Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Piraten ins Auge gesehen

ROTTENBURG (Dekanat Tübingen) – Menschen fliehen übers Meer: Das gab es schon mal. Über 1,6 Millionen Vietnamesen ruderten vor rund 30 Jahren aufs Südchinesische Meer. Viele starben, einige wurden in Deutschland aufgenommen. Wie Khanh Nguyen. Er lebt heute in Rottenburg. 


Khanh Nguyen (im Bild rechts mit seiner Frau) gehörte zu den Boatpeople. (Foto: Wolfgang Albers)

Was am 28. Februar 1982 geschah, rührt Khanh Nguyen noch heute zu Tränen. 17 Jahre alt war er, als ihn sein Vater in eines der Flüchtlingsboote setzte, die Anfang der 80er-Jahre von vietnamesischen Stränden aufs offene Meer steuerten. Es waren vor allem die Söhne, die die Familien dem Zugriff des kommunistischen Regimes entziehen wollen, mitunter saßen Zehnjährige im Boot wie der Bruder von Khanh Nguyens Frau Phi Yen Pham.

„Ich wusste gar nicht, was auf mich zukam“, erinnert sich Khan Nguyen. „In unserer Kultur gehorcht man, wenn der Vater etwas anordnet. Ich war noch so naiv. Im Boot sagte ich zu meinem Vetter: Guck mal, was für viele große Fische hier sind. Sie hatten alle Dreiecksflossen – erst später habe ich gelernt, dass das Haie waren.“

Das war nicht die einzige Gefahr. Sein Boot hatte die Route nach Thailand genommen – und da warteten schon die Piraten. Entkommen war unmöglich, inzwischen war der Motor ausgefallen. Und die Piraten waren brutal beim Beutemachen. Phi Yen Phams Bruder hielten sie über die Reling und drohten, alle halbe Stunde ein Kind den Haien zum Fraß vorzuwerfen, wenn nicht alle Bootsinsassen sämtliche Wertsachen herausrücken.

Auch die 37 Menschen in Khanh Nguyens Boot waren von einem Piratenschiff schon restlos ausgeplündert worden, als sich ein weiteres Piratenschiff näherte. Mit Zeichen machten die Räuber klar, was sie vorhatten, falls sich ihre Beutevorstellungen nicht erfüllen sollten: Mit der flachen Hand fuhren sie über den Hals.

Man schätzt, dass 250.000 von 1,6 Millionen Boatpeople, wie die Flüchtlinge bald genannt wurden, auf dem Südchinesischen Meer umgekommen sind. Khan Nguyen, schon mehrere Tage in einem manövrierunfähigen Boot ohne Trinkwasser unter sengender Sonne unterwegs und nun mordgierigen Piraten ins Auge sehend, stand kurz davor, zu den Opfern zu gehören. Da schob sich ein anderes Schiff dazwischen: die Cap Anamur, vom deutschen Journalisten Rupert Neudeck gechartert. Auf eigene Faust, von deutschen Behörden und Politkern eher sabotiert, fischte er insgesamt rund 10.375 Flüchtlinge aus dem Meer – darunter am 3. März 1982 auch Khanh Nguyen. „Ohne die Cap Anamur wäre ich tot“, sagt er. „Das Meer war zu groß und das Boot zu klein.“

Khanh Nguyen kam, während sich in Deutschland die Politiker heftig stritten, ob die von einem deutschen Schiff geretteten Menschen auch in Deutschland eine Bleibe finden könnten, in einem Flüchtlingslager auf den Philippinen unter. Das sicherte erst mal sein Überleben – aber mehr auch nicht. Khanh Nguyen war auf Hilfe angewiesen, und die suchte der Katholik bei den Kirchen – ganz ökumenisch. Der Erste, an den er sich wandte, war ein protestantischer Pastor aus den USA, der mit einigen Dollarscheinen weiterhalf, sodass Khanh Nguyen, der nur noch Fetzen am Leib trug, sich eine Hose kaufen konnte. Und von den kargen Essensrationen verkaufte er die Hälfte weiter, um Briefe nach Hause schreiben und die Eltern mit seiner Überlebensnachricht beruhigen zu können. Denen schrieb er schließlich  auch, dass er nach Deutschland gebracht werde.

Für den Vater war die Nachricht ein Schock. Die Flucht war umsonst, lamentierte er. 1945 war der Vater, ein Ex-Soldat und Landwirt, vom Norden in den Süden geflüchtet – und 1975 wieder von den kommunistischen Herrschern eingeholt worden. Das sagte er jetzt auch seinem Sohn voraus: Die DDR werde in den Westen einmarschieren. Versuch, nach Frankreich oder nach Kanada zu kommen, riet er seinem Sohn.

Der aber kam in die Tübinger Thiepval-Kaserne, damals Flüchtings-Sammelstelle. Und von dort gleich zu einem Sprachkurs nach Kirchheim. So abschottend Deutschland auch vorher war – einmal da, bekam Khanh Nguyen eine vernünftige Förderung.

Denn hier gab es das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands. Der evangelische Pfarrer Arnold Dannenmann aus Faurndau hatte dieses Werk 1947 gegründet. Angesichts der vielen entwurzelten Menschen im Nachkriegsdeutschland, besonders bei Kindern und Jugendlichen, hatte er die Losung ausgegeben: „Keiner darf verloren gehen!“ Was in Blaubeuren mit einer Unterkunft für obdachlose Jugendliche begann, weitete sich bald zu einem Netz von Schulen und Erziehungsinstitutionen aus.

