Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der ganze Stolz seiner Bürger

Das Ulmer Münster ist die größte protestantische Kirche in Deutschland. Fast 750 000 Menschen be­suchen es pro Jahr: Touristen, Turmbesteiger, Neugierige, Kirchennahe, Kirchenferne, Einsame in psychischer Not, die sich von dem mystischen Raum wie magisch angezogen fühlen. Ein Rundgang durch mehrere Jahrhunderte Kirchenbau- und Reformationsgeschichte. 


Das Ulmer Münster ist das alles überragende Zentrum der Stadt. (Foto: Manfred Grohe)


Doch nicht die Zahlen sind das eigentlich Spannende an dieser Kirche. Ihre Entstehungsgeschichte in einer Stadt ohne Bischof war für das Mittelalter außergewöhnlich, der stolze Bürgersinn, der sich in dem gewaltigen Vorhaben manifestierte, bis heute bemerkenswert, vor allem aber der späte Abschluss der Bauarbeiten nach gut dreihundertjähriger Pause. Das Ulmer Münster ist heimliche Heimat für psychisch Kranke, El Dorado für Kulturfreunde, Nervenkitzel für Leute mit Höhenangst, Raum für stille Beter, Anziehungsort für Künstler und eine Marke mit höchstem Erkennungswert für Marketing-Strategen. Das Münster steht in Ulm über allem, in jedem Sinne. Sogar die Muslime in der Stadt sprechen von „unserem Münster“.

Hauptattraktion ist der Turm: 124.233 Menschen haben ihn laut einer städtischen Statistik im Jahr 2011 bestiegen. Umso bemerkenswerter, da es zum Entsetzen manch weitgereister Touristen keinen Aufzug gibt, sondern nur Treppenstufen, genau 768 davon.

Sabine und Jonny waren irgendwann oben, denn ein Graffiti im Treppenaufgang kündet davon, dass die beiden sich „bis in alle Ewigkeit“ lieben. Auch Sonja war schon auf dem Turm, Anne und Gloria, Nicky und Sandra, überhaupt tausende von Leuten, die mit Stift oder Fingernagel ihre Namen in den engen Treppenhäusern hinterlassen haben. Unter den Besuchern sind auch Literaten wie ein Hesse-Freund („Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sinnigerweise ein Ansporn auf Stufe 12) oder Alt-68er („Sex and Drugs and Rock’n Roll“), Finnen („A laget Suomi“) und Italiener („Sicilia sempre“).

Auf 70 und auf 102 Meter Höhe gibt es Galerien, selbstmörderischere Metallzäune machen sie zu luftigen Käfigen. Eine schmale Treppenspindel führt hinauf zur Helmkranzgalerie: 143 Meter. Die letzten Trittsprossen, hinauf zu den Kreuzblumen an der Spitze, sind für die Besucher unzugänglich, ihr Anblick dient nur zum wohligen Gruseln. Die Meinungen der Turmbesteiger sind geteilt zwischen Faszination und Schwindel. Jedenfalls: Die Aussicht ist grandios.

Ein Kirchenraum wie dieser hat seinen eigenen Tagesrhythmus. Die Frische des Morgens ist betörend, nur die Putzfrau ist dann unterwegs, der Organist, der noch mal das Mittagsprogramm durchgeht und die Münsterwache, die den Kerzentisch von Wachsflecken befreit. Wenn die Pforte ab 9 Uhr öffnet, ergießt sich ein langsam anschwellender Gästestrom in das riesige Hauptschiff. Zu den besten Zeiten – etwa auf halber Strecke zwischen den Mahlzeiten – tummeln sich im Münster fünf, sechs, sieben, manchmal zehn Gruppen gleichzeitig und hören den Erläuterungen der Münsterführer zu. Eine wabernde Geräuschdecke legt sich über die Morgenstille. Genaue Statistiken gibt es nicht, aber im Laufe eines Jahres werden es gut 750 000 Menschen sein, die diese Kirche betreten.

Richtig eng wird es zum Beispiel samstags, wenn viele Reisegruppen unterwegs sind, vormittags aber Trauungen stattfinden. Manchmal bleibt für die Münsterführung dann nur eine halbe Stunde für alle: „Da ist dann richtig Druck auf dem Kessel“, weiß Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland, der von seinem Arbeitsplatz an der großen Orgel den besten Überblick hat. Mittags, zur Andacht im Chorraum und zum Orgelkonzert, beruhigt sich das Geschehen, bis die Nachmittagsführungen wieder die Lufthoheit übernehmen und erst gegen Abend ausklingen. Alles wird begleitet von einer großartigen Lichtinszenierung, die den Tageslauf der Sonne am Himmel durch das Leuchten der Glasfenster miterleben lässt.

Wieland gehört zu denjenigen, die das Glück haben, das Münster auch nachts erleben zu dürfen, weil tagsüber Orgelüben tabu ist. Die riesige Halle ist dann still und dunkel, nur durch die Obergadenfenster dringt Laternenlicht und wirft spielerische Schatten. Als Albert Schweitzer hier 1929 ein Orgelkonzert gab, dankte er „in tiefer Ergriffenheit“.

Freilich, nicht alle Besucher können sich auf dieses Gefühl des Staunens und Bewunderns einlassen. Davon weiß Mesner Gert Kappler ein Lied zu singen. Der Klassiker sind die Klagen, dass das Münster ausgerechnet abends um dreiviertel acht geschlossen wird, da man doch nun um die halbe Welt gereist sei, um das wunderbare Chorgestühl zu sehen, und zwar jetzt, um dreiviertel acht. „Da könnten wir 24 Stunden aufhaben, da wären immer noch welche unzufrieden“, sagt Gert Kappler.

