Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Schmerz im Gepäck - Depression

An die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit zu kommen, erleben viele Menschen. Auch Christen sind nicht davor geschützt – selbst wenn der Glaube noch so fest ist. Wie fühlt es sich an, wenn das Fundament des Lebens erschüttert wird? Zwei gläubige Protestanten erzählen von ihren Erfahrungen mit Depression und mit einem Erschöpfungszustand.

Vertrauen zu Gott, Gebet. Foto: picture alliance

Persönliche Rückschläge zu verkraften und zu verarbeiten, kann schwierig sein. Auch der Glaube hilft in solchen Situationen oft nur bedingt. (Foto: picture-alliance)

Wann er das erste Mal Anflüge von depressiver Verstimmung verspürt hat? Andreas Mast muss nicht lange überlegen. „Da war ich noch Schüler.“ Schon als Jugendlicher habe er das Gefühl gehabt, „einen großen Schmerz mit mir rumzutragen“. Die Probleme von zuhause „waren einfach zu groß“, sagt der 43-Jährige im Rückblick.

Andreas Mast ist in Effringen aufgewachsen, einer kleinen Gemeinde im Nordschwarzwald. In der heimischen Kirchengemeinde fasst er schnell Fuß, fühlt sich in der Jungschar, wo er viele Freunde kennenlernt, zuhause. Schon früh macht er sich Gedanken über Glaubensfragen. Gebete sind selbstverständlicher Teil des Familienalltags, ohne dass ihm von Seiten seiner Eltern etwas aufgezwungen wird.

Der junge Mann lernt Gitarre spielen, auch Fußball begeistert ihn. Mit 20 Jahren besucht er eine Kurzbibelschule und entscheidet sich schließlich, Evangelische Theologie und Mathematik auf Lehramt zu studieren. „Es war mir ein persönliches Bedürfnis, meinen Glauben zu leben“, sagt er.

Andreas Mast, Autor, findet man redet zu wenig über die Verheißung nach dem irdischen Leben. (Foto: Thomas Fritsch)

Depression - Suche nach der Leichtigkeit im Leben

Doch die Probleme zuhause belasten ihn schwer, holen ihn immer wieder ein. Der Vater, alkoholkrank, scheitert als Selbstständiger und treibt die Familie damit in den Ruin. Als Andreas Mast 14 ist, wird das Haus, in dem die Familie lebt, zwangsversteigert. Die Eltern trennen sich. Seine Mutter zieht ihn und den drei Jahre älteren Bruder alleine auf, arbeitet bei der Post, damit sie über die Runden kommen. Unterstützung erhält die Familie von der Großmutter, bei der die drei wohnen dürfen.

„Ich habe mich damals komplett zurückgezogen, wollte meine Mutter nicht auch noch mit meiner schlechten Stimmung belasten“, erinnert sich Andreas Mast. Einen Schulpsychologen, dem er sich hätte anvertrauen können, gab es damals noch nicht. Auch später erzählt er nur wenigen Freunden von seinen Depressionen. „Ich hatte in der Jugendarbeit eine leitende Aufgabe, gab mich nach außen hin immer positiv. Aber innerlich sah es ganz anders aus.“

Die Angst, Fehler zu machen, begünstigt Depressionen

Beim Fußballspielen, im Verein, wächst die Angst davor, Fehler zu machen. Als Torwart fällt es ihm schwer, Rückschläge nicht als persönliches Scheitern aufzufassen. Später beschäftigt ihn der Fall Robert Enke, dessen Suizid bundesweit Schlagzeilen machte, nachhaltig: Als er 2009 vom Tod des Profifußballers von Hannover 96 erfährt, ist er tief getroffen. Gleichzeitig ist dessen Schicksal für ihn Antrieb, das Thema Depression offen anzugehen.

