Christliche Themen für jede Altersgruppe

Den Tag gut strukturieren

Für manche ist es seit Jahren Alltag, andere mussten es durch die Corona-Pandemie erstmals ­ausprobieren: das Arbeiten im „Homeoffice“, also von zuhause aus. Wie unterscheiden sich die ­Herangehensweisen? Welche Rahmenbedingungen können hilfreich sein? Unsere Autorin schildert eigene Erfahrungen und hat in ihrem Bekanntenkreis nachgefragt.


Jessica Müller es schon gewohnt ist, daheim zu arbeiten (Foto: privat).

Dienstagnachmittag. 14 Uhr. Seit Corona heißt es auch für mich: Homeoffice. Die Familie ist informiert, dass ich jetzt „im Büro“ bin. Das Handy ist auf Flugmodus gestellt. Jetzt kann es losgehen. Die nächsten Stunden sollte ich ­konzentriert arbeiten können. Ich vertiefe mich gerne in meine Aufgabe. Multitasking funktioniert für mich nicht. Ungestörtes Arbeiten, das war früher in den Redaktionsräumen nur ganz früh morgens oder abends nach 17 Uhr möglich. So gerne ich im direkten Austausch mit Kollegen bin: Im Homeoffice klappt das konzentrierte Arbeiten besser. Ich frage mich: Wie geht es eigentlich den anderen mit dieser neuen Arbeitssituation daheim? Ich frage in meinem digitalen Netzwerk nach.

Der Erste, der sich meldet, ist Oberkirchenrat Norbert Lurz, Bildungsdezernent der Württembergischen Landeskirche. „Seit dem 20. März haben wir alle im Dezernat von daheim aus gearbeitet. Aufgrund eines CoronaVerdachtsfalls bin ich schon einige Tage früher freiwillig in Heimquarantäne gegangen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrungen mit dem Arbeiten von daheim. Das ist jetzt natürlich anders“, erzählt er.

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Jessica Müller ist Online-Marketing-Spezialistin. Sie arbeitet die Hälfte ihrer Arbeitszeit als Angestellte, die restliche Zeit ist sie selbständig tätig. Homeoffice gehört für sie seit gut drei Jahren zu ihrem Arbeitsalltag: „In meiner Selbständigkeit habe ich schon immer von daheim aus gearbeitet. Neu ist für mich, dass ich seit Corona auch in meinem Angestelltenverhältnis von daheim aus arbeite. Das war vor allem zu Beginn eine Umstellung.“

Anita Raidl aus Österreich erzählt: „Ich arbeite selbständig als Trainerin und Coach und bin daher nur im Homeoffice.“ Das sei auch schon vor Corona so gewesen. „Daher hat sich mein Arbeitsalltag bis auf den Wegfall der Live-Veranstaltungen nicht großartig verändert.“

Drei Menschen – drei unterschiedliche Tätigkeitsbereiche. Ich bin neugierig und möchte wissen: Wie sieht der Arbeitsplatz daheim denn aus? „Ich habe zu Hause keinen festen Arbeitsplatz“, erzählt Norbert Lurz mir. „Ich lebe mit meiner Frau und unseren drei Söhnen zusammen. Natürlich ist unser Familienalltag ziemlich turbulent. Ich suche mir jeden Tag mit meinem Laptop einen neuen Arbeitsplatz in unserem Haus und genieße diesen täglichen Wechsel.“

Jeden Tag den Platz wechseln? Das wäre nichts für mich. Mir ist ein eigener Arbeitsplatz wichtig. Er hilft mir, innerlich einen Anker zu setzen. Sobald ich an meinem Schreibtisch sitze, weiß ich: Ab jetzt gelten Fokus und Konzentration. Entspannung und Unterhaltung kommen erst wieder, wenn die Arbeit erledigt ist und ich den Schreibtisch wieder verlassen kann.

