Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Gerechte unter den Völkern - Pfarrer Julius von Jan

Pfarrer Julius von Jan war ein kleiner, bescheidener Mann, der Großes geleistet hat. Mit einer Gedenkstunde in Oberlenningen würdigen Gemeinde und Landeskirche das Werk eines Mannes, der den Nazis die Stirn bot. Dafür wurde er vom Staat Israel in die Reihe der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen. Eine späte Ehrung für einen, dessen Wirken zu Lebzeiten kaum bekannt war.

Julius von Jan mit Ehefrau Martha und Sohn Richard (Foto: privat)

Die St. Martinskirche war voll am Buß und Bettag des Jahres 1938. Die Menschen in Oberlenningen hatten gehört, dass ihr Pfarrer an diesem 16. November eine besondere Predigt halten würde. Nächtelang hatte er mit sich gerungen, Freunde befragt, das Für und Wider abgewogen. Doch dann stieg er festen Schrittes auf die Kanzel und sprach über das, worüber sonst kaum einer in Deutschland öffentlich zu sprechen wagte.

Eine Woche zuvor hatten die Synagogen gebrannt, waren Tausende von Juden verhaftet, malträtiert oder getötet worden. Das hatte viele Menschen aufgewühlt und manche auch empört. Doch die christliche Kirchenleitung schwieg, das Gros der Kritik verblieb in Andeutungen und dezenten Mahnungen.

Julius von Jan nimmt kein Blatt vor den Mund

Nur der schwäbische Landpfarrer Julius von Jan nahm kein Blatt vor den Mund: Von „Lügenpredigern“ sprach er, die „nur Sieg und Heil rufen können“. Vom „organisierten Antichristentum“ und „Männern, die bloß, weil sie einer anderen Rasse angehören, ins KZ geworfen wurden“. Schließlich auch von Bischöfen, die zu all dem geschwiegen hätten.

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Dorfpolizist will Julius von Jan beschützen

Julius von Jan war kein Einfaltspinsel. Er wusste genau, was ihn erwarten würde, hatte seine mutige Predigt sogar mit den Worten beendet: „Gott Lob! Es ist ausgesprochen. Nun mag die Welt mit uns tun, was sie will.“ Es war nur eine Frage der Zeit, bis etwas passieren würde.

Am Morgen des 25. November 1938 klebten Plakate mit der Aufschrift „Judenknecht“ am Pfarrhaus. Am Nachmittag fiel die SA in den Ort ein. Es waren Schlägertrupps aus Nürtingen und Kirchheim, die mit wüsten Parolen nach dem Pfarrer riefen. Sie fanden ihn bei einer Bibelstunde im Nachbarort Schopfloch, brachten ihn zurück nach Oberlenningen und schlugen ihn vor der Kirche zusammen.

Später haben Augenzeugen das Spektakel geschildert. Die hilflosen Versuche mancher Einwohner, ihren Pfarrer zu schützen, das mutige Eintreten des Dorfpolizisten, die Rettung in letzter Minute, als man ihn ins Rathaus brachte.

Im Evangelischen Sonntagsblatt, einem der Vorläufer des Evangelischen Gemeindeblatts, veröffentlichte Julius von Jan am 25. August 1957 erstmals seine Geschichte. (Foto: Evangelisches Gemeindeblatt)

Es gehört zu den erstaunlichsten Dingen, dass Pfarrer Julius von Jan nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Oberlenningen zurückkehrte. „Es war ein sehr bewusster Schritt“, sagt Richard von Jan, sein Sohn. Der 85-Jährige lebt heute in Fürth und war vier Jahre alt, als die SA die Scheiben des Pfarrhauses einwarf. Daran hat er keine Erinnerung mehr, wohl aber an die Rückkehr im Herbst 1945.

Von seinen Oberlenningern hat sich Julius von Jan nie im Stich gelassen gefühlt. Als er nach den Vorfällen vom November 1938 im Gefängnis in Kirchheim saß, kamen Mitglieder der Gemeinde und sangen Choräle für ihn. „Er war dem Ort sehr verbunden“, sagt Richard von Jan und fühlt sich dort auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder wie zu Hause.

Exil in Bayern - Gelbsucht - Neuanfang in Zuffenhausen

Dazwischen hatte er viele Jahre im bayerischen Exil leben müssen. In der evangelischen Enklave Ortenburg in Niederbayern fand die Familie Zuflucht. Zugleich hatte ihn ein Sondergericht in Stuttgart zu 16 Monaten Haft verurteilt. Mitte 1943 wurde er 46-jährig an die Ostfront geschickt, mit dem kaum verhohlenen Ziel, ihn dort an einem der gefährlichsten Kampfabschnitte sterben zu lassen.

Eine Gelbsucht rettete ihn. Julius von Jan überlebte den Krieg und wurde nach kurzer Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause entlassen. Über das, was ihm widerfahren war, hat er nur selten gesprochen, „er war sehr zurückhaltend“, erinnert sich sein Sohn Richard. So steht ihm auch der Sinn nicht nach Rache, als er auf die Schwäbische Alb zurückkommt, obwohl die Rädelsführer von damals bekannt sind und zum Teil schon wieder bürgerlichen Berufen nachgehen. Von „Demonstranten“ spricht er im Rückblick.

