem mit Digitalisierung. Foto: PrivatPfarrerin Magdalena Smetana ist Medienbeauftragte der Prälatur Reutlingen und beschäftigt sich seit langem mit Digitalisierung. Foto: Privat

Digitale Hilfsmittel wie Bibel-, Gesangbuch- oder Konfi-App waren bereits vor 2020 erfolgreich auf dem Markt. Internetseiten von Gemeinden haben dank Baukastensystem und guter Unterstützung des Evangelischen Medienhauses eine einheitliche Optik bekommen. Selbstgestrickte Gemeindeseiten verschwinden langsam von der Bildfläche, auch weil der Aufwand viel zu groß ist. Viele Abläufe, wie Archivierung, Datenerfassung, Infoversand, Fortbildungsanmeldungen wurden weitgehend digitalisiert.

Corona und das damit einhergehende Verbot der Kontakte in den Lockdowns haben neue Fragen aufgeworfen: Wie funktioniert ein Gemeindeleben ohne persönliche Kontakte? Wie können Inhalte ins Digitale übertragen werden? Im Internet finden sich die unterschiedlichsten Formate, vom abgefilmten Gottesdienst bis zu Instagram-Andachten oder Zoom-Gottesdiensten. Nach zwei Jahren des Experimentierens müssen sich das Bodenpersonal Gottes und die zuständige Institution nun fragen, wie es mit der digitalen Kirche weitergehen soll.

Online sind inzwischen fast alle

Dass die Technik die interne und externe Kommunikation vereinfachen kann, ist unbestritten. Hier geht mein Blick auf die „digitale Mustergemeinde“ Eningen unter Achalm, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt wird. Ich bin gespannt auf die Erfahrungen. Wichtig ist die Tatsache, dass inzwischen nahezu niemand mehr „abgehängt“ wird, wie es noch vor einiger Zeit hieß. Die aktuelle Online-Studie von ARD und ZDF macht deutlich, dass Menschen nicht mehr online gehen, sondern online sind. 94 Prozent aller Deutschen ab 14 Jahren sind digital. Als ich in meiner alten Gemeinde einem 94-jährigen Mann die ausgedruckte Andacht vorbeibrachte, zeigte er auf sein iPad: „Das habe ich doch schon gesehen.“

Genau genommen war Jesus vor 2000 Jahren der erste Öffentlichkeitsarbeiter. Er ging hinaus zu den Menschen, erzählte ihnen von Gott. In den Synagogen, am Berg, am See, am Brunnen. Am Tag und manchmal auch in der Nacht. Er hatte die jeweilige Zielgruppe im Blick: Kinder, Jünger, Gelehrte, Frauen. Er hatte eine klare Botschaft: Gott ist gnädig. Diese Botschaft brachte er verständlich und zielgruppenorientiert unter die Menschen. Er hatte ihre Bedürfnisse im Blick, ihren Hunger und ihre Angst. Er hörte ihnen seelsorgerisch zu und ging mit ihnen in den Dialog. Seine Sprache war für alle verständlich. Und alles, was er erzählte, hat er selbst gelebt: Toleranz, Menschennähe, Wertschätzung.

Dies muss auch digitale Kirche leisten. „Allein die Nutzung von digitalen Produkten verändert nichts“, schreibt der katholische Theologe und Kommunikationsberater Tobias Sauer. Er geht auf die Frage ein, wieso digitale Kanäle die Kirche nicht retten und wie es trotzdem gelingt, in einer digitalisierten Gesellschaft zu kommunizieren. Wichtig sei nicht die Form, sondern der Inhalt. Und der Kerninhalt der Kirche ist das Evangelium. Punkt.

Digitales als Teil des Dienstauftrags

In der digitalen Kirche darf es nicht darum gehen, möglichst viele Zuschauer und Zuhörer zu bekommen, sondern darum, mit den Menschen in Beziehung und in den Dialog zu gehen. Im Austausch mit der sogenannten Community, der digitalen Gemeinschaft, muss über Fragen des Glaubens gesprochen, muss Glaube gelebt werden.

Digitale Informationen mitten in der Gemeinde: eine Stele am Gemeindehaus in Eningen unter Achalm.Foto: Pressebild/ Dietmar HauberDigitale Informationen mitten in der Gemeinde: eine Stele am Gemeindehaus in Eningen unter Achalm.Foto: Pressebild/ Dietmar Hauber

Für diese Art der Kommunikation sind soziale Medien wie geschaffen. Doch Vorsicht: „Keine Facebook-Seite, kein TikTok-Channel, kein Instagram-Profil und kein Twitter-Account werden das Problem lösen, dass Kirche in weiten Teilen verlernt hat, mit Menschen außerhalb ihres Inner-Circle zu reden“, schreibt Sauer. Wir müssen sprachfähiger und authentischer werden – sowohl im Digitalen als auch im Analogen. Und es müssen auch nicht alle alles machen. Schon Paulus wusste, dass es viele Gaben und Begabungen, verschiedene Ämter und Kräfte gibt, aber nur den einen Geist, den einen Gott, die eine Botschaft.

Doch wie schaffen wir es in der Kirche, die Digitalisierung für die Verkündigung der Botschaft, für die Kommunikation mit den Menschen und auch für die Seelsorge nachhaltig und gabenorientiert zu nutzen?

Und zwar so, dass es als Teil des Dienstauftrags verstanden wird? Wenn Sara Stäbler, Pfarrerin zur Anstellung in Balingen, den Instagram Account „@sara3klang“ betreibt, viel Zeit in die digitale Seelsorge steckt, Fortbildungen anbietet und sich an der Entwicklung von Konzepten beteiligt ist, geht es nur, weil sie vieles in ihrer Freizeit macht. Das ist nicht gut.

In der Landeskirche gibt es zwei 50-Prozent-Pfarrstellen für den digitalen Raum. Was kreativ mit viel Freude und Leichtigkeit in den ersten Pandemietagen entstand, wurde professionalisiert. Der Druck auf Sarah Schindler und Nicolai Opifanti, ständig passende Inhalte zu liefern, ist nun enorm.

Wo können Pfarrerinnen und Pfarrer anfangen? Bei sich selbst. Nachdenken, sich vernetzen und gegenseitig unterstützen. Neugierig bleiben, die digitale Welt beobachten, Fortbildungsangebote wahrnehmen und Neues ausprobieren. Fehler zulassen. Denn auch digital ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. □

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Kostenlose Fortbildungsangebote für haupt- und ehrenamtliche Engagierte und Digital-Interessierte gibt es auf www.kirchendigital.de

Magdalena Smetana spricht am 7. September um 18 Uhr mit Sara Stäbler und Fabian Maysenhölder über seelsorgerische Begleitung in digitalen Räumen. Diakon Dän Klein ist Technikberater der Landeskirche. Ihn kann man in einem Interview auf www. elk-wue.de kennenlernen.

Die Landeskirche hat auf www.elk-wue.de/vernetzt Informationen zur Digitalisierung gebündelt.

Infos für Gemeinden: www.kirchendigital.de