Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Riss nach oben spüren

Wenn Menschen nach Gott suchen, dann suchen sie oft bestimmte Orte auf. Meist sind es markante Punkte in der Landschaft wie Berge oder Anhöhen. Aber auch Seen, das Meer oder Klöster sind spirituelle Orte. Zum Auftakt unserer Serie lassen wir den inzwischen verstorbenen Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher zu Wort kommen – über die Botschaft der Berge als Begegnungsort zwischen Gott und Mensch.


Der Mensch sucht auf dem Berg den Blick ins Weite und in die Tiefe seiner Seele.  (Foto: Danka Peter/unsplash)

In einer lauten, betriebsamen, technisierten, gewinnorientierten, überzivilisierten und oft blasiert-geschwätzigen Welt hat der Gedanke an Gott wenig Raum und Chancen. Aber er stirbt nicht. Sogar aus der Frustration der Leere und der Oberflächlichkeit kann er neu aufsteigen. Auch in der Situation zeitüblicher Kirchendistanz kann er sich zu Wort melden. Hinter dem Engagement für Zukurzgekommene kann er aufleuchten. Es gibt viele Wege zu Gott, schon deshalb, weil für Gott kein Mensch gleichgültig ist und seine Liebe für jeden Wege ersinnt. Nach vielen Jahrzehnten der Seelsorge ist mir ein Weg deutlich geworden – der über die Berge.

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Ich bin als Jugendseelsorger in Tirol mit Alpinkursen und Touren, Skiwochen und Bergmessen mit der hintergründigen Faszination, die die Berge ausstrahlen, oft konfrontiert worden. Wenn ich heute als alter Mann auf meinen Balkon hinaustrete und 80 Kilometer Tiroler Berge vor mir habe, lauter vertraute Gipfel, berührt mich der Berg mit seiner leisen Botschaft immer noch.

Das Erste, was der Berg schenkt, ist die Stille. Gleich hinter Bergstationen und Gipfelrestaurants, hinter dem Liftgeklapper und belebten Pisten eröffnet sie ihr Reich. Man muss oft gar nicht weit gehen. Eine Rast in den schweigenden Karen, ein Blick in den einsamen Talschluss, ein Innehalten beim verträumten Bergsee, der Gang mit der Seilschaft über den weiten Gletscher im Morgenlicht – schon ist sie da, die Stille, seit eh und je Torhüterin in den tieferen Schichten des Menschseins und sanfte Therapeutin. Nur muss sich der zivilisierte Mensch ein wenig an sie gewöhnen. Er ist lärmgewohnt, lärmbelastet, lärmgeschädigt. Für die Kostbarkeiten der Stille muss er eine eigene Antenne des Herzens ausfahren. Aber ich kenne Tausende, die dieses große Schweigen der Berge lieben gelernt haben.

Die zweite Wegweisung hin zum Unendlichen fällt mir gar nicht leicht auszudrücken. Ich möchte sie das Ragende nennen. Wenn man vor der Tausendmeterwand steht, vor einem Dom, den Weltzeitalter gebaut haben, dann fühlt man diesen Riss nach oben. Das Auge wandert über diese Architektur der Wände und Kamine, der Bänder und Überhänge hinauf bis zum schimmernden Grat. Ich habe beim Einstieg eigentlich immer das erlebt, was Rudolf Otto vor fast einhundert Jahren als das Kennzeichnende des Heiligen beschrieben hat – diese Mischung von Tremendum und Fascinosum, das Erschauernde und das Anziehende.

Man muss sich immer auch ein wenig überwinden, in dieses Abenteuer „nach oben“ einzusteigen, und man muss sehr viel „transcendere“, „übersteigen, überschreiten“ – und darin liegt ein Zug zur Transzendenz. Und weiters demonstrieren die Berge das Bleibende. Mein Inntal kenne ich heute gegenüber dem der Kindheit kaum wieder – so sehr hat es sich verändert, sind Städte und Dörfer gewachsen, Verkehrswege und Autobahnen gebaut worden.