So halten es auch Jessica Müller und Anita Raidl. Beide haben deshalb in eine hochwertige Büroeinrichtung investiert. „Erfolg beginnt damit, dass du dich selbst wertschätzt und dir deinen Arbeitsplatz daheim so gestaltest, dass du dich dort wohlfühlst“, erklärt Anita Raidl. Um Krankheiten vorzubeugen, hat Jessica Müller Anfang dieses Jahres zusätzlich noch in einen höhenverstellbaren Schreibtisch investiert. Eine Entscheidung, für die sie sich selbst bis heute sehr dankbar ist: „Die technische Ausstattung des Arbeitsplatzes sollte auch im Homeoffice im Verantwortungsbereich des Arbeitgebers liegen. In der IT-Branche ist dies schon längere Zeit Standard.“

Doch was ist, wenn der Trick mit dem eigenen Arbeitsplatz nicht funktioniert? Wie können wir uns daheim selbst besser organisieren und unsere Zeit besser einteilen? „Ich plane mir meinen Tag immer einen Tag im Voraus“, berichtet Norbert Lurz, „dann weiß ich genau, was mich am Folgetag erwartet. Ich habe durchschnittlich vier bis fünf digitale Meetings pro Tag. Das gibt mir einen klaren zeitlichen Rahmen vor und erleichtert mir die Selbstorganisation.“ Natürlich sei daheim der Wechsel zwischen Arbeit und Privatleben fließender. „Ich versuche daher, mir eigene Rituale zu schaffen, die für mich diesen Wechsel markieren. Das kann zum Beispiel der abendliche Spaziergang mit unserem Hund sein oder ein Abendgebet“, erzählt Norbert Lurz.

„Ich war schon immer sehr organisiert und strukturiert“, berichtet Jessica Müller, „meine Eltern haben mir das vorgelebt und ich habe dieses Verhalten für mich übernommen. Trotzdem gibt es durchaus Unterschiede zwischen meinen Arbeitstagen daheim: Wenn ich für meinen Arbeitgeber tätig bin, dann halte ich mich auch im Homeoffice an die ‚Bürozeiten‘ von 9 bis etwa 17 Uhr.“ Wenn sie für ihre eigenen Projekte arbeite, seien die Arbeitszeiten flexibler. „Bei schönem Wetter mache ich dann zum Beispiel gerne eine längere Mittagspause und hole die Stunden abends nach. Ich genieße diesen Freiraum“, sagt sie.

Für Anita Raidl ist Termintreue ein absolutes Muss. Ihren Arbeitstag an sich gestaltet sie aber von Tag zu Tag individuell: „Bei mir gibt es keine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben, das ist auch gar nicht mein Ziel.“ Sie habe zwar definierte Punkte, die sie pro Tag umsetzen möchte, aber die Rahmenbedingungen passe sie immer an ihre Bedürfnisse und die ihrer Familie an. „Das ist ja das Schöne an der Selbständigkeit: Am Ende des Tages muss ich nur mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen!“

Ich werde nachdenklich: Den typischen Alltag im Homeoffice – den gibt es wohl nicht. Jedes Zuhause ist unterschiedlich und somit ist auch jeder Arbeitsalltag daheim etwas ganz Persönliches. Ist das schlimm? Ich glaube nicht. Homeoffice – das bedeutet Freiheit und Herausforderung zugleich: Ich kann selbst entscheiden, wie ich arbeiten möchte. Ich bin aber auch in der Verantwortung, den selbst gewählten Rahmen einzuhalten.

Wie das gelingen kann? Zum einen müssen wir uns alle Zeit geben, Dinge auszuprobieren. Zum anderen dürfen wir uns selbst besser kennenlernen: Was tut mir gut? Wie kann ich selbst am produktivsten sein? Und der wichtigste Punkt ist, dass uns die Arbeit Spaß macht. Dann sind die Einhaltung eines Zeitplans und die Beschäftigung mit Themen kein lästiges Muss, sondern eine selbst gewählte Aufgabe, die uns Bedeutung und Sinn für unser Leben gibt.

Ich schaue auf die Uhr. 18 Uhr. Mensch, die Zeit verging wie im Flug. Jetzt darf ich „Feierabend“ machen. Und der beginnt drei Meter weiter in unserem Wohnzimmer bei meiner Familie. Oder gehe ich doch noch eine Runde Joggen? Der Waldweg beginnt direkt vor unserer Haustür. Und fast vergessen, das Handy kann ich jetzt auch wieder einschalten. Morgen ab 9 Uhr geht es dann weiter, mit meinem ganz persönlichen Homeoffice.


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