Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Hunger stillen, aber erst später

Warten will gelernt sein. Das spüren Kinder in der Adventszeit und an Heiligabend. Geduld und Selbstkontrolle sind aber Eigenschaften, die das ganze Jahr über helfen.


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Sechs Stunden noch bis zur Bescherung. Für Nico (4) und Lena (6) will die Zeit einfach nicht vergehen. Das letzte Türchen vom Adventskalender, der die lange Zeit bis Weihnachten in Etappen aufgeteilt und das Warten mit einem täglichen Stückchen Schokolade versüßt hat, haben sie am Morgen geöffnet. Und jetzt sind sie vor Vorfreude und Spannung ganz kribbelig. „Wie lange noch?“ fragen sie zum wer-weiß-wievielten Mal. Mamas Antwort: „Bis der kleine Zeiger der Uhr auf der 6 steht“, hilft ihnen gar nicht. Denn dazu fehlt ihnen die Zeit-Vorstellung.

„Wir essen gleich und danach könnt ihr ein bisschen raus gehen“, schlägt Mama vor. Aber danach ist der Nachmittag immer noch endlos lang. Gut, dass Papa erlaubt, im Fernsehen eine „Wir- warten-auf-das Christkind“-Sendung zu sehen. Das lenkt ab und vertreibt die Zeit ein bisschen.

Nur Ben wartet nicht auf die Bescherung. Er ist ja auch erst fünf Monate alt. Seine Ungeduld ist von anderer Art: Er hat Hunger. Er will trinken. Sofort. Und deshalb weint er. Da hilft nur Mama. Zum Glück unterbricht sie ihre Heilig-Abend-Vorbereitungen schnell. Sie stillt Ben, und der schläft nach ein paar Minuten zufrieden ein.

Auch im ganz normalen Alltag müssen Kinder oft warten. Warten, bis Mama oder Papa zu Ende telefoniert haben. Warten, bis das Essen fertig ist, wo doch der Hunger so groß ist. Warten, bis man an der Reihe ist, wo man doch unbedingt etwas Wichtiges sagen will. Warten, bis die lange Autofahrt endlich zu Ende ist. Warten. Warten. Warten. Warten.

Warten können ist wichtig

Warten können und die damit verbundene Selbstkontrolle sind wichtige Fähigkeiten für das Erwachsenenleben. Das zeigt der berühmte Marshmallow Test, mit dem der US-Amerikanische Psychologe Walter Mischel vor mehr als 40 Jahren die Fähigkeit von Vierjährigen testete, zugunsten einer Belohnung die sofortige Erfüllung eines Wunsches aufzuschieben. Mischel gab jedem ein verlockend leckeres Marshmallow. Die Kinder hatten die Wahl: Sie konnten die Süßigkeit entweder sofort essen oder warten, bis Versuchsleiterin irgendwann wiederkam. Dann sollten sie zur Belohnung für ihr Abwarten ein zweites Marshmallow bekommen.

Einige Kinder griffen sofort zu; andere warteten, auch wenn ihnen das offensichtlich schwer fiel. Sie bekamen am Ende die versprochene Belohnung.

Nach 40 Jahren testeten Forscher etliche der Kinder von damals wieder und fanden heraus: Die, die damals hatten warten können, waren zu selbstbewussten und einfühlsamen Erwachsenen geworden. Sie konnten mit Rückschlägen gut umgehen und waren in der Lage, eine Belohnung aufzuschieben, um ein Ziel zu erreichen. Unabhängig von ihrer Intelligenz hatten die Sofortesser dagegen schon in der Schule schlechtere Noten und waren als Erwachsene emotional instabiler, weniger diszipliniert und weniger entschlossen.

Warten können, so das Ergebnis der Untersuchung, ist eine wesentliche Voraussetzung für schulischen und beruflichen Erfolg und für gelingende Beziehung. Es geht  also beim Thema Warten nicht um „Dressur“ von Kindern, oder um Gehorsam, sondern um die Befähigung, eigene Ziele geduldig zu verfolgen , bei Hindernissen nicht aufzugeben und sich auf die Bedürfnisse anderer einzustellen.

