Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Gigant in der Gemeinde

DETTINGEN AN DER ERMS (Dekanat Bad Urach) – „Y.M.C.A.“ – Das ist einer der Erfolgs-Titel der Band Village People von 1978. Die Abkürzung steht für Young Men’s Christian Association, zu deutsch Christlicher Verein Junger Menschen, CVJM. Und der ist in Dettingen auch genauso erfolgreich. 


Der CVJM ist in Dettingen eine starke Gemeinschaft. (Foto: Wolfgang Albers)


Sieben Jungen, zwei Mädchen, 14 bis 17 Jahre alt. Eine Tüte Chips ist schnell runtergefuttert und das Gespräch kommt direkt auf den Punkt. „Mädchen haben keine Ahnung von Technik.“ „Jungen haben eine große Klappe.“ Soweit die Momentaufnahme einer normalen Jugend-Clique.

Etwas weniger normal ist ihr Treffpunkt. Jugendliche halten gerne Abstand zur Erwachsenenwelt und ihren Institutionen. Diese Gruppe aber trifft sich im Haus der Evangelischen Kirchengemeinde von Dettingen. Die Gemeindediakonin Judith Heinrich hat dort die Aufgabe mitgebracht: „Macht euch mal Gedanken über das andere Geschlecht. Welche Klischees kommen euch in den Sinn? Was habe ich denn am anderen Geschlecht noch nie verstanden?“ Und mit viel Gefrozzel und Gelächter macht sich der Jugendkreis des CVJM an die Arbeit.

Der CVJM ist sicher, zumal in Württemberg, eine Größe – in Dettingen aber ist er ein Gigant. 2500 Menschen in der 9000-Einwohner-Gemeinde im Ermstal haben in irgendeiner Form mit dem CVJM zu tun, schätzen die Verantwortlichen. 730 Mitglieder hat der CVJM Dettingen. 250 davon arbeiten in irgendeiner Funktion, zum Beispiel in den Gruppen und Angeboten. 51 gibt es, von der Mädchenjungschar, die sich wieder in etliche Gruppen wie die „Labertaschen“ die „Flotten Socken“ unterteilt, den Männertreff „GoWild“, die Frauensportgruppe oder der Bläserkreis. Allein 350 bis 400 Kinder und Jugendliche machen mit. Auch deren Eltern sind oft in irgendeiner Weise eingebunden, ohne erklärtes Mitglied zu sein.

Warum läuft der CVJM in Dettingen  so gut? Tja – da guckt Christoph Kleih erst mal ratlos. Noch in der Zimmermannskluft ist der 35-Jährige zum Gespräch ins Gemeindehaus geeilt. Er führt die elterliche Zimmerei und ist Vorstand des CVJM. Es läuft halt gut – generationenlang. Schon 1862 hat sich eine Gruppe junger Männer regelmäßig bei der Witwe Gönninger zur gemeinsamen Bibellese und zum Gebet getroffen.

In diesen Anfängen liegt schon einer der Schlüssel für die starke Stellung des CVJM in Dettingen. Die Geschichte verzeichnet eine ständige Kooperation mit den Dettinger Pfarrern, und tatsächlich sind CVJM und Kirchengemeinde nicht getrennte Wege gegangen, sondern bis heute vielfältig miteinander verwoben. So engagieren sich viele gleichermaßen in der Kirchengemeinde wie im CVJM, und auch baulich sind beide zusammengewachsen: Das Gemeinde-Haus ist mit dem CVJM-Haus verschmolzen.

„Das gehört für mich zum ganz großen Segen unserer Gemeinde, dass CVJM und Kirchengemeinde aneinander festgehalten haben“, schrieb Dettingens Pfarrer Harald Grimm zum 150-jährigen Bestehen. „Viel Gutes konnte dadurch entstehen und wachsen.“

Die pietistischen Gemeinschaften, die in und um Dettingen sehr stark sind, halten sich zugunsten des CVJM zurück. Und wenn sie doch etwas machen, geschieht das dann in Kooperation mit dem CVJM. „Das sind doch alles die gleichen Leute, die gleichen Familien“, sagt Christoph Kleih. „Die Apis sind im CVJM und die CVJMler bei den Apis.“ Die Apis, das sind die Altpietisten.

