Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Duft des Glaubens

Was hat mein Glaube mit dem Alltag zu tun? Hinter dieser Frage steckt die Erwartung, dass Glaube und Alltag miteinander verbunden sind. Und dahinter steckt auch die Ahnung, dass Glaube und Alltag nicht unbedingt immer dasselbe sind. Wie Glaube im Alltag verankert werden kann.

Mal in die Natur gehen, um Bibel zu lesen: Das ist eine hilfreiche Unterbrechung des Alltags. (Foto: Alexander Romanov/123rf)

Unsere Sorgen und Ängste, unser Getriebensein von Stress, unerfüllten Wünschen und gescheiterten Anstrengungen, unser Kranksein und Altwerden – all diese „Verkrümmungen“ des Lebens widerstreben den guten Verheißungen des Glaubens wie Freude, Friede, Freiheit und Gelassenheit. Die Bibel nennt die Kräfte und Zwänge, die uns von Gott wegtreiben, „Anfechtungen“ oder „Versuchungen“.

Entscheidend ist: Ich bin von Gott gerufen. Das macht den Glauben aus, das, wie ich mich selbst verstehe – und wie ich mein Leben führe. Meine Lebensgründung ist die Basis dafür, wie sich der Glaube auf mein Leben auswirkt. Dieses Gerufensein durch Gott gibt meinem Dasein ein Fundament und ein bestimmtes Selbstverständnis. Es ist etwa ausgedrückt in dem Vers: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte!“ Gott beruft mich zum Leben als sein geliebtes Kind. Gottes Liebe hat schon immer auf mich gewartet.

Im Glauben ruft mich Gott heraus aus meinem Besetztsein von Selbstzweifeln, Selbstverachtung und Unzufriedenheit. Das ist die frohe Botschaft, das Evangelium: Ich habe die Würde, Kind Gottes zu sein. Diese Lebensgrundlegung durch Gottes Liebe ist sein großes Geschenk. Gottes Liebe macht mich bedeutend, macht mich wertvoll, macht mich wichtig, macht mich schön in Gottes Augen. Ich brauche mich nicht selbst krampfhaft bedeutend zu machen – und ich darf und soll mich nicht verachten, egal, wie viel Schatten und Fehler ich auch in meinem Leben entdecke. Das Annehmen und Ernstnehmen dieser Würde ist die Voraussetzung dafür, dass mein Glaube Auswirkungen hat auf meine Lebensführung.

Dass es im Glauben etwas zu lernen gibt über Lebensführung, wird daran deutlich, dass Jesus im Neuen Testament seine Jünger und Jüngerinnen in die Nachfolge ruft. Dieser Ruf wird im Neuen Testament als Weg beschrieben, als Prozess. Glaube ist etwas anderes als das Anerkennen von religiösen Ansichten. Glaube im neutestamentlichen Verständnis ist ein Weg der Verwandlung, den Gott mit mir gehen möchte.

Der Raum, der Gott eingeräumt wird, ist Entfaltungsraum für das, was mit der Nachfolge Jesu verbunden ist: Liebesfähigkeit, Freiheit, Freude, Dankbarkeit, Geduld, Hoffnung, Achtsamkeit, Mut – und als Wurzel von all dem: das immer wieder neue Hören auf Gottes Ruf. Nicht dass wir theologisch oder moralisch wissen, was richtig und falsch, fromm oder unfromm ist, ist der Kern des Glaubens, sondern dass wir uns im vertrauenden Mitgehen mit Gott gestalten, formen und verwandeln lassen. Mahatma Gandhi wurde einmal von christlichen Missionaren gefragt, was sie tun müssten, damit die Hindus die Bergpredigt, das Sinnbild für den christlichen Glauben, annehmen. Seine Antwort lautete: „Denken Sie an das Geheimnis der Rose. Alle mögen sie, weil sie duftet. Also duften Sie, meine Herren!“

Der Duft des christlichen Glaubens ist vor allem dort verlockend, wo er verheißungsvoll ist, ein Frühlingsduft. Es sind ganz elementare Dinge, die unserer Gesellschaft oft mangeln und die gerade deshalb unser besonderer Beitrag als Christen sind: dass ich mit meiner Begrenztheit und Schuld ehrlich umzugehen lerne in einer Zeit, in der Vertuschung und Schuldzuweisung an andere weithin der normale Umgang miteinander ist. Dass wir als Christen aus unserer Zeit und aus unseren Möglichkeiten nicht das Letzte herauspressen müssen, weil für uns das irdische Leben nicht die letzte Gelegenheit ist, weil wir auf eine gnädige Heilung und Vollendung hoffen dürfen um Jesu willen. Das wäre eine ganz besondere Freiheit in einer Gesellschaft, die durch und durch geprägt ist von der ständigen Angst, etwas zu verpassen.

