Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Heinz und seine eva

Heinz Gerstlauer ist Pfarrer und Sozialunternehmer. Seit 23 Jahren ist er Chef der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva), eine der größten diakonischen Einrichtungen in Württemberg, die auch das Evangelische Gemeindeblatt herausgibt. Am 30. Juni geht er in Ruhestand, ein tiefer Einschnitt, auch für ihn selbst. Ein Tag im Leben des 65-Jährigen, eng vertaktet, früh beginnend. 

Ein Ära ist zu Ende: Nach 23 Jahren geht Heinz Gerstlauer, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft, in Ruhestand. (Foto: Werner Kuhnle)

Morgens um fünf ist die Welt noch nicht in Ordnung. Heinz Gerstlauer kriecht trotzdem aus dem Bett, schlürft einen schnellen Kaffee und fährt auf den noch menschenleeren Straßen von Gönningen nach Stuttgart. Wenigstens kein Stau, dafür aber „krabbenacht, im Winter sehe ich mein Haus unter der Woche nur im Dunkeln“, sagt er leicht ironisch.

Er ist seinem Dorf immer treu geblieben, dem Reutlinger Vorort, an dem seine letzte Pfarrstelle war und der nun auch zum Schauplatz seiner Ruhestandsaktivitäten werden wird. „Umzug nach Stuttgart? Hat sich nie ergeben.“ Also B 27 und Tief­garage in der Büchsenstraße, um halb sieben sitzt er am Schreibtisch.

Es ist ein großer schwarzer Schreibtisch in einem großen geräumigen Büro. Die Sekretärin ist heute krank. So läuft er halt selber zur Kaffee­maschine und kommt mit einer vollen Tasse zurück. Die Zeit drängt, wie immer. Seit 23 Jahren ist der Tag von Heinz Gerstlauer so eng vertaktet wie die S-Bahn, die unweit der eva hält. Vorstandssitzung, Aufsichtsrat, Jugendhilfeausschuss, Mitarbeitergespräch, Empfang im Rathaus. Den genauen Überblick hat nur Frau Hess, die seinen Kalender führt. „Ein hoher Grad an Fremdbestimmung“, sagt Gerstlauer, was kurios klingt für einen, der im Grunde mehr zu bestimmen hat als jeder andere in seinem Haus.

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Um 8.15 Uhr stehen die Abteilungsleiter der Jugendhilfe auf seiner Matte. Runder Tisch im Vorstandsbüro, jede Woche um die gleiche Zeit, ohne Tagesordnung. Gerstlauer lässt seine Leute reden, hört scheinbar nur am Rande zu, runzelt hin und wieder die Stirn. Ein Dekan habe bei einer Dienstbesprechung gefragt, ob Diakonie-­Mitarbeiter auch theologische Fort­bildungen bekämen. „Echt?“ entfährt es ihm nur, weil er sich wohl fragt, ob die sonst keine anderen Sorgen haben. Er kennt die Sticheleien zwischen ­Diakonie und Kirche auswendig, das Konkurrenzdenken, obwohl eigentlich ja alles ein großes Ganzes ist.

Dann wird es ernst. Die Heilbronner fragen nach Amtshilfe, nach Entlastung. Ein Missbrauchsskandal im Kindergarten hat die Beteiligten vor Ort arg erschüttert, „da können wir helfen, machen wir“. Gerstlauer ist ein Mann der schnellen Entscheidungen, der kurzen klaren Statements. Im Kreis herumlabern macht ihn fuchsig, Wischi­waschi ebenfalls. „Ich liebe Klartext“, sagt er, „Schachtelsätze gibt‘s bei mir nicht.“

Vermutlich hätte er auch gar keine Zeit dafür. Um 9.15 Uhr ist der runde Tisch aufgehoben und eine dreiviertel Stunde Luft für Bürokram. E-Mails, Anrufe, ein Blick in die Handbibliothek. Heinz Gerstlauer kennt seine Bücher, die zwölf Bände des Sozial­gesetzbuches, die Lexika der Jugendhilfe, die Geschichte der Diakonie, die Agende der Landeskirche, die ­Predigttexte.