 

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Doch bis dahin muss er erst lernen, Rückschläge zu verkraften: Beim Studium fällt er durch das erste Staatsexamen. Mit dem Druck, dass sein Bestehen von einer entscheidenden mündlichen Prüfung abhängt, kommt er nicht klar. Er kämpft mit Selbstzweifeln, eine unglückliche Liebesgeschichte macht ihm zu schaffen. Die Angst vor dem Scheitern wird immer größer, nach dem zweiten Versuch bricht er sein Studium ab. Gleichzeitig stirbt sein Vater. Andreas Mast wird bei der Beerdigung mit seiner eigenen und dessen Vergangenheit konfrontiert. „Ich musste erfahren, was er inzwischen für ein glückliches Leben mit seiner neuen Familie geführt hat.“

Andreas Mast beschließt, eine Psychotherapie zu machen. Mehr noch als die Gespräche hilft es ihm, seine Gedanken und Teile seines Lebens aufzuschreiben. Schritt für Schritt wagt er sich wieder an Neues heran. Trotzdem fühlt er sich in der Gesellschaft oft fremd. „In meinem Bekanntenkreis wurden Familien gegründet und Häuser gebaut. Ich habe in einer anderen Welt gelebt.“

Gitarrespielen lindert Depression, Andreas Mast

Andreas Mast gelingt es heute besser, für sich zu sorgen. Auch das Gitarrespielen gibt ihm Kraft. Trotzdem sucht er oft noch nach der Leichtigkeit im Leben. (Foto: Thomas Fritsch)

Doch allmählich schafft er es, wieder besser für sich zu sorgen, fängt an, Gitarren- und Nachhilfeunterricht zu geben. Er merkt, wie sehr ihm das Schreiben hilft, und veröffentlicht zwei Bücher. Eines ist ein Kriminalroman, der sich auf unterhaltsame Weise mit den Themen Depression und Glauben beschäftigt. Damit möchte er ein heikles Thema für Außenstehende leichter zugänglich machen.

Das andere Buch ist eine Art „Plädoyer für das Evangelium vom Reich Gottes“, wie er es beschreibt. Denn: „Man redet zu wenig über die Verheißung nach dem irdischen Leben.“ Dabei sei es aus dieser Vorfreude heraus einfacher, im Moment zu leben, sich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen, ist er überzeugt.

Der Schwarzwälder forscht unermüdlich nach Antworten auf Fragen, zu denen ihn seine Lebensbiografie getrieben hat: „Was hat es mit der Liebe Gottes überhaupt auf sich? Und was nützt dem Kind die Liebe des Vaters, wenn diese einen nicht erreicht?“

Bis heute gibt es Rückschläge. Noch immer sucht Andreas Mast nach seinem richtigen Platz im Leben, nach der Leichtigkeit. „Auch als Christ ist es ein Kampf, damit klarzukommen“, sagt er. Doch seine Familie gibt ihm Rückhalt. Inzwischen schafft er es, mit seinem Bruder und seiner Mutter offen über das Thema Depressionen und über die gemeinsame schwierige Vergangenheit zu reden.

Depression - Wie ein grauer Schleier

Auch Barbara König (Namen geändert) weiß, wie es sich anfühlt, an die Grenze der eigenen Kräfte zu kommen. Vor 14 Jahren erlitt die engagierte Gymnasiallehrerin und Theologin einen Zusammenbruch. Die heute 54-Jährige kann sich noch gut daran erinnern, wie hilflos sie sich fühlte. „Ich wachte an einem Samstag auf und spürte: Nichts geht mehr. Mir war klar wenn ich jetzt nicht aufpasse, rutsche ich ein Loch, aus dem ich nicht mehr rauskomme.“

Unter Tränen schilderte sie ihrem Hausarzt ihren Zustand. „Ich habe ihm gesagt: ,Ich kann einfach nicht mehr‘. Es hat sich angefühlt, als ob über meinem Leben ein grauer Schleier liegt.“ Der Arzt diagnostizierte bei ihr ein „Burnout“, einen Erschöpfungszustand. Barbara König bekam eine Kur genehmigt, erhielt medikamentöse Unterstützung. „So kam ich erst wieder in den Zustand, in dem ich eine Therapie annehmen konnte.“

Der dreiwöchige Aufenthalt auf einer Nordseeinsel veränderte vieles – und gab der Mutter eines damals achtjährigen Sohnes den Anstoß, ihr Leben zu überdenken. In Therapiegesprächen wurde ihr bewusst, dass nicht nur eine Konfliktsituation im beruflichen Umfeld, sondern auch die verdrängte Trauer um ihren verstorbenen Vater verantwortlich für ihren Zusammenbruch war.

