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Der Enkel des Kommandanten

Rainer Höß ist der Enkel des KZ-Kommandanten von Auschwitz. Als Erster in der Familie brach er das Schweigen und ging den schwierigen Weg in die Öffentlichkeit. Es brachte ihm nicht nur Freunde ein, doch ganz erstaunliche Erfahrungen mit Menschen aus Israel. Eine Begegnung im württembergischen Weil der Stadt, wo der 51-Jährige heute lebt. 

Der Enkel Rainer Höß: Viele in seiner Familie verübeln ihm, dass er seinen Großvater öffentlich verurteilt. (Foto: Benny Ulmer)


Rainer Höß findet den Begriff „Massenmord“ viel angebrachter als Shoa oder Holocaust. „Das verschleiert alles nur“, sagt der 51-Jährige, der radikal mit seiner Familie gebrochen hat. Als er begann, in der Vergangenheit he­rumzuwühlen, nahmen ihm die anderen das übel. Alle, außer der Mutter, die selbst aus allen Wolken fiel, als sie begriff, wer ihr Schwiegervater eigentlich war.

Der Name Rudolf Höß ist nicht jedermann geläufig. Manche verwechseln ihn mit Rudolf Hess, der 1941 nach England floh und in Spandau 1987 starb. Als Rudolf Höß, der Kommandant, 1977 in einem Spielfilm von Götz George porträtiert wurde („Aus einem deutschen Leben“), da hieß er Franz Lang, der Name, unter dem er nach dem Krieg zunächst in Norddeutschland untergetaucht war.

Die Familie verschlug es später nach Württemberg. „Alte Nazi-Netzwerke“, sagt Rainer Höß, der selbst 1965 in Walheim bei Besigheim geboren wurde. Danach folgten Freudental, Maulbronn, Ludwigsburg, Calw-Heumaden, Althengstett und schließlich Weil der Stadt, wo er heute wohnt.

Als Hedwig Höß, die Großmutter, 1964 im Auschwitzprozess vernommen wird, gibt sie als Wohnort Ludwigsburg an. Privat spielt sie noch immer die Rolle der Grand-Dame, lässt sich vom ehemaligen Fahrer von Rudolf Höß auch nach dem Krieg noch als „Frau Kommandantin“ ansprechen, wie sich Rainer Höß erinnert.

Für den Enkel war es keine schöne Kindheit. Die Atmosphäre ist kühl, vor allem der Vater verprügelt ihn. Er rebelliert, schlägt zurück, kommt in ein Heim für schwer Erziehbare und gerät später in den Sumpf von Drogen und Alkohol. Nur an die Mutter hat er gute Erinnerungen und an manch nette Stunde im Kindergottesdienst, in den er geschickt wird.

Rainer Höß ist evangelisch getauft, wie seine Mutter. Der Großvater war katholisch. Als höherer SS-Offizier interessiert ihn die Kirche nicht mehr, doch er tritt nie aus. Drei Wochen vor seiner Hinrichtung legt er bei einem polnischen Jesuitenpater ein katholisches Glaubensbekenntnis ab.
Rainer Höß weiß lange nicht, wie er mit der Vergangenheit umgehen soll. Es zerreißt ihn innerlich beinahe. Das Einzige, was er weiß, ist, dass er einen anderen Weg gehen will: Er verweigert den Wehrdienst, saugt alles auf, was er über die Zeit in Erfahrung bringen kann, bewundert Niklas Frank, den Sohn des Generalgouverneurs in Polen, der gnadenlos mit seinen Nazi-Eltern abrechnet. Niklas Frank ist einer von denen, die ihm weiterhelfen. Ein anderer ist der inzwischen verstorbene Calwer Journalist Olaf Sinner-Schmedemann, der als NS-Lebensbornkind auf die Welt kam.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis ist der erste Besuch 2009 in Auschwitz. „Meine Mutter wollte unbedingt dort hin“, sagt er, sehen, wo ihr Schwiegervater gewirkt hat. Die Reise wird zum Fiasko, den Namen Höß, den in Deutschland nicht alle kennen, kennt in Polen offenbar jeder. Sie werden vom Staatsschutz verfolgt, im Hotel abgewiesen, reisen nach wenigen Tagen wieder ab. „Die wussten ja nicht, was wir wollen, ob wir Alt-Nazis sind und ins rechte Lager gehören.“

Zum Wendepunkt wird ein Film, den der israelische Regisseur Chanoch Ze‘evi mit Nachkommen der NS-Täter macht. Er trifft sich mit Rainer Höß in Auschwitz, arrangiert eine Begegnung mit Schülern aus Israel, die zu einem bewegenden und beklemmenden Erlebnis für alle Seiten wird. Als ihn ein Mädchen fragt, was er tun würde, wenn sein Großvater heute noch lebt, sagt er: „Ich würde ihn töten.“

Das haben ihm manche als Anbiederung vorgeworfen. Andere reden von Geschäftemacherei mit dem Nationalsozialismus, als er angeblich versucht den Familiennachlass an die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zu verkaufen. Tatsächlich überlässt er ihn dem Institut für Zeitgeschichte in München und macht sich an die Veröffentlichung eines Buches.

 „Das Erbe des Kommandanten“ heißt es. Höß schreibt es mit Hilfe zweier Journalisten, die für den richtigen Tonfall sorgen. Höß kehrt nach Auschwitz zurück, wird bald zu einem gefragten Gesprächspartner. Mit über 170 Zeitzeugen tritt er in Kontakt, für Furore sorgt die Begegnung mit der Auschwitz-Überlebenden Eva Mozes-Kor, die mit ihm 2014 in der Talkshow von Markus Lanz auftritt.
Einfach ist es für Rainer Höß dennoch nie geworden. „Ich bin unbequem“, sagt er, nicht wenige bleiben ihm gegenüber skeptisch. Da, wo er redet, macht er aber viele gute Erfahrungen. Vor allem, wenn es Schülerinnen und Schüler sind, die genau zuhören.

Ansonsten ist sich Rainer Höß nicht sicher, ob Deutschland wirklich dazugelernt hat. Die AFD, Pegida, das alles bereitet ihm Kopfzerbrechen. Freude machen ihm jedoch seine Kinder und Enkel. Immer wieder mal eine Taufe, ein reger Austausch und ein großes Interesse an dem, was damals war.
Ob er persönliche Schuld empfindet? „Schuld nicht, aber Scham und Verantwortung“, sagt er. Sein Ziel ist, dass der Name Höß auch wieder für etwas anderes steht als für die Tötungsfabrik in Auschwitz, die der Großvater so gewissenhaft geleitet hat wie ein ganz normales mittelständisches Unternehmen irgendwo in Deutschland.

Das Erbe des Kommandanten

Rainer Höß
Das Erbe des Kommandanten
190 Seiten, gebunden
20,00 €