Urvertrauen fördern

Willensstärke, Selbstkontrolle und Geduld sind keineswegs unbeeinflussbare, angeborene Eigenschaften, die man mitbekommen hat oder eben auch nicht. Die Grundlage dazu wird vielmehr in den ersten Lebensmonaten gelegt. Das betont Psychologe Ulrich Gerth, Leiter der Caritas Beratungszentrums St. Nikolaus in Mainz. „So paradox es klingt: Wichtig ist, dass ein Kind in den ersten Lebensmonaten, in denen es einfach noch nicht warten kann, auch nicht warten muss“. Wenn ein Kind erlebt, dass seine überlebenswichtigen Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Kontakt und Geborgenheit zuverlässig und schnell erfüllt werden, entwickelt es Urvertrauen und eine sichere Bindung. Es lernt: Ich kann mich auf meine Eltern verlassen, ich muss nicht endlos und ohne Hoffnung warten.

Für Ulrich Gerth bedeutet das allerdings nicht, dass Eltern jedes Bedürfnis beim ersten „Piep“ ihrer Sprösslinge sofort erfüllen  müssen. Hieß es früher, dass Kinder auch mal schreien müssten, da sie sonst „verwöhnt“ würden, sieht er heute die Gefahr, dass Eltern sich unter Perfektionsdruck stellen und ihren Kindern Wartezeiten nicht mehr zumuten. „Vertrauen Sie ihrem Gefühl dafür, wie sie kleine zumutbare Wartezeiten peu à peu erweitern“, rät er. „Je älter das Kind ist, desto mehr kann man ihm zumuten“, sagt der Psychologe.

Für Kinder bis zum dritten Lebensjahr sind lange Wartezeiten schlicht eine Überforderung. „Wenn sie ungeduldig quengeln, so tun sie das nicht, um zu nerven, sondern weil der „Reiz des Wollens in ihrem Gehirn sehr stark ist“, schildert Erzieherin Nadine Hagen neurobiologische Voraussetzungen für die Fähigkeit, Bedürfnisse zumindest zeitweise aufzuschieben. Erst ab vier Jahren können sich Kinder allmählich vorstellen, was andere denken und fühlen.

Für kurze Zeit können sie auf etwas verzichten, wenn sie verstehen, warum sie warten müssen. Eine Erklärung, wie „Du bist jetzt ungeduldig. Aber ich muss und möchte erst zu Ende telefonieren. Gleich habe ich Zeit“, kann helfen, Wartezeiten zu ertragen. Auch dabei ist wieder die Verlässlichkeit der Eltern wichtig. „Wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass danach doch zuerst das Bearbeiten von Emails oder etwas anderes wichtiger ist als die Zusage an das Kind, dann wird es sich mit dem Warten schwer tun. Einfach, weil es sich nicht auf die Zusage verlassen kann“, sagt Ulrich Gerth.

Die Zeit begreifen

Das Warten lernen hängt wesentlich mit der Entwicklung des Zeitbegriffs zusammen. Etwa mit zwei Jahren fangen Kinder an, Zeitbegriffe wie „gestern“, „morgen“ oder „später“ zu verstehen. Auch das Wörtchen „gleich“ wird verstanden. Vorausgesetzt, die Eltern benutzen es nicht zu oft und für immer unterschiedliche Zeiträume. Auch hier geht es um Berechenbarkeit und Verlässlichkeit. Wenn „gleich“ stets einen Zeitraum von bis zu 5 Minuten meint, wird das Kind diese Wartezeit aushalten.

Dennoch ist Warten für Kinder genau wie für Erwachsene keine angenehme Erfahrung. Kein Wunder, dass sie auch mal „sauer oder mürrisch sind und das auch zeigen. „Verlangen Sie nicht, dass ihr Kind mit glücklichem Gesicht wartet“, ermutigt Ulrich Gerth Eltern, die Ungeduld ihrer Kinder auszuhalten und zu riskieren, dass das Kind seine Frustration auch zeigt. Nicht selten hilft in solchen Situation eine Prise Humor oder eine Ablenkung mit einer anderen Aktivität.

Auch Eltern müssen warten

„Nicht nur Kinder müssen warten. Auch Eltern müssen gelegentlich auf ihre Kinder warten und sich auf deren ganz eigenes Tempo einstellen“, gibt Ulrich Gerth zu bedenken. Kinder brauchen die Möglichkeit, zu Ende zu bringen, womit sie gerade beschäftigt sind. Ankündigungen wie „das Essen ist gleich fertig, dann rufe ich dich“, helfen Kindern, sich auf das Geschehen in der Familie einzustellen.