Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Schmerz im Gepäck

Nichts ist mehr, wie es war: Wenn der Partner stirbt, scheint auch das eigene Leben still zu stehen. Wie der Schmerz die eigene Persönlichkeit prägt und wie es gelingen kann, mit dem Verlust zu leben, das haben Susanne H. und Christine W. erfahren. Beide Frauen haben ihren Mann verloren – und befinden sich heute in ganz unterschiedlichen Phasen der Trauer. 

Kraft finden für ein neues Leben: Die Trauer um den Partner bleibt, sie nimmt nur andere Formen an. (Foto: sassi/pixelio)


Im Juli des vergangenen Jahres fuhr Christoph nach Österreich in die Berge, um dort zusammen mit einem Freund Steine und Mineralien zu suchen – ein großes Hobby. „Abends haben wir noch miteinander telefoniert, er hat sich total darauf gefreut“, erinnert sich Susanne H. Ein Tag später stand die Polizei vor ihrer Türe: Ihr Mann sei an einem plötzlichen Herzinfarkt gestorben.

Was folgte, war eine Zeit der völligen Fassungslosigkeit. „Ich dachte, ich muss sterben und stand lange unter Schock. Das hilft einem aber, irgendwie zu überleben“, sagt sie. Die vielen Formalitäten, die es zu erledigen galt, die Vorbereitungen für die Trauerfeier, all das nahm in den ersten Wochen ihre Kräfte und Konzentration in Anspruch. „Ich hatte das Gefühl, ich will ihn beschützen und begleiten“, beschreibt sie es.

Die Monate danach waren geprägt von unzähligen unterschiedlichen Gefühlszuständen. Der Schmerz, sagt sie, kam dann nach und nach, in abwechselnd kleinen und großen Dosen. „Das war und ist mit nichts vergleichbar. Meine Welt war aus den Fugen“, sagt Susanne H. Fast unbegreiflich erschien es ihr, dass die Welt um sie herum nicht tatsächlich in Trümmern lag, sondern alle Häuser in der Stadt noch am selben Platz standen wie zuvor. Es waren Kleinigkeiten, die der Stuttgarterin halfen, irgendwie weiterzugehen, Schritt für Schritt. Die Bestatterin, mit der sie die Trauerfeier gestaltete, Freunde, die für sie da waren, ihre beiden Katzen, die auf ihre eigene Weise mittrauerten. Trauergruppen, in denen sie Gleichgesinnte traf, mit denen sie sich eng verbunden fühlt. „Dadurch hatte ich nicht mehr das Gefühl, alleine zu sein.“ Und Trauerliteratur, Ratgeber, in die sie sich hineinvertiefte.

Heute, anderthalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes, hat Susanne H. gelernt, die Trauer auszuhalten und damit umzugehen. „Sie ist wie ein ständiger Begleiter geworden“, erzählt sie. Die Schmerzattacken kommen aus heiterem Himmel. Zum Beispiel dann, wenn sie im Supermarkt steht und Christophs Lieblingsnudeln im Regal entdeckt. Oder beim Aufstehen morgens, wenn die Wohnung leer ist.

Ihr Platz, spürt sie, ist hier, in dem gemeinsamen Haus. „Am Anfang dachte ich noch, hier kann ich nicht bleiben.“ Die Spuren ihres Mannes sind in der Wohnung noch überall präsent. Vor allem in seinem Zimmer, das sie erst lange Zeit nach seinem Tod betreten konnte. Der Respekt vor seinen persönlichen Dingen ist geblieben. Doch mittlerweile haben sich aus den Besuchen dort ein paar Rituale entwickelt, die tröstlich sind. So zündet Susanne H. regelmäßig eine Kerze an und schlägt dazu eine der tibetischen Glocken, die in seinem Zimmer stehen.

Auf dem Esszimmertisch liegt ein schwarzes Buch. Darin notiert die Künstlerin jeden Tag eine Erinnerung aus der gemeinsamen Zeit. „Dadurch bleiben die Erlebnisse plastisch.“ Als beeindruckend erlebt sie in all dem Erinnerungsstrudel, dass beim Gedanken an die Beziehung das lineare Zeitgefühl verloren geht. „Die Façetten aus 20 gemeinsamen Jahren sind alle gleich präsent und gleichwertig.“
Anfangs hat Susanne H. viel Trost am Grab von Christoph gefunden. Inzwischen spürt sie seine Gegenwart stärker in der Natur, bei der Arbeit im gemeinsamen Garten. „Er ist in mir noch ganz lebendig“, sagt sie. Und: „Ich habe immer den Schmerz im Gepäck, bin aber nicht ständig darin versunken.“ An sich selbst hat sie beobachtet, „dass ich mich im Vergleich zur Anfangszeit geöffnet habe“.

