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Der Attacke die Stirn bieten - Angst ist eine Chance

Aus dem Nichts heraus hatte der Autor Martin von Arndt Panik-Attacken. In einer Klinik und anschließend in einer Therapie hat er gelernt, mit der Angst umzugehen. Dass die Attacken wieder kommen könnten, ist ihm bewusst. Aber jetzt weiß er, was er tun muss.

Ein Besuch im Kino war für Martin von Arndt eine Zeit lang unvorstellbar. Foto: adobe stock/ master1305Ein Besuch im Kino war für Martin von Arndt eine Zeit lang unvorstellbar. Foto: adobe stock/ master1305

Angefangen hatte alles harmlos. Vor etwas mehr als vier Jahren, im Schottland-Urlaub, zog sich Martin von Arndt eine schwere Erkältung zu. Noch Wochen später waren die Bronchien belegt. Nachts wachte er auf, zunächst mit Atemnot. Später mit hohem Puls und dem Gefühl, zu ersticken. „Am Anfang konnte ich das gar nicht zuordnen. Ich hatte so etwas ja noch nie gehabt“, sagt von Arndt. Erst dachte er, es sei normales Asthma. Doch dann kam heftiges Herzrasen dazu, ein Puls von 140 – für den leidenschaftlichen Hobby- und Ausdauersportler eine ungewöhnlich hohe Zahl für einen Ruhepuls. Normalerweise ist der viel niedriger.

Von Arndt fürchtete, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte. „Da liefen die Gedanken auf Hochtouren. Ich dachte, ich würde sterben.“ Und dann trat ein, was typisch ist: Plötzlich war es, als habe jemand einen Schalter umgelegt. Der Puls sank auf 50, Schweißausbrüche und Kreislaufkollaps inklusive Umkippen waren die Folge. Asthma konnte das nicht sein. „Das fühlt sich anders an“, sagt von Arndt aus Erfahrung.

Mit der Angst im Nacken - Pilgern von Arzt zu Arzt

Also ging der heute 52-Jährige zu vielen unterschiedlichen Ärzten. Die meisten konnten sich keinen Reim auf die Symptome machen. Bis ein Lungenarzt endlich die richtige Diagnose stellte: Panik-Attacken. „Ich hatte die ganze Zeit gedacht, irgend etwas ist in meinem Körper kaputt“, sagt von Arndt. Der Gedanke machte ihm große Sorgen. Die hörten mit der Diagnose auf. Denn damit hatten die nächtlichen Vorfälle nicht nur einen Namen bekommen, auch die Unsicherheit war auf einmal wie weggeblasen. Jetzt konnte von Arndt sich einlesen in Symptome, die Krankheit und ihre Behandlung. Jetzt war es einfacher, Wege zu suchen, damit umzugehen.

Weil die Attacken immer wieder kamen, ging von Arndt zu seiner Hausärztin. Die schickte ihn in eine Akutklinik. Dort war er einer von vielen, die dieselbe Erkrankung hatten wie er. Wenn er eine Attacke hatte, reagierten die anderen gelassen: „Na und? Haste halt ’ne PanikAttacke. Die tötet dich ja nicht!“ Das hat den Schriftsteller wieder geerdet. „So eine Attacke ist unangenehm. Man muss das aushalten lernen“, fasst er seine Erfahrung zusammen.

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Am Schlimmsten sei die Angst vor der Angst. „Ich sitze im Kino und könnte eine Attacke bekommen. Deshalb gehe ich schon gleich gar nicht mehr ins Kino“, beschreibt von Arndt den Mechanismus, der sich dann im Kopf abspielt. Dieses Denken sei ganz schlecht. Denn damit werde das Angst-System wieder hochgefahren. Wie man das durchbrechen kann? „Das geht nur mit therapeutischer Begleitung.“

Eine seiner Aufgaben war dabei, ein Angstdiagramm zu erstellen. Was macht ihm am wenigsten Angst, was am meisten? Die Ängste sollte er auf einer Skala von 1 bis 100 bewerten. Dann könne man entscheiden, ob man sich zuerst den kleineren Ängsten stellt oder gleich den größten. Martin von Arndt ist nicht gleich auf „Vollkonfrontation“ gegangen, wie er sagt. Seine Angst davor, unter Menschen zu gehen, hat er erst einmal in der Klinik abgelegt. „Da war es kein Problem.“ Aber die Welt „da draußen“, die hat er gemieden.

Um das zu überwinden, ist er anfangs eine halbe Stunde in der Stadt herumgelaufen. Nicht allein, sondern mit einer anderen Patientin. Eine halbe Stunde. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger. Das sei eine große Herausforderung gewesen. Die nächste Stufe war dann das Einkaufen, gefolgt vom Café-Besuch.