Aber die Berge haben keine Miene verzogen. Nordkette und Serles haben ihre Konturen nicht verändert. So wie sie sind, hat sie schon der Steinzeitjäger vor 10?000 Jahren gesehen. Hochwald und Jungwald haben in meiner Lebenszeit gewechselt, aber die Felsen der Schlucht, in der wir am Bach gespielt haben, sind genau so drohend und kühn wie damals. Die steinernen Konturen der Bergketten, die unbeweglich über den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte verharren, singen eine leise Strophe von der Ewigkeit.

Es gibt noch ein Erleben in den Bergen, das dem Herzen Flügel verleiht und es über den Engführungen und Kleinkariertheiten des Alltags kreisen lässt wie die eleganten Flugkünste der Bergdohlen. Es ist die Erfahrung der Weite. Am Strand des Meeres kann sie jeder haben. In den Bergen nur der Bergsteiger, der die Gipfelstunde genießt. Aber da ist sie überwältigend. Wenn man einen Herbstmorgenhimmel am Habicht feiert, mit dem Blick vom Triglav in Slowenien bis zu den Lechtaler Bergen, von den Höhen am Gardasee bis zum Dachstein, diesen gewaltigen, sonnenerleuchteten Rundhorizont über den Tälern und Schicksalen, den Schatten und den Talnebeln, die so oft über unserem armseligen, kleinen Menschsein liegen – dann wird die Botschaft der Offenbarung, dass ein umarmender, liebender Gott die Welt umgreift, doch etwas glaubwürdiger als die Erklärung, dass hinter alldem weiter nichts stünde als ein Mix aus Zufall, Tanz der Atome und physikalischen und chemischen Prozessen.

Es gibt ein Psalmwort: „Du hast mich herausgeführt ins Weite.“ Als Bergsteiger kann man es manchmal gut nachempfinden. Und es geht ja nicht nur um eine weite Aussicht. Es geht darum, dass unser Herz immer wieder aus der Beschränktheit und der Enge aller Verstrickung in das Ich und in Nebensächliches ausbricht, in eine „magnanimitas“, wie Thomas von Aquin diese Haltung genannt hat, das „Sich-Spannen des Geists und des Herzens auf die großen Dinge …“.

Und schließlich tritt uns der Berg noch in einer herberen Rolle gegenüber: als Fordernder. Er hält nichts vom Nulltarifglück, das die Spaßgesellschaft anpreist. Er verschreibt dem schaumgummigewohnten, knopfdruckgeübten Zivilisationsmenschen Rucksack, Schweiß und Serpentinen, Klettern, Keuchen, Muskelkater, verweigertes Postkartenwetter mit Nebelfetzen und Regenschauer. Verlangt Rücksicht und Vorsicht, Verantwortungsbewusstsein und Kameradschaft, Wissen um eigene Grenzen und Absage an alle Hybris. Er hat eine lange Preisliste, der Berg, vor allen Gipfelfreuden und Hochgefühlen.

Das Kreuz auf den Gipfeln unserer Heimat ist kein Fremdkörper. Es erinnert an das Gesetz allen Heils, dass vor dem Ostersonntag der Karfreitag steht. Ich weiß: Nicht jeder, der heute in die Berge geht, wird mir auf diesen Routen folgen, die ich hier andeute. Aber ich kenne Tausende aus Alpinkursen und Wanderwochen und Tausende aus Briefen aus aller Welt und allen Konfessionen, die diese – fast möchte ich sagen – mystische Seite des Bergs gefühlt haben wie ich.

Wenn man durch die Heilige Schrift, die Weltliteratur, die Riten und Heiligtümer vieler Völker der Erde surft, dann könnte man in einer kühleren psychologischen Sprache wohl sagen: Der Berg ist ein Urbild, ein Archetyp im Sinne C. G. Jungs, der weltweit eine tiefe Affinität zum Religiösen hin hat. Aber für den, der vor den schimmernden Gletschern und den Dolomitenwänden im Abendlicht nicht nur in psychologische Analysen versinkt, sondern existenziell berührt ist und in Ehrfurcht vor diesem Wunderwerk der Schöpfung steht, für den sind die Berge eine Vorhalle des Glaubens.