Sie habe inzwischen neue Menschen in ihr Leben gelassen. Auch an den ersten Wanderkurzurlaub alleine, ohne ihren Christoph, hat sie sich jetzt zum ersten Mal gewagt. Trotzdem kann sie mit dem Begriff „Loslassen“ nichts anfangen. „Ich werde mit ihm verbunden bleiben, die Trauer wird zu meinem Leben gehören“, davon ist sie überzeugt. Doch nicht nur das: Der schmerzliche Verlust ihres Lebenspartners habe sie selbst stark verändert, sagt Susanne H.: „Früher war ich eine ständige Macherin. Heute lebe ich viel intuitiver, plane nur noch von Tag zu Tag.“

Auch im Leben von Christine W. hat sich nach dem Tod ihres Partners fast alles verändert. Zwölf Jahre sind es inzwischen her, dass ihr Mann an Krebs starb. Ein langsamer Abschied, wie sie sagt, und doch für sie ebenfalls kaum fassbar: „Er hatte sich damit abgefunden. Ich habe immer geglaubt, es passiert noch ein Wunder.“

Die heute 61-Jährige lernte ihren Mann im Alter von 19 Jahren kennen. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick. Sie zogen früh zusammen, zunächst in das Haus ihrer Eltern. Später dann in ein eigenes Haus mit Garten in der Nähe von Marbach am Neckar. „Wir haben uns zusammen die Welt erschlossen, sind viel gereist“, beschreibt Christine W. die gemeinsamen Jahre.

Besonders intensiv sind ihre Erinnerungen an den Sommer im Jahr 2003. „Die glücklichste Zeit meines Lebens“, sagt sie heute. „Wir hatten es uns in unserem Haus und Garten gerade so schön eingerichtet.“ Im Herbst fuhren beide nach Frankreich, ließen auf der Terrasse die fast 30-jährige gemeinsame Zeit der Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen Revue passieren. Ein Jahr später folgte die Diagnose der unheilbaren Krankheit.

Trotz der seelischen Qualen hat Christine W. die letzten gemeinsamen Monate, als sie zuhause ihren Mann pflegte, als „ganz intensive Zeit“ in Erinnerung behalten.  „Wir waren uns sehr nahe“, sagt sie. Als er starb, war sie froh, „dass er nicht mehr leiden musste“. Als fast unwirklich beschreibt sie die erste Zeit nach seinem Tod. „Ich war ganz ruhig, heiter und friedlich und stand wahrscheinlich noch unter Schock.“

An die erste Zeit ohne ihn hat sie jedoch nur dunkle Erinnerungen. „Ich dachte zuerst, ich halte es nicht aus. Es hat Jahre gebraucht, bis es mir etwas besser ging“, sagt sie. Durch Zufall stieß sie in der Zeitung auf einen Bericht über eine Trauergruppe für Frauen. „Das war meine Rettung.“ Sie besuchte gleich mehrere Treffen in der Umgebung, fand dabei viel Trost.

Als überwiegend enttäuschend erlebte sie die Reaktionen im Bekanntenkreis. „Du findest bestimmt wieder jemand anderen“, „Das Leben geht weiter“, oder „Die Zeit heilt alle Wunden“: Wenn Christine W. die Phrasen, Ausdruck der Hilflosigkeit, aufzählt, wird sie immer noch wütend. Als viel hilfreicher habe sie empfunden, einfach über ihren Mann reden zu können, gefragt zu werden, wie ihr es ohne ihn wirklich geht

Heute lebt die pensionierte Bauzeichnerin alleine. Sie verbringt einen Großteil ihrer Zeit damit, sich an der Frauenakademie in Psychologie und Philosophie weiterzubilden, besucht Vorträge, macht Qi Gong und arbeitet ehrenamtlich als Hospizhelferin. „Ich habe aus der Situation das Beste gemacht, bin selbstständiger und selbstbewusster geworden“, sagt sie.

Trotzdem kommen „die Einsamkeitsattacken“ immer wieder. „Wenn ich etwas Besonderes erlebt habe, will ich es immer noch meinem Mann erzählen“, sagt sie. Trotz des großen Schmerzes – eine wichtige Erkenntnis hat Christine W. aus den Zeiten der Trauer mitgenommen: „Meine Seele sorgt für mich.“