Später kam dann das Kino an die Reihe. „Das war extrem hart“, berichtet von Arndt. Die Aufgabe wurde durch eine zusätzliche Maßgabe noch schwerer: Er durfte sich nicht in die Nähe des Ausgangs setzen – schließlich hätte ihm das die „Flucht“ erleichtert.

Martin von Arndt hat gelernt, mit seiner Angst umzugehen, Autor, Musiker, .  Foto: Pressebild/ Ansgar NoethMartin von Arndt hat gelernt, mit seiner Angst umzugehen, Autor, Musiker, .  Foto: Pressebild/ Ansgar Noeth

Und so saß er am Rand, wieder zusammen mit einer Mitpatientin. „Zuerst haben wir uns Filme ausgesucht, in denen das Kino mit Sicherheit nicht voll war“, sagt von Arndt. Nach vier, fünf Kinobesuchen merkte er, dass das nun Routine war. Der nächste Schwierigkeitsgrad war dann ein volles Kino.

Angst-Attacken - Erst die Stadt, später das Kino

Seit er das geschafft hat, kann er auch wieder Lesungen vor Publikum abhalten und bei Seminaren „Kreatives Schreiben“ unterrichten. Vor der ersten Lesung hatte der Autor Sorge, dass ihn eine Panik-Attacke überfallen könnte. „Aber ich war auf die Lesung als solche so fixiert, da habe ich gemerkt, dass eine Attacke da gar nicht passieren kann.“

 

Mit Lesungen ist es jetzt, in Pandemiezeiten, nichts. Viele seiner Seminare wurden abgesagt, es gibt aber ein paar Online-Veranstaltungen. Von Arndt nutzte die Zeit, für ein neues Buch zu recherchieren und es zu schreiben. Während des Gesprächs sitzt ihm der erste Abgabetermin für seinen neuen Polit-Thriller im Nacken.

Das Eintauchen in eine andere Welt hilft ihm dabei, sich auf andere Dinge zu fokussieren als auf die Angst vor der Angst. Tägliche Meditationsübungen tun ein Übriges. Und natürlich der Sport. In der Regel ist er täglich mindestens zwei Stunden draußen unterwegs. Fährt Rennrad oder joggt, macht Musik. Seit der Therapie hatte er keine Panik-Attacke mehr.

Das müsse aber nicht so bleiben, meint er. Eine Attacke könne immer wieder kommen. Die Corona-Pandemie sei prädestiniert für Ängste. Das hat er an sich selbst bemerkt. Kurz vor dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr dachte er, es würde ihn wieder „erwischen“. Eine ängstliche Grundstimmung hatte sich in ihm breit gemacht. „Ich habe zu viel angeschaut. Jede Sondersendung. Alle halbe Stunde habe ich bei Online-Zeitungen geschaut, was es Neues gibt.“ Als er merkte, was er da tat und wie schlecht es ihm bekam, fing er an mit dem „Medienfasten“, wie er es nennt. Zweimal pro Woche hörte er sich kurze Zusammenfassungen an, ansonsten ignorierte er die Medien. Das Ergebnis: Er war viel ruhiger als sein Umfeld.

In der Therapie hat er viel gelernt darüber, mit seinen Ängsten umzugehen und die Warnsignale nicht nur wahrzunehmen, sondern auch entsprechend zu handeln. Dass er an die Öffentlichkeit geht mit seiner Erkrankung, ist für ihn wichtig. „Man muss dieses Thema aus der Tabuzone herausholen“, sagt er. Viele Menschen würden sich für ihre Angst schämen. Doch das müssen sie nicht.

Eindringlich wirbt von Arndt dafür, dass man sich Hilfe holen soll. „Die Angst ist hinterhältig. Sie nimmt einen gefangen.“ Menschen, die zu viel Angst haben, sollten sich einer Selbsthilfegruppe anschließen und eine Therapie beginnen. Denn eine Panik-Attacke gehe auch von allein wieder weg, „aber ohne Hilfe dauert sie viel länger“. Der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen und mit Therapeuten sei deshalb unverzichtbar. □

Selbsthilfegruppen für Menschen, die unter Depressionen oder Angst leiden, finden sich im

Raum Stuttgart unter www.arbeitskreis-depressionen.de

In Ulm unter: www.selbsthilfe buero-korn.de

Deutschlandweit: www.angst selbsthilfe.de

Der Autor, Musiker und Dozent Martin von Arndt im Internet: www.martinvonarndt.de