Dass er sich dafür manchmal als „unchristlich“ bezeichnen lassen muss, gehört noch zu den milderen Vorwürfen. Die Zahl derer, die überhaupt wissen, wozu ein Gebäude wie dieses dient, sinkt stetig, und damit auch die Bereitschaft, sich hier mit einer Basisportion an Respekt aufzuhalten. Auch wüste Beleidigungen sind Kappler nicht fremd, wenn er, zum Beispiel, bei einer versuchten Opferstock-Manipulation eingreift. „Halt die Fresse, ich hau dir eins rein, alles schon dagewesen“, sagt Kappler lakonisch. Ein freundlicher, stiller Mensch, der all dies ohne Klage erträgt und vor allem das Glück ausstrahlt, hier arbeiten zu dürfen.

Der Mesner führt auch viele freundliche Gespräche, etwa heute, als er vor der Mittags-andacht vor den Chortreppen steht und Sitzkissen verteilt. Wie alt ist das Münster eigentlich? Gibt’s das überhaupt, ein evangelisches Münster? Wo sind die Toiletten? Ist das hier eine Kirche oder was? „Es gibt schon eigenartige Begegnungen“, resümiert Kappler.

Das erlebt auch Tabea Frey, seit zwölf Jahren Münsterpfarrerin. Natürlich, die große Menge der Besucher kommt, um das Bauwerk mit mehr oder weniger großem Kulturverstand anzusehen. Aber daneben gibt’s eine Unterströmung, die man kaum wahrnimmt: „So ein Raum zieht psychisch kranke Menschen an. Manche von denen sind täglich da“, hat sie beobachtet.

Eine Frau kommt mit Taschen voller Zeitungspapier, steht stundenlang vor einem Altar und tut so, als ob sie fotografiert. Ein Mann aus einem Behindertenheim erscheint regelmäßig, um die Münsterseelsorge anzuhalten, man solle für ihn um eine Frau bitten und geht dann mit einem freundlichen „Gesegneten Tag!“ durch die Bankreihen. Manche Leute stören sich daran, aber die Münsterpfarrerin betont: „Wir müssen auch Raum für schräge Gestalten bieten.“ Manchmal sei das Münster eben auch ein Asyl-Ort.

Dass diese Kirche seit bald 500 Jahren evangelisch ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn Gotteshäuser wie dieses leben von der Liturgie, die im evangelischen Württemberg ohnehin besonders karg ist, und von der Sinnenfreude des Hörens und Schauens. Das Münster ist nicht gebaut worden, damit ein paar hundert oder tausend Leute einem einzelnen Prediger zuhören. Gerade das aber ist ja nun mal die Quintessenz des evangelischen Gottesdienstes. „Diese Akustik ist eine echte Herausforderung“, sagt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl: „Nach jedem Gottesdienst kommen Leute und sagen: Ich habe von der Predigt überhaupt nichts verstanden.“

Der Münsterbaumeister hat das Paradiesfenster geschlossen und ist in der Christuskammer angelangt. Es ist einer der Räume in diesem Bauwerk, die deshalb erstaunen, weil sie so geräumig und gleichzeitig so funktionslos sind. In der Christuskammer ist ein steinerner Brunnenaufsatz abgestellt, für den es keine Verwendung gibt, zweite Wahl.

Aber Hilbert kriegt sich nicht mehr ein: „Dieses Teil ist der Wahnsinn.“ Eine steinerne Fiale zwirbelt sich elegant um sich selbst nach oben, es ist das Werk eines unbekannten Meisters der Hochgotik: „Irre, irre, wie spielerisch der das hingekriegt hat.“ Selbst vor den ausgemusterten Bauteilen kennt das Staunen keine Grenzen.





Information

Das Ulmer Münster ist täglich von 9 bis 18.45 Uhr geöffnet, in den Sommermonaten bis 19.45 Uhr, Turmbesteigung von 9 bis 17.45 Uhr (Sommer 18.45 Uhr). Der Eintritt in den Kirchenraum ist im Gegensatz zu anderen berühmten Gotteshäusern wie dem Berliner Dom generell frei. Nur für die Turmbesteigung müssen vier Euro entrichtet werden.

Von Mai bis September gibt es täglich außer montags um 11.30 Uhr eine Andacht, um 12 Uhr Orgelmusik. Jeden Sonntag finden drei Gottesdienste statt: Ein Frühgottesdienst um 8 Uhr, der Hauptgottesdienst um 9.30 Uhr und ein Abendgottesdienst um 18 Uhr. Weitere Informationen bei der Evangelischen Münstergemeinde, Telefon 0731-3799450, www.ulmer-muenster.de.
Im Internet steht auch stets aktuell das jeweilige Tagesprogramm des Münsters.

2015 feiert Ulm das 125-jährige Jubiläum der Turmvollendung. Die Hauptfeierlichkeitem werden vom 29. bis 31. Mai 2015 stattfinden. Bereits am 29. Juni 2014 wird jedoch im Ulmer Stadthaus direkt neben dem Münster eine Ausstellung mit dem Titel „Ulmer Weitblick“ eröffnet, die die Geschichte des Münsterturmbaus im Wandel der Zeiten wiederspiegelt. Sie beginnt mit der Darstellung der Feierlichkeiten zum 500. Kirchenbaujubiläum 1877 und wird mit der Dokumentation über die Feiern anlässlich der Turmvollendung 1890 fortgesetzt. Bis Jahresende soll die Ausstellung monatlich ergänzt und verändert werden, 2015 fließen dann die Ergebnisse des großen Wettbewerbs ein, bei dem sich internationale Künstler mit dem Münsterturm auseinandergesetzt haben: Stadthaus Ulm, Telefon 0731-1617700, Internet www.stadthaus.ulm.de.