Zum Predigen bleibt ihm nicht viel Zeit seit er die Stelle als Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart übernommen hat. Am 1. April 1995 war das, „kein Scherz“, sagt er grinsend, sondern pure Absicht. Er war 42, wollte wechseln, suchte eine neue Herausforderung, eine Tätigkeit auf Führungsebene. Die einen werden eben Dekan, die anderen Diakonie-Boss.

Es ist eine Aufgabe, die wie geschaffen ist für ihn. „Unternehmer mit einer normativen Achse“, nennt er das, oder etwas einfacher ausgedrückt „Glaube in Wort und Tat“. Nächstenliebe als professionelle Herausforderung, Sozialpolitik mit einer Haltung, die auf christlichen Grundsätzen beruht.

Als er die eva übernimmt, ist sie im Umbruch. Aus einer Einrichtung für Arme, Alte und Jugendliche wird ein Sozialunternehmen. Die Zeit der Kostendeckung ist vorüber, Wettbewerb nun gefragt. „Die Umstellung war gewaltig“, sagt er und meint damit nicht nur die Umstellung für die eva, sondern auch für ihn selbst, der aus einer klar strukturierten Pfarrstelle in eine komplexe Welt der Verträge, juristischen Raffinessen und sozialpolitischen Ränkespiele kommt.

Doch Heinz Gerstlauer ist keiner, den das wirklich schreckt. Der Genießer genießt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird genauso wie ein gutes Essen. „Es hat Gewicht, was ich sage“, meint er, „aber man muss auch bedenken, was man von sich gibt.“ Er gibt viel von sich, wenn der Tag lang ist. Jetzt ist es gerade einmal 10 Uhr und die Liga der freien Wohlfahrtspflege an der Reihe. Monatliche Sitzung, ein Stockwerk tiefer. Am Tisch sind: die Caritas, das katholische Stadtdekanat, die Arbeiterwohlfahrt, das Rote Kreuz, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Israeltische Religionsgemeinschaft und die Evangelische Gesellschaft.

Es ist die Vertretung der freien Sozialverbände gegenüber der Stadt Stuttgart. Ein wichtiges Gremium, das drei stimmberechtigte Mitglieder in den Jugendhilfeausschuss entsendet. Einer von ihnen ist Heinz Gerstlauer. Wenn er redet, klingt er überhaupt nicht wie jemand, der in ein paar Wochen in den Ruhestand geht. „Hier geht es um Grundsätzliches“, sagt er, „da muss man dann auch mal hinstehen.“

Hinstehen ist in diesem Job leider nur selten wörtlich gemeint. Die meiste Zeit sitzen Vorstände, in nimmer enden wollenden Konferenzen und Gesprächsrunden. Vielleicht hat der Fuchs Gerstlauer deshalb irgendwann die Social Walks erfunden: Rundgänge durch die Problemzonen der Stadt, das Bordell-Viertel, die Obdachlosenunterkünfte, den Straßenkindertreff, die Bahnhofsmission. Es sind Stadtführungen der besonderen Art, bei denen er Menschen mit Einfluss und Vermögen die Augen öffnet.

Im Idealfall öffnen sie danach auch ihren Geldbeutel, drei Millionen Euro betragen zwischenzeitlich die Spenden für die eva pro Jahr. „Ohne das würde es nicht mehr gehen,“ sagt Gerstlauer. Kaum war er im Amt, hat er in der Schweiz ein Diplom in Nonprofit-Management abgelegt, später in Eichstätt Sozialarbeit studiert. Den Abschluss macht er als Jahrgangsbester. Es ist das Handwerkszeug für den Sozialunternehmer in einem Bereich, der von Jahr zu Jahr wächst: Demenz, Aids, Obdachlosigkeit, Drogensucht, Prostitution, Gewalt in der Ehe, traumatisierte Flüchtlinge. Es ist unglaublich, wo die eva überall mitmischt.

Nach 23 Jahren ist Heinz Gerstlauer nichts Menschliches mehr fremd und der Big Daddy der eva stolzer Vater von acht Tochterunternehmen und sieben Enkelbetrieben. Eine dieser Töchter ist das Rudolf-Sophien-Stift, eine Behinderteneinrichtung, die im Stuttgarter Zentrum auch ein Restaurant betreibt: das Rudolfs.