R. von Jan, Sohn des Pfarrers Julius von Jan1949 berief ihn die Landeskirche aus Oberlenningen ab. Im zerstörten Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen sollte er die Kirche neu aufbauen (Seite 6). Er befolgt den Auftrag so pflichtschuldig und treu wie eh und je: Von Jan war kein Revoluzzer, eher national gesinnt, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und der Obrigkeit grundsätzlich zugetan. Was ihn jedoch stets auszeichnete, war sein tiefer Glaube. „Dafür habe ich ihn immer bewundert“, sagt Sohn Richard, „er hatte keine Angst, fühlte sich von Gott getragen.“

Gerne hätte er es gesehen, wenn auch sein Sohn Pfarrer wird. Er schickt ihn auf eine christliche Freizeit, doch am Ende steht für Richard von Jan fest, „dass das nicht mein Weg ist“. Der Vater akzeptiert es klaglos und der Sohn wird Physiker bei AEG und Siemens. Er ist schon längst aus dem Haus, als Julius von Jan einen Herzanfall und eine Nieren-Embolie erleidet – Spätfolgen der Haft und des Krieges. Im Juli 1961 geht er vorzeitig in den Ruhestand. Er verbringt ihn in Korntal und stirbt dort am 21. September 1964 im Alter von 67 Jahren.

Der 85-jährige Richard von Jan lebt heute in Fürth. (Foto: Privat)

Zu Lebzeiten hielt sich das Interesse an seiner Geschichte in Grenzen. Erst im Sommer 1957 erklärte er sich bereit, die Oberlenninger Begebenheit aufzuzeichnen. In zwei Folgen erscheint sie im Stuttgarter Evangelischen Sonntagsblatt, einem der Vorläufer des Evangelischen Gemeindeblatts, unter der Überschrift: „Im Kampf gegen den Antisemitismus: Erlebnisse im Dritten Reich.“

Doch die großen Fragen kamen erst ab den 1980er-Jahren auf: Beantworten musste sie fast alle Richard von Jan, der einzige Überlebende der Familie. Die Ehefrau Julius von Jans war 1975 verstorben, die 1943 geborene Tochter 1979. Immer öfter gibt es nun Gedenkfeiern, eine große fand in Oberlenningen am 75. Jahrestag der Ereignisse 2013 statt.

Die Kanzel ist immer noch die gleiche

Für Oberlenningens heutigen Pfarrer Dirk Schmidt ist es einer der ersten Gottesdienste in der neuen Gemeinde überhaupt. Von Anfang an fasziniert ihn die Geschichte Julius von Jans, Sonntag für Sonntag steht er auf eben jener Kanzel, auf der sein Vorgänger die bemerkenswerte Predigt hielt. Die Predigt liegt heute am Eingang der St. Martinskirche aus, Besucher dürfen sie mitnehmen und weiterverbreiten. Seit 1. Januar 2018 trägt die fusionierte Kirchengemeinde Lenningen den Namen Julius von Jans.

Julius von Jan - Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern"

Julius von Jan gehört nicht zu den ganz bekannten Persönlichkeiten des deutschen Widerstands. Doch das beginnt sich zu ändern. Den Anfang machte 2018 eine Meldung aus Israel, die für Schlagzeilen sorgte: Der Pfarrer aus Oberlenningen bekommt von der Gedenkstätte „Yad Vashem“ den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen. Damit steht er in einer Reihe mit Oskar Schindler und anderen Zeitgenossen, die sich in der NS-Zeit für jüdische Mitbürger eingesetzt haben.

Schwäbischer Landpfarrer, Gerechter unter den Völkern, Julius von JanDie Gemeinde Oberlenningen und die württembergische Landeskirche haben das nun zum Anlass genommen, am 20. Oktober eine Gedenkstunde in Oberlenningen zu veranstalten. Landesbischof Frank Otfried July hat sein Kommen zugesagt. Auch der Sohn, Richard von Jan, wird zugegen sein, wenn ein Kirchengemeinderat aus Oberlenningen am historischen Ort die Originalpredigt vom 16. November 1938 verliest.

Im alten Kirchhof wird dann ein neuer Gedenkort eröffnet werden, der auch den Grabstein Julius von Jans umfasst: Nach der Auflösung der Grabstelle in Korntal 2019 kommt der Stein nun zur letzten Ruhe nach Oberlenningen. „Er ist dort gut aufgehoben“, sagt Richard von Jan, der damit der Bitte der Gemeinde entsprochen hat. Überdies wird es eine Gedenktafel mit den Lebensdaten Julius von Jans geben sowie einen QR-Code, der auf weitere Informationen im Internet verweist. Über 80 Jahre nach jener Predigt am Bußtag ist Julius von Jan damit präsenter denn je in Oberlenningen.

Julius von Jan (Foto: Privat)

 

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