Dass wir unser Leben, unsere Habseligkeiten und die Menschen, die uns begleiten, nicht als unser Recht oder als unser Eigentum behandeln, sondern diese Schöpfung, unsere Lebenszeit und Lebensbegleiter als Geschenke Gottes behandeln – in einer Welt, in der Dankbarkeit kaum etwas gilt, sondern vor allem das Recht des Stärkeren. Oder einfach weil ich nicht allein bin, wenn ich mich allein fühle. Dieses Gehaltensein, dieser heilende und beruhigende Duft der Geborgenheit im Glauben ist etwas Besonderes in einer Gesellschaft, die zunehmend unter Vereinzelung leidet.

Unser Vertrauen des Hineingehens in dieses herausfordernd schöne und schwere Leben wird von Gott gestützt. Das ist die Verheißung unseres Glaubens! Auch wenn uns diese Verheißungen im Alltag oft und leicht entgleiten. Deswegen haben feste Formen und Rituale ihren Sinn: Es ist wichtig, sich im Alltag unterbrechen zu lassen und immer wieder neu auf Gottes Verheißungen und Weisungen zu hören. Das wird durch das vierte Gebot ausgedrückt: „Du sollst den Sabbattag heiligen.“ Der Glaube braucht die regelmäßige Durchbrechung des Gewöhnlichen. Immer wieder wird in den Evangelien beschrieben, dass Jesus sich regelmäßig allein in die Stille zurückzieht, um sich ganz Gott zuzuwenden und zu beten. Gerade das Unterbrechen des Alltags macht den Glauben tauglich für den Alltag. Gottesdienst und Gebet, Stille, Bibellese, Gespräch über den Glauben – all das in guter Regelmäßigkeit –, das sind die nicht immer begeisternden Übungen der Lebensführung im Glauben. Sie sind für die Verankerung des Glaubens im Alltag unerlässlich.

Fulbert Steffensky hat diese Grundformen des Hörens im christlichen Glauben einmal treffend „Schwarzbrotspiritualität“ genannt. Also das Einfache, das aber unbedingt nötig ist. Diese geistlichen Unterbrechungen des Alltags sind kein Rückzug aus dem Alltag, sondern Möglichkeiten für Gott, mich zu verwandeln – vor allem dadurch, dass er redet und ich höre. Neben der „Schwarzbrotspiritualität“ in der Lebensführung des Glaubens gibt es einen Aspekt christlicher Lebensführung, den ich „Entdeckungsspiritualität“ nenne. Gemeint ist das erwartungsvolle Hineingehen in den Alltag – und nicht bloß ein skeptischer, erwartungsloser oder sogar verachtender Blick auf die Welt. In der christlichen Geschichte gab es immer wieder Tendenzen, die Alltagswelt abzuwerten, auch aus Angst vor der Berührung mit der Welt. In Jesus kann das kein Vorbild finden! Er hatte keinerlei Berührungsängste. Gott zeigt sich im Alltag, in einer besonderen Begegnung, in einem plötzlichen Moment gelungener Nähe, in einer Schönheit des Lebens, in einer besonderen Aufgabe.

Diese „Entdeckungsspiritualität“ ist der Mut, sich auf das Leben einzulassen, es zu wagen, zu suchen und auszuprobieren – und gerade aus dem Vertrauen des Glaubens heraus darauf gespannt zu sein, ob da nicht inmitten der Unscheinbarkeit des Alltags plötzlich Zeichen Gottes aufglänzen. Wenn ich im Glauben darauf vertraue, dass – wie Jesus sagt – das Himmelreich mitten unter uns begonnen hat – dann drückt sich Glaube im Alltag auch durch die Neugier aus, wie, wo und bei wem ich Gottes Gegenwart durchscheinen sehe in dem, was auf mich zukommt.