Wie im Christlichen Jugenddorf Bläsiberg bei Wiesensteig. 1979 wurde es in einem ehemaligen Kinderkurheim eröffnet – und fand gleich eine Aufgabe, als an die 20.000 Boatpeople nach Deutschland kamen. Rund 200 von ihnen wurden im Jugenddorf Bläsiberg aufgenommen – unter anderem Khanh Nguyen.

Hier machte er einen Hauptschulabschluss, und ein angehender evangelischer Pfarrer, ebenfalls ein Vietnamese, ist ihm noch besonders in Erinnerung: „Er hat uns viel geholfen und immer übersetzt, wenn wir etwas nicht verstanden haben.“

Im Christlichen Jugenddorf Nagold machte Khanh Nguyen seine Mittlere Reife. Sein Abschluss mit 2,4 hätte auch den Weg zum Abitur freigemacht, aber ihm war anderes wichtiger: „Ich bin nur mit leeren Händen nach Deutschland gekommen und einer Tasche mit zwei Shorts und einem uralten T-Shirt darin. Ich wollte Geld verdienen, um auf eigenen Füßen stehen zu können.“

Da half ihm nicht nur seine Schulausbildung, sondern auch sein offenes Wesen: „Ich habe immer versucht, mit Deutschen in Kontakt zu kommen, um Deutsch zu lernen.“ So lernte er beim Trampen einmal den Leiter der Esslinger VHS kennen, der den jungen Vietnamesen in sein Herz schloss und ihn vielfach unterstützte, zum Beispiel mit einem Deutsch-Vietnamesischen Wörterbuch, damals als Spezialliteratur 120 Mark teuer.

Und Khanh Nguyen hatte noch einen weiteren Förderer, der im Rottenburger Bischöflichen Ordinariat arbeitete und in Wolfenhausen wohnte. Der vermittelte Khanh Nguyen einen Ausbildungsplatz in der Firma Raumausstattung Bärstecher: „Ich war der erste Asiat in Wolfenhausen.“

Eigentlich hatte der Betrieb schon genug Lehrlinge. Da sprach Bischof Georg Moser mit dem Chef: Die Diözese übernahm einen Großteil der Kosten. Zum Dank fertigte Khanh Nguyen sein Gesellenstück, das Polstern eines Barocksessels, als Geschenk für den Bischof – aber der starb zwei Wochen vor der Lossprechungsfeier.

Am 12. August wird Khanh Nguyen nun 30 Jahre bei der Firma sein, ist in viele, viele Häuser gekommen und auch dadurch in der Gegend verwurzelt: „Rottenburg ist meine Heimat geworden, ich fühle mich nirgendwo so wohl wie in dieser Stadt.“ Auch wenn das ein Prozess mit emotionalen Entbehrungen war. Wenn er seine Mutter anrief, weinte die gleich am Telefon los, worauf auch er ins Weinen kam: „Am Ende hatte ich jeden Monat eine Telefonrechnung von 400 Mark, und wir haben eigentlich gar nichts geredet.“

Nur einmal noch, und das auch nur, weil sein Chef ihn quasi ins Flugzeug gedrängt und auch mit dem nötigen Geld unterstützt hatte, hat Khanh Nguyen noch seine Mutter, 16 Jahre nach der Flucht, gesehen – ein Jahr später ist sie gestorben. Sein Vater lebt noch, aber ist zu betagt, um mal nach Deutschland zu kommen: „Dabei möchte ich, dass er einmal Schnee sieht und sieht, wie lang die Helligkeit in Deutschland ist.“

In Rottenburg bestens eingelebt hat sich auch seine Frau Phi Yen Pham, die eine Protestantin ist. Sie hat zum Thema Heimat ihre eigene Erfahrung gemacht. Im Jahr 2008 waren die beiden in Vietnam, auch um ihren drei Söhnen die alte Heimat zu zeigen.

Phi Yen Pham ging in ihr altes Wohnhaus, traf ehemalige Nachbarn und Menschen, die sie als Kindergärtnerin betreut hatten. Natürlich hatte man sich viel zu erzählen, aber sie spürte: „Ich fühlte mich nicht mehr zu Hause. Ich fühlte mich wie eine Fremde und ich habe Rottenburg vermisst, ich habe den Neckar vermisst. Die Stadt ist familiär: Man geht auf die Straße, grüßt jeden. Es ist eine Riesenfamilie.“

Für Khanh Nguyen und Phi Yen Pham ist daher auch klar: „Wir wollen nicht mehr zurück nach Vietnam, unsere Heimat ist jetzt hier.“ Die drei Söhne sind in Schule, Ausbildung und Vereinen bestens integriert: „Sie sind Deutsche geworden, sie mögen auch kein asiatisches Essen mehr.“ Und sie haben nach ihrem Besuch in der Heimat der Eltern gemerkt, wie viel freier das Leben hier ist.

„Wenn die Deutschen uns nicht aufgenommen hätten, würden wir diese Freiheit nicht haben“, sagt Phi Yen Pham. Diese Dankbarkeit hat auch Khanh Nguyen: „Ich habe im Leben viel Glück gehabt durch die Humanität der Deutschen. Sie haben mir sehr viel geholfen, sie waren sehr großzügig und barmherzig zu mir.“