Gleichzeitig genoss sie es, während der Kur endlich einmal Zeit für sich und ihre Bedürfnisse zu haben, umsorgt zu werden, anstatt selbst alles in die Hand zu nehmen.

Depression überwinden - ein Prozeß

Trotzdem dauerte es drei Jahre, bis sie ihr seelisches und körperliches Tief wieder ganz überwunden hatte. Denn auch wenn ihr die Kur gut tat, wusste sie, dass sie in ihrem Leben einiges neu regeln musste, um nicht gleich wieder einen Rückschlag zu erleiden. Zweimal wechselte Barbara König die Schule, bis sie ein berufliches Umfeld gefunden hatte, das für sie passte und wo andere für ihren Zustand Verständnis zeigten. „Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht, dass es mir derzeit nicht gut geht.“ Die Anteilnahme von Kollegen und Freunden half ihr, wieder Fuß zu fassen. Und ihr wurde bewusst, „dass das Fragile des Lebens die schönen Seiten viel wertvoller macht“.

In dieser Zeit kamen viele Erinnerungen an ihre Kindheit hoch. An den Vater, der Pfarrer war und unter depressiven Verstimmungen litt und deshalb in eine Klinik musste.

Barbara König erinnert sich noch lebhaft daran, wie dieser einmal zuhause am Essenstisch saß und sagte: „Ich kann heute nicht auf der Kanzel predigen.“ In solchen Situationen sprang dann ihre Mutter, ebenfalls Pfarrerin, kurzfristig für ihn ein. Für Barbara König eine prägende Erfahrung. „Für mich ist er damit bis heute ein Vorbild: weil er als Christ zu seiner Erkrankung stand und seine Grenzen erkannte.“

Für sie ein Zeichen von Stärke. „Es hat mich beeindruckt, wie ehrlich er mit seinem Zustand umge-gangen ist.“ Von dieser Haltung hat sie viel für sich selbst mitnehmen können. „Mir war klar, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich vor Gott schwach zeigt.“

Wacholderstrauch am Meer. (Foto: Ojkomenia / pixaby)

Elia - Trost in der Depression

Bestätigung findet sie für sich in der biblischen Geschichte von Elia, der in die Wüste zum Berg Horeb flieht (1. Könige 19). Dort legt er sich erschöpft unter einem Wacholder nieder und wünscht sich zu sterben. Bis ein Engel ihn wiederholt dazu auffordert: „Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor dir“ Danach schafft er es, 40 Tage in die Wüste zu gehen.

Für Barbara König ein Fingerzeig, an die eigenen Kräfte zu denken, anstatt sich selbst ständig unter Leistungsdruck zu setzen. „Es ist nicht Gott, der zu einem sagt ,Jetzt reiß dich zusammen!‘. Gott ist vielmehr wichtig, dass der Mensch sich zwischendurch stärkt und nicht vergisst, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.“

Auf sich selbst zu hören, dass musste auch sie wieder neu lernen. Das Wissen, dass es Rückzugsorte gibt, die ihr neue Energie schenken können, hilft. Als Barbara König vor einiger Zeit in einer Lebenskrise steckte, zog sie sich für eine Woche ins Kloster zurück. Von dort kam sie „mit einem ähnlich aufgeräumten Gefühl“ zurück, wie damals von ihrem Kuraufenthalt. „In solchen Auszeiten werde ich mir bewusst, wie wichtig es ist, seine persönlichen Grenzen zu beachten. Und es tut gut, die Verantwortung eine Zeit lang loszulassen – und Abstand vom ständigen Aktionismus zu nehmen.“

Info

Die Bücher von Andreas Mast sind im Eigenverlag erschienen. Mehr über ihn und seine Bücher im Internet unter www.andima.de sowie unter www. himmlische heimat.de

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