Hier ist Gerstlauers nächster Termin um 12.30 Uhr. Eine Delegation der polnischen Diakonie hat sich angekündigt, will Stuttgart, die Evangelische Gesellschaft und ihre Strukturen kennenlernen. Gerstlauer begrüßt Wanda Falk, die Generaldirektorin der Polen. Sie versteht Deutsch, den Rest übersetzt eine polnischstämmige Mitarbeiterin der Evangelischen Gesellschaft. 40 Nationen sind bei der eva beschäftigt, „es ist fantastisch, was für ein ­Potenzial wir bei uns haben“, sagt Heinz Gerstlauer.

Manche glauben ja, dass Heinz Gerstlauer mit der eva verheiratet sei. Tatsächlich heißt seine Ehefrau jedoch seit vielen Jahrzehnten Ulrike, ist Gymnasiallehrerin für Mathematik und mit Zahlen mindestens so gut vertraut wie ihr Mann. Die zweite wichtige Frau in seinem Leben ist Leonie, seine Tochter, die als Wirtschaftsingenieurin bei Porsche arbeitet.

Leonie soll nun der Diakonie helfen. Denn die Polen interessieren sich brennend für deutsche Autos und Gerstlauer ist fieberhaft bemüht, für sie eine Werksführung bei Porsche zu organisieren. Außerdem bekommen sie einen kleinen Rundgang durch die Stuttgarter Innenstadt, bevor es um 14 Uhr zum Jugendamt geht. Das ­älteste Haus der Stadt, der Sitz der ­Rockergruppe Hell’s Angels, die Spielhöllen, das Rotlichtviertel mit all ­seinem Elend, die Hilfsangebote der eva und der anderen sozialer Einrichtungen: Es gibt nichts, was Heinz Gerstlauer hier nicht kennt.

Mit Sabina Schaefer, Leiterin des Beratungszentrums Mitte, hat er sogar studiert. Großes Hallo, als er mit den Polen bei ihr im Jugendamt eintrifft. Er lässt sie reden, stellt sein Smartphone auf und hämmert in eine separate Tastatur E-Mail-Nachrichten. Büroarbeit, extern, es gibt wie immer viel zu regeln.

Um 17 Uhr wird er mit den Polen bei der eva sein, um 19 Uhr beim Essen im „Becher“. Richtig schwäbische Küche, so wie es Heinz Gerstlauer liebt. Man sieht es ihm an, dass er gerne isst – und kocht. Die Kochkunst wurde ihm in die Wiege gelegt, das Pfarramt nicht. Er hat es sich erkämpfen müssen, macht als einziges von vier Kindern Abitur.

Weil er ein Stipendium bekommt, am Evangelischen Stift in Tübingen, darf er auch studieren. Ansonsten hätte ihn die Mutter lieber in einem Steuerbüro gesehen, der Vater in einem Handwerksberuf, als Dachdecker. Nach ganz oben hat er es dann ja doch geschafft, der Abstieg wird ihm wohl einigermaßen schwerfallen.

„Ich muss abtrainieren“, sagt er mit einem Bild aus der Sportlersprache und freut sich immerhin auf das Ausschlafen, das ihm so viele Jahrzehrzehnte nicht vergönnt war. Vergönnt war ihm stattdessen eine Tätigkeit, bei der er beides zusammenbringen konnte. Sein Unternehmer-Gen und das auf den Glauben gegründete Engagement für andere Menschen. Geld-Werte und andere Werte, die unterm Strich noch etwas wichtiger sind.

Um kurz nach neun Uhr abends ist sein Tag dann zu Ende. Wieder einmal. Reutlingen bei Nacht. Er kennt es in- und auswendig. Demnächst wird man ihn dort auch bei Tageslicht zu Gesicht bekommen. Was er dann macht? „Verrat ich nicht.“ Untätig wird er mit großer Sicherheit nicht bleiben, vielleicht ja auch wieder öfter einmal auf der Kanzel stehen sowie am heimischen Herd. Die eva und ihre Töchter werden trauern, Ulrike und Leonie sich aber umso mehr freuen.