Dass sich der Dettinger CVJM in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft so stark behaupten kann, hat auch damit zu tun, dass man diese Welt nicht ignoriert, sondern zum Beispiel weiß, dass aus begeisterten Kindern skeptisch-ablehnende Jugendliche werden.

„Wir haben immer einen besonderen Blick auf die Bruchstellen“, sagt Judith Heinrich. Zum Beispiel nach der Konfirmation – wo jetzt ein Trainee-Programm die Jugendlichen durch Leitungs-Aufgaben einbindet. „Dort merken sie: Glaube und Gemeinschaft kann sehr attraktiv sein.“

So sehr, dass immer noch manche aus dem CVJM sich so sehr dem Glauben verschreiben, dass sie als Missionare in die Welt ziehen. Knapp zehn sind es momentan, bis nach Taiwan, zum Amazonas und in die Mongolei sind sie gegangen. Und bald macht sich auch Friedemann Heienbrock mit seiner Frau nach Rumänien auf.

Der zweite Vorsitzende des CVJM ist ebenfalls Zimmermann und auf eine vielleicht typische Weise in das Missionariat hineingewachsen. Nicht durch eine paulinische Bekehrungsvision, sondern durch die Abschlussfahrt seiner Jungschar, auf der die Teenies ganz altersgemäß auch das Land ein wenig unsicher machen wollten – aber außerdem einem Missionarsehepaar ein bisschen beim Bauen helfen wollten. Das Grundstück war am Wasser, jemand fabulierte die Idee eines kleinen Kraftwerks – und schon fuhren die Dettinger viele Jahre nach Rumänien bis das Turbinenhaus gebaut war.

In Dettingen geht was. Aber Christoph Kleih registriert auch die Gefahr des Erfolges: „Wir haben zwar sehr viel, aber wir drehen uns im eigenen Saft und reproduzieren uns durch die CVJM-Familien.“ Um Kontakt zu den Kirchen- und Religions-Fernen zu bekommen, hatte der CVJM deshalb ein Sofa in seinen Gruppenraum gestellt. „Wohnzimmer“ hieß das Projekt – und brachte eine unfromme Klientel ins Gemeindehaus, die so manchen etablierteren CVJMler zusammenzucken ließ.

Klar war aber auch: So eine anspruchsvolle Aufgabe ist ehrenamtlich nicht mehr zu machen. Der CVJM hat deshalb in seine Rücklagen geschaut, sich mit Christoph Kleih gefragt: „Was bringt uns das, wenn wir einen Haufen Geld haben?“ und Andy Kögl (für die Fußballfans: Sein Großonkel Wiggerl war einst der Flügelflitzer bei den Bayern) eingestellt.

Ein junger Mann mit Mütze auf dem Kopf und Skateboard unter den Füßen: Mit ihm saust er durch den Dettinger Skate-Park – als religiöser Streetworker, oder wie es offiziell heißt: als Jugendmissionar. Der hat innerhalb des CVJMs keine Aufgaben und soll sich ganz darauf konzentrieren, mit kirchenfernen Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Ohne Druck.

„Klassische aufsuchende Jugendarbeit“, so beschreibt Andy Kögl sein Konzept. Er will „hinter den Menschen die Person und nicht das Missionsobjekt sehen“, er geht in Schulen, auf Sportplätze, zu Orten, wo sich Cliquen treffen. Er bietet praktische Hilfe, etwa beim Schreiben von Bewerbungen, versucht, beim Finden der eigenen Persönlichkeit zu helfen: „Dabei verhehle ich Gott nicht. Manche belächeln das und die Tür geht wieder zu.“  Aber er hat auch schon gute Erfahrungen gemacht: „Am Skaterpark habe ich Beziehungen zu einer Clique aufgebaut, die normalerweise sehr immun gegen Kontakt ist.“ Und dass er einen Marihuana-Abhängigen zu einer Berufsanalyse gebracht hat, freut ihn. Was wiederum den Schulrektor, der sehr skeptisch bei der ersten Begegnung mit Kögl reagiert habe, sprachlos vor Staunen gemacht habe.

Die Motivation für dieses Projekt, sagen die CVJMler, sei dies: „Das soll ein Segen für den ganzen Ort sein und nicht primär für den CVJM.“ Christoph Kleih findet, dass der Anfang hoffnungsvoll sei: „Das Projekt hat alle mitgenommen. Ich wüsste keinen, der gesagt hat: Spinnt ihr?“


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